Mobilitätsforschung: "Junge Leute steigen häufiger um"

18. Oktober 2011, 19:11
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Mobilitätsforscherin Irene Feige spricht über den Einfluss veränderter Lebensbedingungen einer urbanisierten Gesellschaft auf die Mobilität - Dem E-Auto räumt sie dabei eine Nische ein

STANDARD: Wieso verliert die heilige Kuh Auto in Europa und der übrigen westlichen Welt an Bedeutung?

Feige: Im Rahmen einer aktuellen Studie haben wir am Institut für Mobilitätsforschung internationale Verkehrsstatistiken ausgewertet. Diese belegen, dass junge Menschen in verschiedenen Industrieländern weniger Auto fahren als früher. Interessanterweise hat sich das Mobilitätsverhalten junger Menschen nur bei Männern verändert. Männer haben ihre Automobilnutzung reduziert, während jene der Frauen gleich geblieben ist.

STANDARD: Hat sich die Einstellung der Männer zum Auto geändert?

Feige: Eine geringere Automobilnutzung bedeutet nicht, dass sich die Einstellung zum Auto verändert hat. Vielmehr sprechen funktionale Gründe dafür, dass aus pragmatischen Überlegungen auf das Auto - für gewisse Wege - verzichtet wird.

STANDARD: Womit hängt das zusammen?

Feige: Veränderte Lebensbedingungen erklären einen Großteil der Veränderungen von Mobilität. Auch demografische Faktoren spielen eine große Rolle. Ältere Menschen haben ein gänzlich anderes Mobilitätsverhalten als Erwerbstätige oder junge Menschen, dies spielt gerade in einer alternden Gesellschaft eine große Rolle. Die Lebensbedingungen junger Menschen haben sich in den letzten zehn bis zwanzig Jahren verändert. Mehr junge Leute wohnen in Städten, es gibt mehr Studenten, die Familiengründung findet später statt, es gibt mehr Single-Haushalte. Hinzu kommt, dass beispielsweise in Deutschland junge Menschen heute im Schnitt über geringere Realeinkommen verfügen als noch vor zehn Jahren. Diese Veränderungen erklären einen Großteil der veränderten Automobilnutzung.

STANDARD: Der Umkehrschluss könnte lauten: Alternative Mobilitätsmodelle erleben größeren Zuspruch.

Feige: Interessanterweise geht der Automobilbesitz deutlich weniger zurück als die Automobilnutzung. Das heißt, junge Leute besitzen zwar nach wie vor ein Auto und wollen auch nicht darauf verzichten, benutzen aber immer häufiger auch andere Verkehrsmittel. Die Multimodalität, also die Nutzung unterschiedlicher Verkehrsmittel, nimmt demnach zu: Öffentliche Verkehrsmittel werden stärker genutzt, junge Menschen gehen wieder zu Fuß. Und: Wie wir anhand des Straßenbildes in vielen Städten beobachten können, erlebt der Fahrradverkehr einen Aufschwung.

STANDARD: Wie könnte man den öffentlichen Verkehr noch attraktiver gestalten?

Feige: Taktfrequenz und Schnelligkeit sind nach wie vor sehr wichtig für die Attraktivität des öffentlichen Verkehrs. Eine bessere Vernetzung unterschiedlicher Angebote ist ebenfalls sehr wichtig. In Zukunft wird es für die Betreiber öffentlicher Verkehrsmittel zunehmend wichtiger, die Bedürfnisse des Kunden stärker zu berücksichtigen. Das bedeutet, sie müssen umdenken. Dazu gehört Marktforschung sowie eine konsequente Ausrichtung der Angebote entsprechend den Wünschen der Kunden.

STANDARD: Werden Sie sich ein Elektroauto zulegen?

Feige: Ich kann mir durchaus vorstellen, ein Elektroauto zu kaufen - allerdings nur, wenn folgende zwei Voraussetzungen gegeben sind: Erstens soll für die Produktion des Autos sowie zweitens für die Nutzung des Autos nur Energie aus regenerativen Quellen zum Einsatz kommen.

STANDARD: Wie kam es aus Sicht der Mobilitätsforschung dazu, dass das Jahrzehnte vernachlässigte Stiefkind Elektroauto jetzt groß im Kommen ist?

Feige: Auf der Suche nach Alternativen zum Verbrennungsmotor ist Elektromobilität kurz- bis mittelfristig im Vergleich zu anderen Alternativen wie etwa Wasserstoff klar im Vorteil, da die Infrastruktur, das Stromnetz, bereits vorhanden ist: Man kann problemlos von zu Hause oder bei der Arbeit sein Auto aufladen, zusätzlich werden Ladesäulen auf Parkplätzen, Einkaufszentren etc. helfen, einen reibungslosen Ladevorgang zu ermöglichen. Die Schadstoff- und Lärmemissionen sind deutlich niedriger, auch aus Sicht der lokalen Luftqualität in Städten ist Elektromobilität gegenüber dem Verbrennungsmotor klar im Vorteil.

STANDARD: Dennoch wurden von der Politik in der letzten Krise eher Abwrackprämien gezahlt, als dass die Industrie angehalten wurde, alternative Mobilitätsmodelle zu forcieren.

Feige: Das kann man so nicht sagen. Die Autoindustrie hat während der Krise ihre Forschung für alternative Antriebe weder eingestellt noch zurückgeschraubt. Im Gegenteil, die Krise hat sicherlich auch dazu beigetragen, zukünftige Strategien noch stärker auf Kundenbedürfnisse auszurichten. Die Politik hat - ich spreche jetzt von Deutschland - im Rahmen des Konjunkturpaketes als Antwort auf die Krise 500 Millionen Euro zur Förderung von Elektromobilität bereitgestellt. Ein Großteil davon geht in die Forschung. Für eine nachhaltige Forschungs- und Industriepolitik ist es aber wichtig, sich an langfristigen Zielsetzungen zu orientieren und dies eben nicht von Konjunkturzyklen oder Krisen abhängig zu machen. Dies gilt nicht nur im Rahmen der Förderung von Elektromobilität. Gerade im Verkehrsbereich sind Entwicklungszyklen extrem lange, deshalb ist hier eine langfristig konsistente und konsequente Politik besonders wichtig.

STANDARD: Welche Rolle wird die Elektromobilität im Verkehrssystem der Zukunft spielen?

Feige: In den nächsten 20 Jahren wird stetig ein Teil der Verbrennungsmotoren durch Elektromotoren ersetzt werden, dies wird allerdings nur einen kleinen Teil der Gesamtflotte ausmachen. Besonders in Städten wird der Anteil an Elekrofahrzeugen zunehmen. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2011)

Irene Feige leitet das Institut für Mobilitätsforschung (ifmo) in München, eine Forschungseinrichtung der BMW Group. Das Institut beschäftigt sich mit der Entwicklung verkehrsträgerübergreifender, interdisziplinärer Szenarien zur Mobilität der Zukunft. Irene Feige hat Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft in Innsbruck und Wien studiert, mit Auslandsaufenthalten in Verona, Schanghai, Peking und Cambridge (USA). Sie hat vergangene Woche an einer Diskussionsrunde über die Zukunft der Mobilität im Rahmen des "Forum Bmvit" in Wien teilgenommen.

  • Mit dem Fahrrad zur Bim, mit dem Auto zum Zug - Multimodalität, also die Nutzung unterschiedlicher Verkehrsmittel, nimmt zu.
    foto: standard/christian fischer

    Mit dem Fahrrad zur Bim, mit dem Auto zum Zug - Multimodalität, also die Nutzung unterschiedlicher Verkehrsmittel, nimmt zu.

  • Irene Feige: "Entwicklungszyklen im Verkehrsbereich sind extrem lang, deshalb ist hier eine konsequente Politik notwendig."
    foto: privat

    Irene Feige: "Entwicklungszyklen im Verkehrsbereich sind extrem lang, deshalb ist hier eine konsequente Politik notwendig."

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