"Es geht darum, das Scheitern zu akzeptieren"

18. Oktober 2011, 19:00
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Abigail Barrow vom renommierten Massachusetts Institute of Technology über die Bedeutung von Technologietransfers und das Risiko der Start-ups

Fabian Graber stellte die Fragen.

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STANDARD: Wie sehr hängt unsere Zukunft von der Entwicklung neuer Technologien ab?

Barrow: In der heutigen Wirtschaft sind alle wichtigen Industriezweige auf den Transfer von Technologien angewiesen. Die moderne Pharmaindustrie, medizinische Produkte, die Computerwelt - all das gebe es nicht ohne Technologietransfers. Wenn man in die Zukunft blickt: Wir werden neue Technologien entwickeln, zum Beispiel für "Smart Cities", die unser Leben verbessern können. Dazu brauchen wir neues Wissen, neue Ideen - und Forschungseinrichtungen, die Innovationen in die Realität umsetzen.

STANDARD: Das Massachusetts Technology Transfer Center (MTTC) wurde im Zuge eines Wachstumspakets für die Wirtschaft gegründet und wird vom Staat unterstützt. Sollten Technologietransfers mehr gefördert werden?

Barrow: Es ist ein Gebiet, das gerade viel Aufmerksamkeit genießt. Es gab hohe Investitionen der öffentlichen Hand in die Forschung, und das kommt bei der Bevölkerung sehr gut an. Natürlich geht es nicht nur um die Forschung selbst, es geht um den Nutzen, den die Gesellschaft davon hat. Nehmen Sie Cambridge in Massachusetts als Beispiel, wo das MIT und Harvard beheimatet sind: Vor 200 Jahren noch war der wichtigste Industriezweig der Walfang. Vor hundert Jahren war es die Textilbranche. Der einzige Grund, warum Massachusetts heute eine dynamische Wirtschaft hat, ist die "Brainpower". Wir nehmen die Forschungsergebnisse der Universitäten und erzeugen neue Wirtschaftszweige, die dann im 21. Jahrhundert wichtig sein werden.

STANDARD: Damit es neue Technologien auf den Markt schaffen, müssen Investoren gefunden werden, die Start-up-Unternehmen finanzieren. In den USA funktioniert das sehr gut. Sind die Europäer zu konservativ?

Barrow: Wir haben eine Start-up-Kultur. Dabei geht es vor allem darum, das Scheitern zu akzeptieren. Das geht zurück bis auf Thomas Edison, dem Erfinder der Glühbirne, der gesagt hat: Wenn du gute Ideen haben willst, dann habe viele Ideen. Viele seiner Experimente sind schiefgegangen, bis es letztlich funktioniert hat. Meine Theorie ist, dass es zwei Abschnitte im Leben gibt, in denen das Scheitern eher akzeptiert werden kann: Wenn man jung ist, von der Uni kommt und noch viel lernen kann. Und später im Leben, wenn man eine erfolgreiche Karriere hinter sich hat, sich einen Namen gemacht hat - dann spielt das Scheitern keine so große Rolle mehr. Es geht darum, mit einem bestimmten Risiko umgehen zu können.

STANDARD: Wie unterstützt das MTTC Start-up-Unternehmen bei der Umsetzung ihrer Ideen?

Barrow: Wir arbeiten mit Wissenschaftern, Forschern und Erfindern zusammen, die großartige Ideen haben. Im wissenschaftlichen Bereich sind diese Leute bestens ausgebildet, ihnen fehlt aber oftmals das wirtschaftliche Wissen. Wir helfen ihnen, einen Geschäftssinn zu entwickeln, Märkte zu identifizieren, Wettbewerber zu erkennen - und sich in der Branche zu vernetzen.

STANDARD: Inwiefern profitieren die Universitäten von den Erfolgen solcher Start-ups?

Barrow: Ein Teil davon ist der finanzielle Nutzen. Wenn die entwickelten Produkte Erfolg haben, werden die Universitäten zu ihrem Anteil am Erfolg beteiligt. Es geht aber auch um den praktischen Nutzen, den die Unis von Start-ups haben. Die Forscher tauschen sich mit der Industrie aus und machen Erfahrungen in der "echten" Welt - das verändert die Sicht auf die Wissenschaft, die man weiterentwickeln will.

STANDARD: In Europa gelten grüne Technologien als Hoffnungsmarkt, von dem ein hohes Wachstum erwartet wird. Wie sind die Aussichten in den USA?

Barrow: In Europa wird die Weiterentwicklung grüner Technologien besser gefördert als in den USA. Und die Energiepreise hier sind auf einem realistischen Niveau. Bei uns beschweren sich die Leute ja schon, wenn sie 80 Cent für einen Liter Benzin zahlen müssen. Hier gibt es einen Markt für erneuerbare Energien, weil sie gebraucht werden. Wenn die Deutschen ihre Atomkraftwerke abschalten, werden sie eine Alternative brauchen. Die Firmen in den Vereinigten Staaten trauen sich erst langsam in den Markt, zum Beispiel mit effizienteren Motoren oder Hybridautos.

STANDARD: Gerade in Deutschland haben Firmen, die sich auf erneuerbare Energien spezialisiert haben, große Probleme. Die Solartechnik wurde massiv gefördert - die gewünschte Effizienz aber nicht erreicht. Ist die grüne Revolution noch in weiter Ferne?

Barrow: Revolutionen haben es an sich, unerwartet stattzufinden. Als die ersten Kühlschränke auf den Markt gekommen sind, gab es Modelle, die mit Gas betrieben wurden. Das hat sich nicht durchgesetzt, obwohl es die bessere Technologie war. Ähnlich war das bei Videorekordern, da gab es Betamax und VHS. Wir alle hatten schließlich VHS-Rekorder zu Hause, Betamax ist verschwunden. Ob sich nun Solarenergie oder Windenergie durchsetzen wird, können wir heute noch nicht sagen. Das ist das Risiko bei Start-ups, wir wissen im Vorhinein nie, wer zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern gehören wird. Was wir aber schon wissen, ist, dass man ohne Ideen nie die eine Glühbirne haben wird, die tatsächlich leuchtet. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2011)

 


Abigail Barrow (51) hat in Edinburgh Wissenschaftsforschung und Maschinenbau studiert. 2004 gründete sie das Massachusetts Technology Transfer Center (MTTC), das eng mit dem MIT in Cambridge zusammenarbeitet. Davor leitete Barrow das William J. von Liebig Center in San Diego, das die University of California bei der Verwertung von Forschungsergebnissen unterstützt.

  • Welche grünen Technologien sich durchsetzen und wie die angekündigte Revolution stattfindet, wird sich erst zeigen
    illustration: aydogdu

    Welche grünen Technologien sich durchsetzen und wie die angekündigte Revolution stattfindet, wird sich erst zeigen

  • Abigail Barrow: "Natürlich geht es nicht nur um die Forschung selbst, es geht um den Nutzen, den die Gesellschaft davon hat."
    foto: privat

    Abigail Barrow: "Natürlich geht es nicht nur um die Forschung selbst, es geht um den Nutzen, den die Gesellschaft davon hat."

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