Mit Berlusconis Sturz könnte auch dessen Partei PdL auseinanderbrechen
Nach der Farbe ihrer Parteifahnen nannte man sie balena bianca, den
weißen Wal. Ein halbes Jahrhundert lang dominierte die einst allmächtige
Democrazia Cristiana die politische Kulisse Italiens. Dann versank sie
zu Beginn der 1990er-Jahre ruhmlos im Morast des Korruptionssumpfes.
Jetzt, zwei Jahrzehnte nach mani pulite, könnte die Partei des
siebenfachen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti zu neuem Leben
erwachen: Seit Monaten basteln umtriebige Katholiken im Mutterland der
Kirche an einer neuen politischen Kraft. Im mittelalterlichen
Franziskanerkloster der umbrischen Stadt Todi trafen sich am Wochenende
130 Vertreter katholischer Organisationen zu einem Forum über "Gute
Politik für das Gemeinwohl". Der Präsident der Bischofskonferenz,
Kardinal Angelo Bagnasco, erteilte der Versammlung hinter verschlossenen
Türen seinen Segen. Unter den Verbänden mit insgesamt 16 Millionen
Mitgliedern befinden sich einflussreiche Organisationen wie die
Gewerkschaft CISL, der Bauernbund und der Handwerkerverband.
"Unzulängliche" Regierung
Von Parteigründung wollen sie (noch) nicht sprechen. "Wir wollen eine
Verschiebung in der traditionellen Parteienlandschaft", erklärt der
Vorsitzende der katholischen Arbeiterbewegung, Andrea Olivero. Im
Klartext: Nach dem erwarteten Sturz der Regierung Berlusconi könnte
dessen Partei PdL auseinanderbrechen. Der Popolo della Libertà gilt bloß
als künstliches Konglomerat von Katholiken, Liberalen und
Postfaschisten, das über kein Fußvolk verfügt. Berlusconis
"unzulänglicher Regierung" erteilten die in Todi versammelten Katholiken
eine deutliche Abfuhr. "Dass sie es nicht schafft, sieht jeder mit
eigenen Augen", so Olivero.
Diese Überzeugung vertreten auch zwei prominente Christdemokraten in der
PdL. Der ehemalige Innenminister Giuseppe Pisanu legt dem Premier seit
Monaten den Rücktritt nahe. Auch Exindustrieminister Claudio Scajola
tritt für Änderungen ein. Erster Schritt: die Einbeziehung der
Christdemokraten von Pier Ferdinando Casini. Im Fernduell mit dem
angeschlagenen Premier verfügt die katholische Front über einen
entscheidenden Vorteil: Sie braucht nur abzuwarten. (Gerhard Mumelter/DER STANDARD Printausgabe, 19.10.2011)