In die Tunnel Jerusalems

Blog18. Oktober 2011, 14:08
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Archäologie als Beweis für die jüdische Religionsgeschichte? Muslime fühlen sich provoziert

Vorbei an Touristengruppen führt mich Batya hinunter in die Tunnel. „Jetzt stehen wir unter jener Brücke, über die Priester und Wohlhabende vor 2000 Jahren zum Tempelberg hinaufgingen", erklärt sie und zeigt mit ihrem Laserpointer auf die uralte Steindecke über uns. Immer wieder, während wir Treppen hinab steigen und verwirrende Gänge passieren, stellt sie die Frage: „Und wo ist jetzt die Klagemauer?" Ich zeige mit dem Finger in die vermutete Richtung. „That's right", lobt sie mit amerikanischem Akzent, und fügt den essenziellen Satz hinzu: „Sie sehen, wir befinden uns immer noch westlich davon."

Dass unter dem Tempelberg östlich der Mauer nicht gegraben wird, will sie jedenfalls klarstellen. Dort stehen seit mehr als 1300 Jahren der muslimische Felsendom und die Al-Aqsa Moschee. Sie bilden den drittheiligsten Ort im Islam. Unter diesen Stätten bleibt Archäologie für Israel weiterhin Tabu.

Wenn ausländische Journalisten zu einer exklusiven Tour durch die Ausgrabungen in der Altstadt Jerusalems eingeladen werden, dann passiert das nicht ohne Grund. Mythen sollen beseitigt und Transparenz hergestellt werden. Denn wo Geschichte über das Recht auf Land entscheidet, wie so oft im israelisch-palästinensischen Konflikt, da ist Archäologie politisch brisant. Besonders, wenn der Vorwurf in der Luft hängt, dass Israel unter den muslimischen Heiligtümern am Tempelberg graben könnte. Israels Interesse daran wäre freilich groß. Denn nur am Tempelberg selbst könnten archäologische Funde den Beweis über die konkreten Konturen des zweiten Tempels (516 v.u.Z. - 70) bringen.

„Wir können die Existenz des Tempels nicht beweisen, weil wir dort nicht graben", erklärt der Oberrabbiner der Klagemauer, Schmuel Rabinowitz. Gefunden habe man jedoch hunderte jüdische Ritualbäder (Mikvas) und halbe Shekel-Münzen, die laut dem zweiten Buch Mose als eine Art Tempelsteuer im Umlauf waren. Diese Funde seien ausreichende Indizien dafür, „dass sich hier etwas großes heiliges befunden hat." Aus seiner Sicht ist das Betreten des Tempelbergs, genauso wie das Graben darunter, nach jüdischen Prinzipien nicht erlaubt, solange die spirituellen Voraussetzungen für den Bau des dritten Tempels nicht gegeben sind. „Solange beten wir für den baldigen Wiederaufbau", fügt Rabinowitz hinzu.

Politisch-religiöse Organisationen wie das Tempelinstitut arbeiten unterdessen eifrig daran, die Voraussetzungen dafür herzustellen. Sie lassen Artefakte für den dritten Tempel anfertigen und treffen spirituelle Vorbereitungen. „Wir sind nah dran", erklärt ein Mitarbeiter im Museum des Instituts. „Die politischen Bedingungen sind nicht gut. Aber bald wird der Tempel wieder aufgebaut werden", versichert er. Schon jetzt gehen immer wieder bestimmte Gruppen, wie jene um die umstrittenen Rabbis Dov Lior und Haim Druckmann, zum Beten auf den Tempelberg, was von Muslimen als Provokation aufgefasst wird.

Die archäologische Geschichtssuche unter dem muslimischen Viertel der Altstadt und entlang der Klagemauer wird von Kritikern auch deswegen mit Skepsis betrachtet, weil es angeblich an Transparenz fehle und dabei vorrangig nach jüdischen Tatsachen gesucht werde. Doch die Führerin Batya bemüht sich, auch jene Funde zu benennen, die nicht-jüdischen Perioden zugerechnet werden. Am Ende der Tour bleibt sie vor einem unscheinbaren Eisentor am Ende der al-Wad Straße stehen. „Das hier ist noch nicht öffentlich", sagt sie und nickt dabei dem Sicherheitsbeamten zu, der hier tagtäglich Wache hält. Drinnen tut sich plötzlich ein weitläufiger Arkadenhof auf. Was vor einigen Jahren noch ein Buchladen war, sei zur Zeit der Mamluken ein Karawanenhof gewesen, in dem Reisende mit ihren Tieren sicher Unterschlupf fanden. Von dieser ersten Ebene geht es rund 10 Meter über Treppen in die Tiefe, wo eines der vielen jüdischen Ritualbäder freigelegt wurde. „2000 Jahre alt", sagt Batya mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht. „Diese Ausgrabung hat viel Kritik geerntet", erklärt sie und deutet mit ihrem Laserpointer durch ein Loch in der Wand. „Aber sehen Sie dort hinten? Das ist wieder die Klagemauer. Wir sind 25 Meter entfernt von den muslimischen Heiligtümern. Insofern alles unbedenklich." (derStandard.at, 18.10.2011)

  • Der Tunnel entlang der Klagemauer unter dem muslimischen Viertel.
    foto: andreas hackl

    Der Tunnel entlang der Klagemauer unter dem muslimischen Viertel.

  • Ausblick auf die Klagemauer und den Tempelberg. Unverwechselbar ist die goldene Kuppel des muslimischen Felsendoms.
    foto: andreas hackl

    Ausblick auf die Klagemauer und den Tempelberg. Unverwechselbar ist die goldene Kuppel des muslimischen Felsendoms.

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