Im ersten Shared Space bröckelt der Belag

19. Oktober 2011, 13:52
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"Würde alles wieder so machen", sagt Gleinstättens Bürgermeister, obwohl die Bauarbeiten noch nicht abgeschlossen sind

"Unsere Ortsdurchfahrt war ein Totalschaden. Der Zustand war wirklich erbärmlich", sagt der Gleinstättener Bürgermeister Gottfried Schober, wenn er sich an die Zeit vor etwas mehr als einem Jahr zurückerinnert. Doch dann wurde der Shared Space in der steirischen Gemeinde eröffnet, das erste derartige Projekt in ganz Österreich. Die Verkehrsschilder auf rund 450 Metern der Bundesstraße 74 wurden entfernt und die graue Asphaltfahrbahn durch eine Mischung aus hellen Pflastersteinen und beigem Asphalt getauscht. Auch die Thujenhecke vor der Hauptschule musste dem "gemeinsam genutzten Platz" weichen. Dadurch würden die AutofahrerInnen nun die SchülerInnen vor der Schule gut erkennen können, denn "einer Gefahr, die ich nicht sehe, bin ich mir nicht bewusst", sagt der Bürgermeister.

Ein Jahr nach der Eröffnung des Shared Space zieht Schober diese Bilanz. "Ich würde alles genauso wieder machen." Die Durchschnittsgeschwindigkeit der Autos hätte sich im Shared Space Bereich um rund 10 km/h verringert. "Am Anfang waren die Verkehrsteilnehmer noch verunsichert, weil sie nicht wussten, wie sie sich in diesem offenen Bereich verhalten sollten, doch das ändert sich nun", so Schober, der überzeugt ist, dass vor allem AutolenkerInnen nun mit erhöhter Aufmerksamkeit durch Gleinstätten fahren würden.

"Schwierigste Voraussetzung"

Bereits vor drei Jahren hatte sich die 1.500-Seelen-Gemeinde gegen zwei weitere Bewerbungen um den ersten Shared Space in Österreich durchgesetzt. Die damalige steirische Verkehrslandesrätin, Kristina Edlinger-Ploder, habe sich laut Schober deswegen für Gleinstätten entschieden, weil die Ortsdurchfahrt "die schwierigste Voraussetzung für das Projekt gewesen ist". In den Konkurrenzorten Feldkirchen und Voitsberg wären nämlich Plätze umfunktioniert worden, was viel einfacher zu bewerkstelligen sei. 

In die Planungsphase wären auch die BürgerInnen miteingebunden gewesen. Ein Jahr lang durften sie ihre Wünschen und Sorgen deponieren. Weil die Interessen der BewohnerInnen tatsächlich berücksichtigt worden sind, sei der Zuspruch bei der Eröffnung des Shared Spaces auch "überwältigend gewesen", erinnert sich Schober: "Gerade deshalb war der Festakt eines der schönsten Erlebnisse in meiner Zeit als Bürgermeister."

Zehn Jahre Garantie

Die Stimmung unter den BürgerInnen sei mittlerweile aber schon etwas getrübt. "Durch die Pflastersteine auf der Hauptfahrbahn hört man die Fahrzeuge lauter", erläutert der Bürgermeister. Und nicht nur die Lautstärke sei ein Problem. Nach nur einem Jahr würden die ersten Steine bereits Kantenbrüche aufweisen. Durch den Schwerverkehr und die insgesamt 7.000 Fahrzeuge pro Tag leide der Belag. Die Technische Universität Wien hat nun die Ursachen für die Brüche untersucht und zusammengefasst. Aufgrund der Erkenntnisse wird die Verfugung erneuert und die Steine teilweise ausgetauscht. 

"Ich wurde schon oft darauf angesprochen, ob wir mit der Sanierung nicht wieder Steuergelder verschwenden würden", erzählt Schober. Das sei aber nicht der Fall für das Shared Space Projekt, das in Summe 1, 4 Millionen gekostet hat. Denn das Land Steiermark hat mit den verantwortlichen Bauunternehmen eine zehnjährige Gewährleistungsfrist ausgehandelt, die nun greifen würde. Hätte man aber bereits vor drei Jahren von diesen Schäden gewusst, hätte man sich sicher für einen anderen Bodenbelag entschieden. "In Graz haben sie gefärbten Asphalt für den Shared Space verwendet", weiß der Bürgermeister: "Aber diese Technik war während unserer Planungsphase noch nicht ausgereift."

"Ist nicht unser Wohnzimmer"

Kritik gebe es laut Schober auch am hellen Fahrbahnbelag. Grund: Manche BürgerInnen stört, dass man dort die dunklen Reifenabriebspuren erkennt. "Das ist eine Straße und nicht unser Wohnzimmer", hat sich der Bürgermeister in solchen Fällen als Standardantwort zugelegt. Man habe sich ja bewusst gegen jene rote Färbung entschieden, die etwa in den Niederlanden eingesetzt wird - weil man durch den hellen Untergrund eine "freundlichere Atmosphäre vermitteln" wollte.

Da Gleinstätten österreichweit eine Vorreiterrolle hat, kommen GemeindevertreterInnen aus dem ganzen Land, um sich von Schober das Konzept zeigen zu lassen. "Insgesamt 15 Gemeinden waren schon zu Besuch", sagt der Bürgermeister. Manche würden sich bei ihm persönlich anmelden und andere einfach direkt nach Gleinstätten fahren. "Zu erkennen ist das daran, dass dann Gruppen auftauchen, die viele Fotos von dem Shared Space machen", erzählt Schober, der auch diese Gäste stets mit Hintergrundinformationen speist. 

Für den Bürgermeister ist es wichtig, dass weitere Gemeinden nachziehen, die das Konzept umsetzen. "Wir dürfen damit jetzt nicht alleine bleiben", meint er. Sonst würde man in diesem "Versuchsstatus" stecken bleiben. Und das will Schober nicht. Bis 2012 sollen nämlich auch zwei Ortseinfahrten nach Gleinstätten zum Shared Space umfunktioniert werden. (Bianca Blei, derStandard.at, 19.10.2011)

  • Auf rund 450 Metern der Bundesstraße 74 durch Gleinstätten wurde im Herbst 2010 Österreichs erster Shared Space eingerichtet.
    foto: gemeinde gleinstätten

    Auf rund 450 Metern der Bundesstraße 74 durch Gleinstätten wurde im Herbst 2010 Österreichs erster Shared Space eingerichtet.

  • Die Kosten für das Projekt belaufen sich auf etwa 1,4 Millionen Euro. Nicht extra zu bezahlen, ist ein "Materialfehler" beim Bau - die Verfugung zwischen den Steinen muss erneuert werden.
    foto: derstandard.at/blei

    Die Kosten für das Projekt belaufen sich auf etwa 1,4 Millionen Euro. Nicht extra zu bezahlen, ist ein "Materialfehler" beim Bau - die Verfugung zwischen den Steinen muss erneuert werden.

  • Kritikpunkt ist auch der helle Fahrbahnbelag, auf dem bereits Reifenabrieb erkennbar ist.
    foto: derstandard.at/blei

    Kritikpunkt ist auch der helle Fahrbahnbelag, auf dem bereits Reifenabrieb erkennbar ist.

  • "Der Shared Space ist nicht unser Wohnzimmer", sagt Bürgermeister Gottfried Schober.
    foto: derstandard.at/blei

    "Der Shared Space ist nicht unser Wohnzimmer", sagt Bürgermeister Gottfried Schober.

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