Gefangenenaustausch

"Militärisch ist die Hamas nicht zu besiegen"

Interview | Michaela Kampl, 18. Oktober 2011, 13:47
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    Palästinensische Freigelassene bei ihrer Einreise in den Gazastreifen.

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    Zur Person: Margret Johannsen ist Senior Research Fellow am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen den Nahen und Mittleren Osten, Rüstungskontrolle und Terrorismus.

Wer vom Austausch profitiert und warum die Friedensverhandlungen nicht vom Fleck kommen, erklärt Politologin Margret Johannsen

Der fünf Jahre lang im Gazastreifen gefangene israelische Soldat Gilad Shalit ist seit heute wieder in Israel. Im Gegenzug für seine Freilassung hat Israel 477 palästinensische Häftlinge entlassen. Insgesamt sollen 1027 Häftlinge freikommen. Der Gefangenenaustausch stärke die Hamas im innerpalästinensischen Konflikt. Die Erwartungen des Nahost-Quartetts, das den Friedensprozess noch im Oktober wieder auf Schiene bringen will, gingen "an der Realität vorbei", sagt Margret Johannsen vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.

***

derStandard.at: Am 26. Oktober will das Nahost-Quartett wieder einen Versuch starten, den Friedensprozess in Gang zu bringen. Ist das nach dem Gefangenenaustausch aussichtsreicher?

Johannsen: Nein, das glaube ich nicht. Es steht jedenfalls fest, dass durch den Gefangenenaustausch die Hamas in dem innerpalästinensischen Verhältnis gestärkt wurde. Nach der Rückkehr Abbas aus New York, wo er eine Anerkennung des Staates Palästina von der UN gefordert hatte, ist er in Ramallah in der Westbank gefeiert worden und er schien an Rückhalt in der Bevölkerung gewonnen zu haben. Dieser Push für die Fatah ist jetzt durch diesen Gefangenaustausch aufgehoben worden. Zwischen den beiden rivalisierenden Parteien Hamas und Fatah ist wieder ein Gleichgewicht hergestellt worden. Dieses rivalisierende Verhältnis verkompliziert natürlich die Wiederaufnahme von Friedensgesprächen.

derStandard.at: Warum erzielt das Nahost-Quartett keinerlei Erfolge?

Johannsen: Die Erwartungen des Nahost-Quartetts, das kurzfristig Ergebnisse fordert, gehen an der Realität vorbei. Der gesamte Friedensprozess, angefangen von Oslo 1993 über die Roadmap 2003 und Anapolis 2005, krankt daran, dass die externen Akteure aber auch Israel und Palästina niemals etwas wie einen Vermittlungsmechanismus ins Leben gerufen haben, der dann angewandt werden könnte wenn unterschiedliche Meinungen über die Interpretation von Vereinbarungen auftreten. Ein Mechanismus, der eine Art von Monitoring darstellen könnte und den Parteien präzise zurückmeldet, wann Verstöße gegen Vereinbarungen vorliegen und wann Fort- oder Rückschritte gemacht werden und wer dafür verantwortlich ist. Und der nicht diejenigen belohnt, die den Prozess stören. Das ist in den vergangenen Jahren geschehen und daraus hat das Quartett aber keine Konsequenzen gezogen. Das Quartett muss ganz deutlich machen, was die entscheidende Hürde für die Wiederaufnahme von Verhandlungen ist - und das ist die Fortsetzung des Siedlungsbaues in den besetzten Gebieten.

derStandard.at: In dieser Frage ist Israel weiterhin zu keinen Zugeständnissen bereit.

Johannsen: Das ist genau der Punkt. Wenn Israel hier nicht zu Zugeständnissen bereit ist, wird das alles nichts. Die jetzige Autonomiebehörde kann von dieser Forderung nicht mehr abweichen. Sie hat einen sofortigen Siedlungsstopp gefordert - und das ist eine bescheidene Forderung. Darin ist nicht enthalten, dass die Siedlungen zurückgenbaut werden sollen. Die Roadmap sieht vor, dass die illegalen Siedlungen zurückgebaut werden. Das ist kaum geschehen. Die Autonomiebehörde kann von dieser Forderung nicht abweichen, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.

derStandard.at: Hat Israel mit dem Gefangenenaustausch innenpolitisch einen Erfolg erzielt?

Johannsen: Die israelische Regierung mit Netanjahu an der Spitze kann einen Erfolg verbuchen. Die Mehrheit der israelischen Bevölkerung hat den Gefangenenaustausch befürwortet - unter all den Bedingungen, die vereinbart wurden. Es gibt ein Einsehen auf israelischer Seite, dass Shalit nicht mit einer militärischen Operation hätte befreit werden können, sondern dass dadurch sein Leben gefährdet gewesen wäre. Netanjahu könnte, wenn er wollte, die Sympathiewelle, die entstanden ist, nutzen, um den Palästinensern entgegenzukommen. Aber nach meiner Einschätzung will Netanjahu keine Friedenslösung, sondern die Zeit für sich arbeiten lassen, mehr und mehr Siedlungen bauen und auf diese Art und Weise seine Koalition zusammenhalten.

derStandard.at: Der Fatah-Veteran Marwan Barghouti kam entgegen der ursprünglichen Pläne nicht frei, die Hamas soll dagegen gewesen sein. Verhärtet das nicht noch mehr die ohnehin verfahrenen Fronten?

Johannsen: Nach meinem Informationsstand - aber das ist auch nur dritte Hand - stand Barghouti mit auf der Liste. Die Hamas wollte ihn dabeihaben. Die Hamas hat großen Wert auf Ausgewogenheit bei der Liste der freizulassenden Häftlinge gelegt. Barghouti war lange im Gespräch. Es kann sein, dass er nicht die prioritäre Position auf der Liste hatte. Das würde ich nicht in Abrede stellen.

Barghouti ist ein populärer palästinensischer Fatah-Politiker, dessen Freilassung durchaus dazu beitragen hätte können, dass die Popularität der Fatah wieder steigt. Allerdings war die Popularität der Fatah - zumindest bis zum Gefangenenaustausch - ohnehin höher als die der Hamas. Die Hamas verliert aufgrund ihrer rigiden, autoritären Herrschaft im Gazastreifen an Popularität. Dieser Gefangenenaustausch gibt ihr aber ganz sicherlich Rückenwind.

derStandard.at: Hat Israel nach der Freilassung Shalits weniger zu verlieren als vorher - Stichwort Militäraktionen gegen Gazastreifen?

Johannsen: Ja, natürlich hat Israel weniger zu verlieren. Israel musste ja immer fürchten, dass eine Militäraktion im Gazastreifen zum Tod von Gilad Shalit führt. Dieser Mann war für die Hamas ja Gold wert. Insofern hätten sie wahrscheinlich alles für seine Sicherheit getan. Das Motiv der Rücksichtnahme auf Shalit gibt es für Israel zwar nicht mehr, aber wahrscheinlich war Shalit gar nicht gefährdet - auch nicht durch den Gaza-Krieg. Es gibt aber andere Gründe, die gegen eine israelische Militäraktion im Gazastreifen sprechen: Israel würde sich immer weiter isolieren. Was soll Israel die Ausschaltung der politischen Köpfe der Hamas bringen. Es würden andere nachwachsen. Militärisch ist die Hamas nicht zu besiegen. (mka, derStandard.at, 18.10.2011)

Kommentar posten
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Mark_Anton
00
19.10.2011, 23:02
tagelang keine Raketen

komisch, die arme Hamas hat das doch angeblich gar nicht im Griff was aus Gaza so alles abgefeuert wird, jetzt gibt es schon tagelang keine Raketen ... Zufälle gibt's

Andreas Hofer10
01
19.10.2011, 20:15

Die Palestinenser koennen einem nur leid tun: angefuehrt von Rauschgifthaendlern, korrupten Geldwaeschern und von den arabischen "Bruedern" seit 1948 vollkommen ignoriert und im Stich gelassen. Warum haben die gegen Hussein 1972 geputscht? Warum hat sich kein Schwein fuer Gaza interssiert, wie es noch in Aegyptischen Haenden war?

seek+destroy
00
20.10.2011, 13:58

ws war 72?? weiß nur das waldheim uno-generalsekretär wurde ;-)

gaza war nur verwaltet von ägypten, ägypten hat kein anspruch darauf genommen. die annektion des wjl durch jordanien war international nicht anerkannt wie die jetztige okkupation durch israel.

Andreas Hofer10
00
20.10.2011, 21:49

Es ist im Grunde eigentlich egal, von wem es und wie verwaltet wurde. Tatsache ist, dass es erst, nachdem Israel es uebernommen hatte, fuer die PLO interessant wurde. Auf einmal war es dann das Langersehnte.

Djuli Murti
 
00
21.10.2011, 01:47
Die haben auch die Palästinenser massiv unterdrückt.

enteignet, vertrieben. Die Israelis wollen das Land und nicht die Menschen die darauf leben - das ist der Unterschied.

Andreas Hofer10
00
22.10.2011, 00:54

Das ist eine Meinung. Nochvollziehbar ist das nicht. Erst nachdem die Wueste fruchtbar gemacht wurde, war sie dann von Interesse. Selbst war man zu ungebildet um auch nur einen Kaktus zu pflanzen.

Andreas Hofer10
00
20.10.2011, 18:57

Der Schwarze September.

Andreas Hofer10
00
19.10.2011, 20:08

Den letzten Satz wuerde ich erweitern: militaerisch alleine ist die Hamas nicht zu besiegen.

Juligewitter
43
19.10.2011, 15:09
"Wenn Israel hier nicht zu Zugeständnissen bereit ist, wird das alles nichts"

Exakt.

Wrdl Wrldbrmpfd
24
19.10.2011, 17:39

Das einzige Zugeständnis, das die Hamas auf Dauer akzeptiert, ist dass Israel von der Landkarte verschwindet.

Djuli Murti
 
00
21.10.2011, 01:49
Unsinn - die Hamasführung hat 2006 schon laut darüber nachgedacht, Palästina jenseits der Grünen Linie zu akzeptieren.

Da haben die Israelis alle verhaftet - die Israelis können nichts weniger gebrauchen, als eine gemäßigte Hamas.

Wrdl Wrldbrmpfd
00
21.10.2011, 09:42

Geschenkt. Es ist halt nur riskant (andere würden sagen: blauäugig) mit jemandem zu verhandeln und Verträge abzuschließen, der in seinen AGB ausdrücklich darauf hinweist, dass er Verhandlungen und Verträge nur mit dem Endziel der totalen Befreiung Palästinas (Hamassprech für Vernichtung Israels) abschließt und unter keinen Umständen an das Vereinbarte gebunden ist.

seek+destroy
02
20.10.2011, 13:59

das ist das was uns die israelis weiß machen wollen.. aber die hamas hätte gar keine macht gäbs ein freies palästina.

Wrdl Wrldbrmpfd
00
20.10.2011, 17:13

Richtig. Dann gäbe es keine Taliban, keine Fundis im Jemen, keine religiösen Konflikte in Äthiopien und im Sudan.

So einfach wäre das.

altbürgermeister
23
19.10.2011, 13:47
Täter-Opfer-Rolle

Erschütternd gestern die kurzen Live-Interviews mit freilgelassenen Palästinensern auf BBC: während Schalit seinen Wunsch ausdrückt, dass alle (!) paläst. Gefangenen in Israel freikommen und auf baldigen Frieden hofft, waren von den anderen Freilgelassenen nur die üblichen hasserfüllten Schmähungen und "Tod Israel" Parolen zu hören. Traurig!

Fritz Wunderlich
41
19.10.2011, 13:43

das skandal-interview mit shalit, der ägyptischen reporterin und der hamas

http://www.jpost.com/MiddleEas... ?id=242317

das neue ägypten ähnelt doch sehr dem alten

derFried
 
135
19.10.2011, 09:24
Margret Johannsen vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.

Man möge doch bitte in Zukunft kompetentere Personen zu diesem Thema referieren lassen.
Anscheinend hat die benannte Frau Johannsen ziemlich wenig Ahnung und vor allem WISSEN über die Hamas und Israel. Auch wenn Frau Margarete vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg kommt, scheint Sie ziemlich unwissend zu sein. Solche Veröffentlichungen verzerren das tatsächliche Bild bzw. die Tatsachen und helfen keinen.

Djuli Murti
 
00
21.10.2011, 01:54
Nein - Frau Johanson bring die Sache auf den Punkt.

Und die massiven Menschenrechtsverletungen an den Palästinensern, welche diese natürlich und auch durchaus berechtigt zu Widerstand leiten, sind in der Presse vollkommen unterbelichtet. Die Palästinenser leiden jedenfalls sehr viel mehr unter israelischem Terror als umgekehrt. Und niemand zwingt Israel sich Land anzueignen, Menschen zu vertreiben jenseits seiner Grenzen, wo es rechtlich keinerlei Anspruch hat.

Andreas Hofer10
01
19.10.2011, 20:10

Koennen Sie das, was Sie hier so schreiben, auch nachvollziehen?

Kein Kommentar
12
19.10.2011, 10:51
Können Sie Ihre Aussagen belegen?

derFried
 
40
19.10.2011, 18:12
Belege....

belegt denn Frau Margret Ihre Aussagen ?.... keinen einzigen Satz !!!
Tatsache ist, das es für Israel überhaupt kein Problem wäre, militärisch seine Bevölkerung zu schützen. Wäre israel kein demokratisches geführtes Land sondern so konfiguriert wie die Hamas oder die Hisbollah, wäre dies wahrscheinlich bereits längst passiert.
Weitere detailliertere Ausführungen sind nicht förderlich.
Den Rest erklärt hier Herr Alexander.

Djuli Murti
 
00
21.10.2011, 01:55
Sprechen Sie von einer ethnischen Säuberung oder von einem Genz

Robert Alexander
92
19.10.2011, 11:31
Bitte!! Das beweist sich doch durch dieses Interview bzw. die getroffenen Aussagen selbst.

"... wahrscheinlich war Shalit gar nicht gefährdet - auch nicht durch den Gaza-Krieg. Es gibt aber andere Gründe, die gegen eine israelische Militäraktion im Gazastreifen sprechen: Israel würde sich immer weiter isolieren. Was soll Israel die Ausschaltung der politischen Köpfe der Hamas bringen. Es würden andere nachwachsen. Militärisch ist die Hamas nicht zu besiegen...."
Lesen Sie das bitte genau und sinnerfassend; das ist so was von Unsinn! Frieden wird es so lange nicht geben, so lange die Araber nicht akzeptieren, dass es Israel eben gibt bzw. so lange sie Israel von der Landkarte radieren und uns Juden umbrigen wollen. So einfach ist das.

seek+destroy
02
20.10.2011, 14:03

gebe @kein kommentar recht: das einzig sinnlose, unbegründete posten sie hier, nicht die frau im interview.

Kein Kommentar
26
19.10.2011, 12:35
Ich lebe recht gut mit der Tatsache, dass....

...... ich nicht Ihre Auffassung von sinnerfassendem Lesen teile.

Erstens, wer sollen die "Araber" genau sein? Da ich jedoch glaube zu verstehen, wen Sie mit "Araber" meinen, gebe ich zweitens zu bedenken, dass ich Ihrer einseitigen Schuldzuweisung nicht zustimme.

Nur weil Sie ein einfaches Weltbild haben, muss die Realität nicht ebenso einfach sein. Das wusste sogar schon der selige Sinowatz......

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