Es geht um fadenscheinige Argumente der Kollegen, interessante Kritik der User und starke Gegner in Europa - Teil 2 des Gesprächs mit Austria-Trainer Karl Daxbacher
Wien - Austria-Trainer Karl Daxbacher spricht im Interview mit derStandard.at über seinen konfliktreichen Trainerjob und die Chancen der Austria gegen AZ Alkmaar. Florian Vetter und Philip Bauer fragten nach.
derStandard.at: Wir sprachen bereits über Internet und Userforen. Dort kann es mitunter ganz schön hart zugehen. Lesen Sie Beiträge über die Austria und Karl Daxbacher?
Daxbacher: Ich informiere mich regelmäßig im Internet, die Foren schaue ich mir auch manchmal an. Aber da reibt man sich ordentlich auf.
derStandard.at: Können Sie Kritik der User an ihrer Arbeit manchmal nachvollziehen und vielleicht sogar etwas mitnehmen?
Daxbacher: Ich versuche ehrlich zu mir selbst zu
sein und nicht jede Kritik reflexartig als Unsinn abzustempeln. Man darf sich
aber auch nicht beirren lassen, muss seinem Weg treu bleiben. Wenn es nicht läuft, kann Kritik schon
zermürben.
derStandard.at: Einer der Kritikpunkte lautet: die Austria fällt um, wenn es um die Tabellenspitze geht. Man ortet eine mentale Schwäche.
Daxbacher: Darüber haben wir viel nachgedacht. Im Vorjahr war der
Titel möglich, vielleicht war die Mannschaft einfach zu jung und unroutiniert. Das eine oder andere Spiel hätten
wir in der Form nicht vergeigen dürfen. Dem trauere ich persönlich nach.
derStandard.at: Es wird viel über Trainer diskutiert. Aber was macht einen guten Trainer eigentlich aus?
Karl Daxbacher: Er benötigt auf jeden Fall eine hohe Fachkompetenz. Menschenführung ist wichtig, dabei geht es um respektvollen Umgang mit den Mitarbeitern. Nur Disziplinieren ist eine Sache der Vergangenheit. Und ein Trainer braucht eine klare Linie, damit man sich auf ihn verlassen kann.
derStandard.at: Sie müssen Spieler auf die Tribüne setzen. Ist es auch Ihre Aufgabe, die Mannschaft bei Laune zu halten?
Daxbacher: Ich will mich nicht jedes Mal rechtfertigen und entschuldigen müssen, wenn ein Spieler auf die Tribüne muss. In manchen Fällen muss es natürlich Gespräche geben, etwa bei Spielern die ein gewisses Standing im Team haben. Wenn jemand das Gespräch sucht, bin ich bereit für eine Erklärung, ansonsten gebe ich einfach den Kader bekannt. Dabei kann ich nicht 20 Spieler auf das Blankett schreiben. Das sind sportliche Entscheidungen und da ist Härte notwendig.
derStandard.at: Stichwort Härte: Wann formulieren Sie Kritik an Ihren Spielern?
Daxbacher: Unmittelbar
nach dem Spiel wird es von mir nie Kritik an den Spielern geben. Da
sind zu viele Emotionen in der Kabine, es besteht die Gefahr, dass
Aktionen unter der Gürtellinie passieren. Man sollte eine Nacht drüber
schlafen, damit Euphorie und Enttäuschung nicht mehr so groß sind. Dann
sind auch die Spieler zugänglicher für Kritik.
derStandard.at: Gehört auch eine gewisse Gelassenheit zum Geschäft? Sie wirken nach Siegen eher zurückhaltend.
Daxbacher: Weil ein Sieg noch kein Titel ist, sondern nur ein
kleiner Schritt am Weg. Ich freue mich erst richtig, wenn das Endprodukt da
ist: Ein Titel oder vielleicht auch ein Nichtabstieg, je nach Mannschaft. Bei einem Sieg passieren Fehler, bei einer Niederlage
bin ich aber auch nicht zu Tode betrübt. Die Ergebnisse sind oft knapp, in der Leistung liegt kaum ein Unterschied. Für die Medien
ist aber ein 1:0 super und ein 0:1 eine Katastrophe.
derStandard.at: In Ried haben Sie die innere Ruhe verloren. Hat auch Karl Daxbacher seine Schmerzgrenze?
Daxbacher: Ich bin ja nicht emotionslos. Mich ärgern Trainer-Kollegen, die Fehlentscheidungen in
klaren Situationen nicht zugeben. Es wird herumgeredet und herumgeeiert. Aber wozu eigentlich? Die Punkte nimmt ihnen doch ohnehin niemand mehr weg. Wenn es jeder gesehen hat, dann sage ich es eben. Ich finde es
lächerlich, mit fadenscheinigen Argumenten Entscheidungen
wegzudiskutieren. Das passiert pausenlos.
derStandard.at: Ein Schiedsrichter meinte zuletzt, dass "die Trainer in der Bundesliga beim Regeltest alle durchfliegen würden".
Daxbacher: Wenn mich die Schiedsrichter
fragen, was passiert wenn der Ball an die Latte geht, zerplatzt und dann
ins Tor fällt, werde ich es nicht wissen. Aber ich kann beurteilen, ob
es ein Elfmeter war oder nicht.
derStandard.at: Am Donnerstag wartet in der Europa League mit
Alkmaar der holländische Tabellenführer. Gibt es Hoffnung?
Daxbacher: Alkmaar macht uns tatsächlich Sorgen. Mein Scout Siegfried
Aigner war sehr beeindruckt. Uns erwartet eine Mannschaft mit großer
Qualität, die anscheinend über ein ausgezeichnetes Scouting-System verfügt. Sie
haben viele junge Spieler, die nicht aus dem eigenen Nachwuchs kommen.
Meine Mannschaft ist aber überzeugt, dass sie mit einer guten
Leistung bestehen kann. Wir werden viel Laufarbeit benötigen, der
Gegner ist sehr ballsicher. Die Aufgabe wird sehr schwierig.
derStandard.at: Muss man gegen Mannschaften wie Alkmaar oder Charkiw die höhere Qualität des Gegners anerkennen?
Daxbacher: Wir dürfen uns nichts vormachen. Man sieht, dass
beim Gegner mehr Qualität vorhanden ist, die kann man nicht einfach wegleugnen. Das muss
auch den Zuschauern klar sein. Und trotzdem können wir es schaffen.
derStandard.at: Was fehlt der Austria, um auf dieses Niveau zu kommen?
Daxbacher: Das Geld. Wir
bräuchten dann zwei oder drei Klassespieler, die müssten wir aber aus dem
Ausland holen. Das ist auch das Problem unseres Nationalteams. Ich sehe
dort keinen Barazite, keinen Alan oder Szabics. Dessen müssen wir uns
bewusst sein. Wenn ich die Qualität der Spieler zwischen Österreich und Belgien vergleiche, dann sehe ich sieben oder acht bessere Fußballer beim Gegner. Bei uns hat nur David Alaba dieses Niveau.
derStandard.at: Thema Barazite: Kaum ist die Transferzeit beendet, brodelt schon wieder die Gerüchteküche. Freut man sich als Trainer darüber, Spieler schnell an die
internationale Reife zu führen oder ärgert man sich über die Schwierigkeit der langfristigen Planung?
Daxbacher: Ich freue mich,
wenn ein Baumgartlinger bei uns Teamspieler wird und den Sprung nach
Deutschland schafft. Oder wenn Spieler wie Okotie, Junuzovic oder Klein
bei der Austria Fuß fassen. Da denke ich mir: So viel kann nicht verkehrt sein.
derStandard.at: Sie sind der längstamtierende Austria-Coach seit der Steinzeit. Muss man schon das als Erfolg werten?
Daxbacher: Ich denke schon. Es ist aber mittlerweile auch ein anderes Umfeld bei der Austria. Die Hire-and-Fire-Zeiten sind vorbei. Unter Stronach waren die Ansprüche höher, es sollte die Champions League erreicht und der schönste Fußball gespielt werden. Finanziell sind wir nicht beweglich, darum wird auch die Qualifikation für die Europa League gewürdigt.
derStandard.at: Dort sieht man Sie im Gegensatz zur Liga in Anzug und Krawatte. Ein Zeichen der Wertschätzung der großen Bühne?
Daxbacher: Natürlich. Ich bekomme auch positive Reaktionen auf
Sakko und Hose. Kleider machen Leute.
In der Bundesliga habe ich aber aus Bequemlichkeit wieder auf
den Trainingsanzug zurückgegriffen. (derStandard.at; 19. Oktober 2011)
Lesen Sie Teil 1 des Interviews über Teamchef Koller, Vorurteile, Seilschaften, Krisenbewältigung und sich zu verdienende Sporen.
Karl Daxbacher (58) ist seit 2008 Trainer der Wiener Austria.
Er war mit dem Verein bereits als Spieler sieben Mal Meister und vier
Mal Cupsieger, kam zwischen 1972 und 1976 zu sechs Einsätzen in der
Nationalmannschaft. 1978 stand er mit den Veilchen im Finale des
Europapokals der Pokalsieger. Als Trainer führte er die Austria Amateure
2005 zum Titel in der Regionalliga sowie den LASK 2007 zum Titel in der
Ersten Liga. Die Austria führte er 2009 zum Cupsieg sowie 2011 in die
Europa League.