Exportgut Hungerkinder

Interview
18. Oktober 2011, 11:21
  • Jonathan Benthall, einer der führenden Anthropologen Großbritanniens, forscht über die internationale humanitäre Hilfe und die Rolle der Medien dabei.
    foto: ifrc/k. mueller

    Jonathan Benthall, einer der führenden Anthropologen Großbritanniens, forscht über die internationale humanitäre Hilfe und die Rolle der Medien dabei.

  • Benthall arbeitet am University College London zum Thema glaubensorientierte Hilfsorganisationen und hat dazu zahlreiche Bücher veröffentlicht, zuletzt "The Charitable Crescent: Politics of Aid in the Muslim World" ("Der wohltätige Halbmond: Die Politik der Hilfe in der muslimischen Welt").
    foto: william benthall

    Benthall arbeitet am University College London zum Thema glaubensorientierte Hilfsorganisationen und hat dazu zahlreiche Bücher veröffentlicht, zuletzt "The Charitable Crescent: Politics of Aid in the Muslim World" ("Der wohltätige Halbmond: Die Politik der Hilfe in der muslimischen Welt").

  • Benthall über den Unterhaltungswert von Medien: "George Clooney: Der 'sexiest man alive' wirbt für Nespresso und ist gleichzeitig UN-Botschafter für den Frieden."
    foto: un photo/m. frechon

    Benthall über den Unterhaltungswert von Medien: "George Clooney: Der 'sexiest man alive' wirbt für Nespresso und ist gleichzeitig UN-Botschafter für den Frieden."

Katastrophenberichte folgen einem vorgefertigten Unterhaltungsrezept, in das auch George Clooney passt, erklärt der britische Anthropologe Jonathan Benthall

Jonathan Benthall gehört zu den führenden Anthropologen Großbritanniens. Er forscht über die internationale humanitäre Hilfe, die Rolle der Medien dabei und ist Autor des Standardwerks "Disasters, Relief and the Media". Zurzeit beschäftigt er sich am University College London mit glaubensorientierten Hilfsorganisationen. Er hat dazu zahlreiche Bücher veröffentlicht, zuletzt "The Charitable Crescent: Politics of Aid in the Muslim World". Im Interview mit Robert Dempfer, Chefredakteur des Magazins "henri", spricht Benthall über "unsichtbare Exporte" aus dem Süden, Helfer mit "Zauberkraft" aus dem Norden und warum Katastrophenhilfe in der Rubrik Unterhaltung rangiert.

henri: Herr Benthall, das Erdbeben in Haiti, die Überflutungen in Pakistan, der Nuklearunfall in Japan haben große Spendenbereitschaft geweckt. Warum gehen Kriege in Somalia oder im Kongo leer aus?

Jonathan Benthall: Ich habe widerwillig eingestehen müssen, dass hier ein "stabiles System" am Werk ist. Der Süden exportiert Elendsbilder wie Verbrauchsgüter. Der Norden reagiert mit Zahlungen.

henri: Was meinen Sie mit Verbrauchsgütern?

Benthall: Die armen Länder exportieren nicht nur Rohstoffe und einfache Industriewaren. Sie versorgen uns auch mit "unsichtbaren Exporten". Dazu zählen Bilder von hoher Symbolkraft, die für fremdländische Genüsse und exotisches Vergnügen stehen. Die finden Sie in jeder Tourismus-Werbung. Die andere Seite der Medaille sind Katastrophenbilder.

henri: Die haben aber nichts mit exotischem Vergnügen zu tun.

Benthall: Sie haben in der Unterhaltungsindustrie trotzdem ihren fixen Platz.

henri: Fernsehnachrichten sind Unterhaltung?

Benthall: George Clooney, der "sexiest man alive", wirbt für Nespresso, gleichzeitig ist er UN-Botschafter für den Frieden. Während wir hier reden, widmet das britische Fernsehen 80 Prozent seiner Zeit der Hasenjagd auf Rupert Murdoch. Der Medienmagnat wurde bis vor Kurzem von jedem Politiker hofiert, jetzt hetzt ihn die eigene Pressemeute. Dazwischen gibt es einen Bericht über die neueste Hungerkatastrophe in Afrika, über einen Versicherungsbetrug, den Prozess gegen Karadzic, dann kommt Sport.

henri: Die Elendsbilder gehören zum "stabilen System" wie Klatsch und Fußball?

Benthall: Genau. Manchmal bringen Großereignisse diese Stabilität durcheinander: Haiti liegt nahe an den USA, die Überflutungen in Pakistan hatten riesige Ausmaße. Fukushima hat uns an die Abhängigkeit von der Kernkraft erinnert. Das erzeugt kurzfristig hohe Aufmerksamkeit. Dann schaltet das System auf Normalbetrieb zurück.

henri: Sie meinen, Nachrichten folgen wie Märchen einem vorgefertigten Rezept. So erfüllen sie bestimmte Erwartungshaltungen. Gilt das auch für Katastrophen-News?

Benthall: Ja. Der Helfer aus dem Norden ist der Held. Er wird von einem Gönner ausgeschickt. Ausgestattet ist er mit "Zauberkräften", die es ihm ermöglichen, einen Mangel zu beseitigen oder einen Bösewicht zu besiegen. Dann ist da noch die Prinzessin, die eingreift und belohnt. Nach diesem Rezept funktioniert das Verhältnis zwischen Hilfsorganisationen und Medien.

henri: Müssen sich NGOs daran halten, um in die Nachrichten zu kommen?

Benthall: Sie kommen kaum daran vorbei. Selbst wenn nur eine dieser Figuren in den Nachrichten auftaucht, erkennt das Publikum sie als Teil der erwarteten Erzählung.

henri: In vielen heutigen Kriegen gibt es aber keine einfachen Geschichten mehr.

Benthall: Deshalb werden sie ignoriert. Gerade komplexe Katastrophen passen nicht in das Schema einer einfachen Erzählung. Es ist schwer auszumachen, wer die Guten und wer die Bösen sind. Seit mein Buch ("Disasters, Relief and the Media") 1993 erschienen ist, hat es Fortschritte gegeben. Die Serie "Vergessene Welt" auf Channel Four zum Beispiel widmet sich komplexeren Zusammenhängen hinter Kriegen und Katastrophen.

henri: Ein Tropfen auf den heißen Stein.

Benthall: Leider, und die Rund-um-die-Uhr-Nachrichten machen nichts besser. Um sie zu bedienen, beschränken sich viele Hilfsorganisationen darauf, wieder nur diese entwürdigenden Bilder von Kriegs- und Katastrophenopfern zu zeigen.

henri: Kann man die Vorstellungen der Medien, wie eine Geschichte zu erzählen ist, ändern?

Benthall: Hilfsorganisationen, die das versuchen, könnten unter Druck kommen. Deshalb wird, um Spendeneinnahmen zu erhöhen, auf das Erklären tieferer sozialer, wirtschaftlicher und politischer Zusammenhänge hinter Kriegen und Katastrophen verzichtet. Was nicht bedeutet, dass es NGO-intern nicht immer noch scharfe Diskussionen gäbe. Die Helfer wissen ja, dass sie damit unerwünschte Stereotype fördern. Wie etwa jenes, dass Afrika einzig aus Hunger und Krieg besteht.

henri: Stumpfen die Zuschauer wegen dieser ständig wiederkehrenden stereotypen Bilder ab?

Benthall: Ich fürchte, ja.

henri: Aber die Helfer wissen, was sie tun, wenn sie mit Bildern von Hungerbabys werben?

Benthall: Die großen NGOs haben eine beeindruckende Fähigkeit zur Selbstkritik. Allerdings wirkt sich diese nicht immer auf die praktische Arbeit aus. In Großbritannien gibt es das Disasters Emergency Committee (DEC). Die wichtigsten Hilfsorganisationen und die Fernsehsender arbeiten darin bei großen Katastrophen zusammen. Das hat zu einer Homogenisierung des gesamten Hilfssektors geführt.

henri: Katapultiert uns das Internet in die Zeit vor den Massenmedien zurück? Die User beschränken sich auf ihre Interessenforen und ignorieren alle anderen Informationen.

Benthall: Da bin ich skeptisch. Die Nachrichten werden weitgehend von einigen großen Sendern und Presseagenturen kontrolliert. Sender wie Al-Jazeera oder Russia Today tragen heute aber zu größerer Vielfalt bei.

henri: Ihre Hauptkritik richtet sich gegen eine Informationspolitik, die ausschließlich die Symptome von Kriegen und Katastrophen in den Vordergrund stellt, nie die Ursachen.

Benthall: Die humanitäre Idee, Barmherzigkeit, Soforthilfe ... all das ist im Wesentlichen konservatives Gedankengut. Eben, weil es Symptome anspricht, nicht Ursachen. Deshalb sind Marxisten dagegen. Deswegen meinen Entwicklungshilfe-Experten fälschlicherweise, dass Entwicklungszusammenarbeit nichts mit Barmherzigkeit zu tun hätte. Aber ohne sie wäre die Welt ein noch grausamerer Platz.

henri: James Orbinski, ehemaliger Präsident von "Ärzte ohne Grenzen", meint: "Die Kriege auf der Welt müssen aufhören, und das werden sie auch."

Benthall: Ich fürchte, das werden sie nicht. Wenn die Industrieländer dem Süden wirklich helfen wollen, dann sollten sie ihre Grenzen für Zuwanderer öffnen, die hier arbeiten wollen. Diese Menschen wollen keine Barmherzigkeit. Sie suchen ein Einkommen, mit dem sie ihre Familien erhalten können.

henri: Aber das Gegenteil geschieht, Europa schottet sich ab. Bleibt uns nichts als Dunants Idee der humanitären Hilfe, wenn wir etwas für die Opfer tun wollen? (Henri Dunant ist Beründer der internationalen Rot-Kreuz-Bewegung, Anm.)

Benthall: Ich bin mehr und mehr an Hilfsorganisationen interessiert, die auf der Grundlage einer religiösen Weltanschauung arbeiten. Ihre jahrhundertelangen ethischen Traditionen sind möglicherweise ein stärkeres Bollwerk gegen den Egoismus des Nordens als eine ausschließlich weltliche Moral. Trotz aller Verbrechen, die im Namen der Religionen verübt wurden.

henri: Ist nicht auch der Dunantismus des Roten Kreuzes eine Form des Glaubens?

Benthall: Der Dunantismus des Roten Kreuzes - und die Variante der "Ärzte ohne Grenzen" - ist genau genommen ein Religionsersatz in einer säkularen Welt. Ich wünsche mir, dass er den Organisationen ausreichend Stärke verleiht, damit sie nicht der Selbstgefälligkeit erliegen.  (derStandard.at, 18.10.2011)

Infos:

"henri - Das Magazin, das fehlt" wird vom Österreichischen Roten Kreuz herausgegeben und erscheint mehrmals jährlich - www.roteskreuz.at/henri

Die nächste Ausgabe wird am 21. Oktober 2011 präsentiert, wenn in der Universität Wien der 1. Österreichische Humanitäre Kongress stattfindet - www.humanitaerer-kongress.at

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12 Postings
wo er recht hat ........

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"Ich fürchte, das werden sie nicht. Wenn die Industrieländer dem Süden wirklich helfen wollen, dann sollten sie ihre Grenzen für Zuwanderer öffnen, die hier arbeiten wollen"
genau der falsche weg. gerechtigkeit kann nur durch sichere grenzen gesichert werden. die wichtigste aufgabe die "dem norden" (damit sind ja nicht etwa japaner, chinesen, koreaner gemeint, nein es sind immer europaeer, ob diesseits oder jenseits des atlantiks) nun bevorsteht ist der rueckzug aus "dem sueden" mit dem vorrangig subsahara afrika gemeint ist. zuwanderung nach europa aus der dritten welt ist angesichts der extremen bevoelkerungszunahme ind er dritten welt eine voellig unzureichendes mittel die probleme zu loesen

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"In vielen heutigen Kriegen gibt es aber keine einfachen Geschichten mehr."
entweder kirgen waren immer komplex oder´immer einfach. das kriege bis zu einem bestimmten datum einfach waren und danach komplex wurden ist unrealistisch

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und der standard ist mitten drin. jeden tag finden sich am rand der artikel die spendenaufrufe von sos kinderdorf et al, immer mit bildern von afrikanischen kindern. manche scheinen das fuer ihren emotionalen haushalt zu brauchen

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"Haiti liegt nahe an den USA"
und vor allem aehneln die bilde rovn dor aus naheliegenden gruenden denn aus der lieblingskatatrophenregion afrika

Nägerbrot gefällig?

Gratuliere, Sie haben soeben ein neues Wort erfunden! Habe gerade Dunantismus gegoogelt: 1 Eintrag (Dieser Artikel!)

Gratuliere...

ebenso bei bing

leider nur auf deutsch!

dunantism hat immerhin 5 (!) einträge!

Scheint sich aber nicht wirklich durchgesetzt zu haben, 5 Links in sechs Jahren ist nicht die Welt. :-)

Gleich mal einen Wikipediaartikel schreiben :D

Ableitung von Dunantist - angelehnt an Henry Dunant.

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