EuGH-Entscheid

Patent auf embryonale Stammzellen verboten

18. Oktober 2011, 18:29

Der Kommerzialisierung von menschlichen embryonalen Stammzellen wird in Europa ein Riegel vorgeschoben

EU-Wissenschafter fürchten mittelbare Folgen für die Forschung, da Anwendungen unmöglich würden.

* * *

Ende September erst gab es zum ersten mal so etwas wie eine kleine Erfolgsmeldung bei der klinischen Anwendung von humanen menschlichen Stammzellen (ES) in Europa: Zum ersten Mal wurde einer Klinik außerhalb der USA gestattet, diese "Alleskönner" in Menschen einzusetzen. Ärzte an einem Londoner Krankenhaus wollen damit an zwölf Patienten testen, ob sich die bisher unheilbaren Krankheit Morbus Stargardt therapieren lässt.

Zunächst einmal sollte geprüft werden, ob die Verwendung von solchen Ersatzzellen für die Netzhaut sicher sei, teilten das US-Biotechnologieunternehmen Advanced Cell Technology (ACT) und das Londoner Moorfields Eye Hospital mit. Langfristig und grundsätzlich erhoffen sich die Forscher, mit der Hilfe von ES Krankheiten wie Diabetes, Alzheimer, Parkinson oder Rückenmarkverletzungen heilen zu können.

Embryonale Stammzellen sind noch nicht auf eine bestimmte Aufgabe festgelegt und können damit prinzipiell zu allen Zelltypen werden. Deshalb sind sie für die Forschung und Medizin bei der Behandlung von Krankheiten so wertvoll. Ihre Nutzung ist aber umstritten, weil sie aus frühen Embryonen stammen, die bei der Gewinnung zerstört werden - im Normalfall handelt es sich um Zelllinien, die bei künstlichen Befruchtungen "übrig bleiben".

Ob es in Europa zur Entwicklung entsprechender Therapien mit ES kommen wird, darf nach einem Grundsatzurteil des Europäische Gerichtshof in Straßburg von Dienstag früh bezweifelt werden: Der entschied nämlich, dass ES nicht für Anwendungen nicht patentiert und vermarktet werden dürfen. Wenn für deren Gewinnung Embryonen zerstört würden, verstoße dies gegen den Schutz der Menschenwürde.

Hintergrund der Klage war ein Streit zwischen der Umweltorganisation Greenpeace und dem Bonner Neurobiologen Oliver Brüstle, der Inhaber eines 1997 angemeldeten Patents für nervliche Vorläuferzellen ist. Diese werden zur Behandlung von Krankheiten wie Parkinson oder Multiple Sklerose erprobt. Die Vorläuferzellen, aus denen sich dann Nervenzellen bilden, stellt Brüstle aus embryonalen Stammzellen her.

Auf Klage von Greenpeace hatte das Bundespatentamt dieses Patent wegen ethischer Bedenken aufgehoben und auf den Schutz der Menschenwürde und des menschlichen Lebens verwiesen. In nächster Instanz war der Bundesgerichtshof mit der Frage befasst, der die Sache nach Luxemburg verwies, wo man zu dem strengen Urteil kam. Was es allerdings ganz genau bedeutet, darüber waren sich österreichische Experten wie Christiane Druml, die Vorsitzende der österreichischen Bioethikkommission, oder Meinrad Busslinger, Stammzellforscher am IMP in Wien, nicht ganz einig, zumal der vollständige Urteilsspruch noch nicht vorlag.

Greenpeace erwartete jedenfalls in einer ersten Stellungnahme, dass das Urteil nur begrenzten Einfluss auf die Stammzellforschung haben wird: "Forscher haben in den vergangenen Jahren verschiedene Möglichkeiten gefunden, geeignete Stammzellen herzustellen, ohne menschliche Embryonen zu zerstören." Dennoch sagte Christoph Then von Greenpeace, dass das Urteil europäische Rechtsgeschichte schreibe. Der Gerichtshof habe den Schutz menschlichen Lebens gegenüber wirtschaftlichen Interessen deutlich gestärkt.

Naturgemäß anders sieht Oliver Brüstle das Urteil - und zwar in zweierlei Hinsicht: Es sei zum einen "ein ganz schlechtes Signal für die Wissenschafter in Europa"; Anwendungen mit ES müssten nun woanders stattfinden. Außerdem seien bereits angemeldete Patente aus Schweden oder Großbritannien nun wertlos. Zum anderen bedeute das Urteil auch eine Stigmatisierung dieses ganzen Forschungszweigs: "Im Grunde geht es nicht um das konkrete Patent, sondern um ein weitreichendes Signal: Was ihr macht, das ist nicht moralisch." (tasch, dpa/DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2011)

=> Stichwort: Embryonale Stammzellen

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Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 166
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Al Zipf
00
23.10.2011, 19:49
forschen darf er ja nach wie vor in Europa

Herr Bruestle darf doch eh wie bisher in Europa forschen. Lediglich ein Patent wird er fuer Anmeldungen mit bestimmten Inhalten nicht erteilt werden in Europa.

Soll er halt in der restlichen Welt Patente anmelden. Ist das nicht Markt genug? Reicht bspw. USA, Russland, Tuerkei, China, Brasilien, Indien, Japan nicht? (falls die Erteilung von Patenten fuer die in Europa nicht zugelassenen Inhalte dort erlaubt ist).

Das sollte man Herrn Bruestle vielleicht mal erklaeren. ...

Ich sehe nicht, warum das Verbot zur Patentierung dem Forschungsstandort schaden soll. Forschen wird man doch wohl dort, wo die Experten sitzen, und wenn die eben in Europa sitzen, wird man doch wohl dort forschen. Patente kann ich dann ja woanders anmelden.

Sonstwer
00
19.10.2011, 20:21
kann jemand endlich diesen Fehler beheben ?

Der entschied nämlich, dass ES nicht für Anwendungen nicht patentiert und vermarktet werden dürfen

Mike 23
00
19.10.2011, 15:33
Weiss das jemand

Muessen wir trotz dieses Urteils die Patente anderer Staaten embryonale Stammzellen betreffend respektieren?
Ich gehe einmal davon aus.

Das waere dann natuerlich doppelt daemlich.
Michael

sensortimecom
00
19.10.2011, 17:55
Ja.

Deswegen: s. Posting unten. Der EuGH sollte sich drum annehmen.

Das Chaos ist auf allen Gebieten perfekt, nicht nur im Banking oder Finanzsystem.

Es ist im Prinzip dasselbe, wie wenn du eine Fussball-WM ohne Schiedsrichter hast... und es z.B. den einzelnen Mannschaften frei stellst, auf welches Tor sie schießen sollen - es zählt immer für die eigene Mannschaft!..;-)

metall81
12
19.10.2011, 06:12
"Forscher haben in den vergangenen Jahren verschiedene Möglichkeiten gefunden, geeignete Stammzellen herzustellen, ohne menschliche Embryonen zu zerstören."

Toll, jetzt brauchen Forscher nur mehr eine Möglichkeit finden Abtreibungen durchzuführen, ohne menschliche Embryonen zu zerstören, dann hat auch die abscheuliche Doppelmoral ein Ende.

Manuel Eder, hinter mir die Sinnflut
00
19.10.2011, 03:09

Hach ja, die Reli-Fundis mal wieder.

Nr.3645
11
18.10.2011, 21:39
gut so!

The Argonaut
00
18.10.2011, 21:32
Grundsätzliche Überlegung zur Medikamenten und Therapieentwicklung

Nachdem die Einzelstaaten wie auch die EU Forschungsförderung für Universitäten und Betriebe anbietet, könnte doch dieses Geld gezielt auf die Entwicklung benötigter Therapien abgestellt werden. Denn was ich überhaupt nicht einsehe ist, wenn Firmen und Universitätsprofessoren mit staatlichen Mitteln forschen dürfen um dann das fertige Produkt teuer an den Staat wieder verkaufen zu können (Krankenkassen bezahlen für Medikamente). Man kann aber sicher im Förderrahmen eine "Belohnung" für erfolgreiche Therapien anbieten (so wie: das Labor/Firma mit dem Durchbruch bekommt einmalig 10 Mill. € die als Bonus auf die Forscher/Mitarbeiter entsprechend aufgeteilt wird)

sensortimecom
01
18.10.2011, 21:20
"EU-Wissenschafter fürchten mittelbare Folgen für die Forschung, da Anwendungen unmöglich würden".

Insbes. in den USA gibt es bereits Hunderttausende von erteilten Patenten auf Leben, auf Gene, Stammzellen, Therapien aller Art, gentechnisch veränderte Pflanzen & Tiere, mikrobiologische Entdeckungen usw. usf, die nicht nur die Forschung, sondern auch die Anwendung in der Praxis nahezu verunmöglichen (der Kreis potentieller Anwender beschränkt sich auf Betuchte; abgesehen davon die vielen ethischen Fragen...).
Warum befasst sich der nämliche Gerichtshof nicht auch damit?

sensortimecom
01
18.10.2011, 21:28
-> Nachtrag

Forschung und potentielle Anwendung wird gerade DANN erschwert, wenn ein Patent erteilt worden ist; nicht umgekehrt.
Ein Patent dient der Monopolbildung. Bei rein technischen Patenten macht der gewerbl./rechtliche Schutz einen Sinn, weil man sich vor allem gegen Konkurrenz aus Billiglohnländer schützen kann. Bei nicht-technischen ist das in den meisten Fällen (nicht in allen) kontraproduktiv. Dazu zählen auch Patente auf SW und Geschäftsmethoden.

sensortimecom
00
19.10.2011, 09:19
-> 2. Nachtrag

In allen lebenswichtigen nicht-technischen Bereichen, wo Wissenschaft und Forschung vom profit-orientierten Geldgeber zuwenig finanzielle Mittel erhält wenn das potentielle Forschungsergebnis nicht patentierbar und somit monopolisierbar ist, MUSS das Gemeinwesen einspringen und dies finanzieren! Dafür gibt es keine Alternative. Das hat mit "Sozialismus" nix am Hut, sondern mit Moral und Verantwortung.

Réunion
010
18.10.2011, 21:04
"EuGH-Entscheid"

"Europäische Gerichtshof in Straßburg" ...

WANN lernt man beim Standard endlich, dass der EuGH (Gerichtshof der EU nach dem Vertrag von Lissabon) in Luxemburg sitzt und heute der EGMR in Strassburg entschieden hat, der eine Einrichtung des Europarates und nicht der EU ist!?!?!?!?

noch einmal zum Ausdrucken und über den Motor hängen, für den Schlagzeilenschreiber:
EGMR: Menschenrechte/Strassburg/Europarat
EuGH: Gerichtshof der EU/Luxemburg/Auslegungsmonopol für Uniosnrecht

Al Zipf
00
23.10.2011, 19:16

guten morgen, heute hat der eugh entschieden (bezeglich des in dem artikel angesprochenen themas) ;-)

AIjoscha
10
19.10.2011, 00:25
Fühlt es sich gut an

so gescheit zu sein?

:-)

Réunion
01
19.10.2011, 23:05
in diesem Fall:

berufsbedingt ...

AIjoscha
00
21.10.2011, 10:08

Jurist oder Journalist?
Nix für ungut auf jeden Fall.

Michael_Gutsch
22
18.10.2011, 20:53

Man sollte zwischen Patentrecht und den Möglichkeiten, welche die Stammzellenforschung bietet unterscheiden. - Schade, dass dies nicht passiert.

Leider haben die religiösen Anti-Fortschritts-Fundamentalisten, bei diesem Thema zumindest vorübergehend gewonnen...

The Argonaut
01
18.10.2011, 21:20
?

Hab da jetzt nichts von einem Forschungsstopp gelesen. Bei ausreichender Förderung durch EU Projektgelder ist das ja hoffentlich auch kein Problem. Muss ja nicht immer alles gewinnorientiert sein, man könnte ja die Stammzelltherapie als non profit organisation aufziehen (also kostendeckend, z.B. über EU weiten Zusammenschluß aller Medizin-Unis).

Sonstwer
00
18.10.2011, 20:24
Doppelte Verneinung

Der entschied nämlich, dass ES
nicht für Anwendungen
nicht patentiert und vermarktet werden dürfen.

qummunismus.at
12
18.10.2011, 19:41
patente

gehoeren generell verboten.

es ist absurd etwas kuenstlich rar zu machen nur damit es im kapitalismus als ware gehandelt werden kann. der kapitalismus ist ja wie inzwischen den meisten menschen klar geworden ist am ende.

q.

dieter tiefensteppe
11
18.10.2011, 20:30

man sollte niemals vergessen und leichtfertig das patent verteufeln, dass ein patent auch einen gewissen schutz eines entwicklungsprozesses darstellt. könnte man fast als qualitätsicherung in diesem fall betrachten. ;) aber es ist schon klar dass der mensch, hierbei wo´s sinn machen würd nein sagt und bishin zum würfel alles andere zu patentieren wünscht. schlau werd ich aus meinem gen code (homo sapiens sapiens) wohl nie werden! grundsätzlich lieb ich ja paradoxe geschehnisse. und nun der EVIL IGOR: wuhahahaha nun kann mich keiner mehr stoppen! leb - leb - leb- meine kleine kreatur der nacht - leb wuhahahaha

Zombieland
00
21.10.2011, 19:34

Den Humor mag ich irgendwie dafür gabs auch ein grünes Stricherl! .)

Gerald Nessmann
21
18.10.2011, 20:06
Natuerlich

und damit schaffen Sie Innovation ab.

Andreas Schneider
02
18.10.2011, 20:55
ach?

vor der eröffnung des ersten patentamts gab es keine innovation?

certhas
16
18.10.2011, 19:38
Patentierung von Leben gehört komplett verboten!

Es ist endlich an der Zeit dass diese Praktiken verboten werden. Es kann doch nicht sein dass auf Leben Patente vergeben werden.

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