François Hollande könnte Nicolas Sarkozy entmachten
"Also ehrlich: Können Sie sich François Hollande als Staatschef
vorstellen?", lästert Laurent Fabius, eine Koryphäe der französischen
Sozialisten. Doch ausgerechnet der ewig jugendliche Possenreißer, der
bauernschlaue Bonvivant, der Naivling mit dem Treuer-Hund-Blick strebt
nun in das höchste Amt der Nation! In der Pariser Elite können es viele
kaum fassen, aber Hollande (57) hat laut Umfragen tatsächlich beste
Chancen, Nicolas Sarkozy im Mai 2012 aus dem Élysée-Palast zu jagen.
2007 lachte die Nation noch über ihn, als ihn seine Lebenspartnerin und
damalige Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal kurzerhand vor die
Tür setzte, weil er sie mit der Journalistin Valérie Trierweiler
betrogen hatte. Diese hat ihn überredet abzunehmen und Maßanzüge zu
tragen, um endlich sein Image des rundlichen, umgänglichen Biedermanns
loszuwerden.
Der Arztsohn aus der Normandie arbeitete hart an sich, um kantiger zu
wirken. Er beginnt nun seine Sätze forsch mit "Ich will" und gibt mit
dem rechten Arm die Richtung vor - so, wie man es im Medientraining
lernt.
Das genügt aber noch nicht, es ist auch Glück nötig: Im Frühling
strauchelte der Hoffnungsträger der Sozialisten, Dominique Strauss-Kahn,
wegen Vergewaltigungsvorwürfen, und Hollande präsentierte sich prompt
als "neuer" Kandidat. "Neu" war er aber noch weniger als seine
Kontrahentinnen Royal und Martine Aubry. Der Absolvent der Eliteschule
ENA ist seit mehr als drei Jahrzehnten Berufspolitiker - neu ist wohl
einzig sein Look. Und das Glück eben: Die Franzosen haben die Nase voll
von Sarkozys Überdrehtheit und Neureichen-Gehabe; ein sympathischer
Durchschnittsbürger kommt ihnen da gerade recht.
Hollande redet viel, ist richtig schlagfertig geworden. Doch was sagt er
eigentlich? Er "will" den Schuldenberg abbauen - aber zuerst 60.000 neue
Lehrer einstellen. Er "will" die Atomenergie zurückfahren - aber auch
ihre Erforschung fördern. Er "will" das Pensionsalter erhöhen - aber nur
für einzelne Gruppen.
Hollande, der Konsenspolitiker, möchte es allen recht machen. Das macht
ihn für Sarkozy gefährlich: Der Sozialist, der kaum Sozialdemokrat ist,
spricht viele Mitte-Wähler an.
Doch wird man Staatspräsident, wenn man "langweilig normal" ist?
Hollande zieht sich mit einem Bonmot aus der Affäre: "Ich weiß, dass ich
kein Präsidentengesicht habe, aber es gibt viele, die haben eines und
werden es trotzdem nie." (Stefan Brändle, STANDARD-Printausgabe, 18.10.2011)