"Unnatürlicher Akt" auf Zypern

Blog17. Oktober 2011, 19:41
12 Postings

Ein Ex-Finanzminister aus dem griechischen Teil Zyperns ist im türkischen Norden dem Richter vorgeführt worden. Der Vorwurf: Homosexualität.

Der eine ist 17, der andere 29, und der dritte, um den sich nun alles dreht, ist 65 und ein früherer griechisch-zypriotischer Finanzminister. Michalis Sarris war vergangenen Donnerstag von der Polizei im türkischen Teil der Insel festgenommen worden, weil er sich angeblich von dem minderjährigen türkischen Mann "massieren" ließ. Den Polizisten, die ohne Durchsuchungsbefehl in das Haus gestürmt waren, schien die Sache klar: ein "unnatürlicher Akt". Im türkischen Teil Zyperns steht auf Homosexualität bis zu fünf Jahre Gefängnis. Der Hausbesitzer, der 29-jährige Türke, wurde auch gleich mitgenommen.

Alles sehr delikat. Sagt auch die UNO auf Zypern, denn Sarris – auch ein ehemaliger Weltbankbeamter – führt eigentlich die Untergruppe Wirtschaft bei den von den Vereinten Nationen organisierten Gesprächen über eine Wiedervereinigung der Insel. Ende Oktober hat Generalsekretär Ban Ki-moon den zypriotischen Präsidenten Demetris Christofias und den Führer des türkischen Nordens, Dervis Eroglu, nach New York zum Rapport bestellt. Da sollte dann zumindest irgendetwas halbwegs Vernünftiges auf dem Tisch liegen. Sarris aber, von dem man nicht annehmen darf, dass ihm nach dieser Eskapade noch eine Zukunft als Politiker oder Diplomat auf der Insel bleibt, saß Montag noch im Gefängnis in Lefkoşa, dem türkischen Teil der Hauptstadt.

Den Ausführungen des Anwalts zufolge habe sich Sarris lediglich für 20 Euro massieren lassen. Doch in Wirklichkeit geht es natürlich um die retardierten Gesellschaftsvorstellungen im Norden, das Produkt eines offensichtlich sehr natürlichen Akts, den altes britisches Kolonialrecht und konservativ-muslimisches Denken eingegangen sind. Andererseits war auch der griechische Teil im Süden der Insel lange Zeit kein Ausbund an Toleranz: Homosexualität als Strafdelikt war erst 1998 abgeschafft worden und auch nur in Folge eines Rechtsstreits, den die Republik in Straßburg verloren hatte. Ein Leser der Onlineausgabe von Cyprus Mail versuchte die "Affäre Sarris" in einem Posting zurechtzurücken:

  •   „But in the south it would be ok? If he would have been caught with a male prostitute in Limassol (for example) there would have been a major outcry as well. Imagine our lovely archbishop! He would burn him at the stake.“

Chrysostomos II, ein Glaubenskrieger, wird sich ganz ohne Zweifel zur Angelegenheit äußern, sobald der Ex-Finanzminister den Fängen der Muslime entkommen ist. Die öffentliche Verteidigung für Sarris haben aber bemerkenswerterweise NGOs im Norden übernommen wie die Türkisch-zyprische Stiftung für Menschenrechte oder die Initiative gegen Homophobie. Und eines wenigstens zeigt die "Affäre Sarris": Wenn ein griechisch-zypriotischer Regierungsvertreter „zur Massage“ in den türkischen Inselteil fährt, kann die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung Zyperns noch nicht ganz dahin sein. (Markus Bey, derStandard.at, 17.10.2011)

  • Der ehemalige zypriotische Finanzminister Michalis Sarris auf einer Pressekonferenz in Nikosia im Mai 2007.
    foto: epa/katia christodoulou

    Der ehemalige zypriotische Finanzminister Michalis Sarris auf einer Pressekonferenz in Nikosia im Mai 2007.

Share if you care.