Strategiedebatte der britischen Regierung

"Kriegsschauplatz" Cyberspace: Vorstoß aus London

Kommentar der anderen | William Hague, 17. Oktober 2011, 19:32

Wie kann man sich besser gegen den kriminellen Missbrauch des Internet schützen, ohne dadurch die soziale und ökonomische Relevanz der neuen Medien zu gefährden? - Die britische Regierung lädt zu einer Strategiedebatte - Von William Hague

Das Internet hat unsere Welt von Grund auf verändert und unseren Alltag revolutioniert. Daraus ergeben sich jedoch auch Gefahren, die eine globale, koordinierte Reaktion erfordern. Die Diskussion darüber, wie diese Reaktion aussehen sollte, ist allerdings bislang nur fragmentarisch und ohne den nötigen Fokus geführt worden.

Hier will die britische Regierung Abhilfe schaffen. Ein breiterer internationaler Konsens ist erforderlich, und die Suche danach muss kollektiv, unter Beteiligung aller wichtigen Akteure, vorangetrieben werden.

Deshalb habe ich nicht nur Vertreter von Regierungen, sondern auch Vertreter der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft zu einer Konferenz zum Thema Cyberspace am 1. und 2. November nach London eingeladen. Kein Land, auch keine Regierung, hat ein Patentrezept. Wir müssen gemeinsam darüber nachdenken, wie wir die wirtschaftlichen und sozialen Vorteile des Internets nutzen und uns gleichzeitig gegen kriminelle und unsere Sicherheit gefährdende Cyber-Angriffe schützen können, ohne dabei Innovation zu ersticken.

Das Internet breitet sich in unglaublichem Tempo aus, und die Expansion unserer vernetzten Welt liegt in unser aller Interesse. Eine Zunahme der Breitbandverkabelung um 10 % lässt Schätzungen zufolge das globale BIP um durchschnittlich 1,3 % wachsen. Sie fördert Wettbewerb und Effizienz und erschließt neue Märkte.

Die internetgestützte Wirtschaft ist so zu einem kritischen Wirtschaftszweig geworden. In Großbritannien hat sie einen Wert von 100 Milliarden Pfund, das sind acht Prozent unseres BIPs, und in den nächsten vier Jahren wird mit einem jährlichen Wachstum von zehn Prozent gerechnet. Global werden im Online-Handel pro Jahr acht Billionen US-Dollar umgesetzt.

In immer mehr Ländern wächst die Abhängigkeit vom Internet bei allem, was wir tun: am Arbeitsplatz, bei der Weiterbildung oder um Steuern zu zahlen. Innovation und Kreativität werden durch das Internet ebenso gefördert wie Bildung, schon durch den schnellen Zugang zu Informationen. Der Cyberspace verwischt geografische Grenzen, beseitigt kulturelle und religiöse Barrieren, verbindet Familien und Freunde und erleichtert Kontakte zwischen Menschen. Das Internet schafft Transparenz, erleichtert es Bürgern, ihren Regierungen auf die Finger zu schauen und eröffnet völlig neue Chancen. Der Arabische Frühling hat gezeigt, dass die Fähigkeit, Gedanken auszutauschen, ungeahnte Veränderungen hervorbringen kann, dass Bürger sich gegen ein repressives Regime zur Wehr setzen können, und dabei der Welt dessen Brutalität vor Augen führen können.

Trotz Fortschritt bei der globalen Vernetzung sind die Unterschiede weiterhin groß. So verfügen z. B. 95 Prozent aller Isländer, aber nur 0,1 Prozent der Liberianer über einen Internetanschluss. Zwei Drittel der Weltbevölkerung sind nach wie vor offline.

Die vernetzte Welt bringt auch große Herausforderungen, die deren Nutzen untergraben könnten und auch verhindern könnten, dass das Potenzial des Internets voll ausgeschöpft wird.

Die Cyber-Welt ermöglicht es Verbrechern, Identitäten und Ideen zu stehlen, den Staat oder die Wirtschaft zu betrügen und sich auf Kosten der Schwächsten der Gesellschaft zu bereichern. Der finanzielle Schaden der Internetkriminalität ist enorm - global sind es pro Jahr eine Billion US-Dollar. Noch viel größer sind die menschlichen Kosten. Terroristen nutzen das Internet, um mörderische Anschläge zu planen und versuchen, in Chatrooms Nachwuchs zu rekrutieren.

Repressive Regierungen machen sich den technologischen Fortschritt zunutze, um die Rechte ihrer Bürger zu verletzen, Privatsphäre und freie Meinungsäußerung zu beschneiden und den freien Zugang zu Informationen zu verhindern. Technologie hat neue Wege geschaffen, wie Staaten Angriffe gegeneinander führen können, indem sie Infrastruktur lahmlegen oder Geheimnisse stehlen, so dass die Angst vor einem "Cyber-Krieg" zunimmt. Die Bedrohung ist real. In den Computernetzen unserer Regierung gehen pro Monat rund 20.000 bösartige E-Mails ein; 1000 davon sind gezielte Angriffe auf diese Netze.

Wir unterschätzen die vor uns liegende Aufgabe keineswegs. Nicht alle Länder teilen unsere Einschätzung der positiven Wirkung des Internets. Die Suche nach dem erforderlichen breiten internationalen Konsens wird nicht leicht sein. Sie wird Zeit brauchen.

Darin sehe ich eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Niemand kann das Internet kontrollieren, aber wir dürfen auch nicht alles dem Zufall überlassen. Wir müssen jetzt tätig werden, wenn wir uns die enormen Chancen erhalten wollen, die uns die Entwicklung des Cyberspace bietet. In London hoffen wir eine Agenda in Gang setzen zu können, die uns allen die Möglichkeit gibt, das Potenzial eines sicheren Cyberspace auf Generationen hinaus voll auszuschöpfen.

Reden Sie mit. Sie können sich an der Londoner Konferenz beteiligen, indem Sie Fragen zur Zukunft des Cyberspace stellen oder Ihre Meinung dazu äußern. Einige Beiträge werden den Delegierten während der Konferenz vorgelegt. (Mehr Informationen finden Sie hier.) (DER STANDARD-Printausgabe, 18.10.2011)


Autor

William Hague, Jg. 1961, ist britischer Außenminister im Regierungskabinett von David Cameron.

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10 Postings
Fritz Wunderlich
00
18.10.2011, 20:17

die zivilgesellschaft einbinden, die kriminellen ausgrenzen, der staat als schutz und gemeinschaft

interessante umarmungsstrategie, dumm ist er nicht

nur verfließen die grenzen zwischen staat, kriminellen und zivilgesellschaft zusehends
:-)

Der Stadtwolf
03
18.10.2011, 16:55
Wie kann man sich besser gegen den kriminellen Missbrauch des Internet schützen, ohne dadurch die soziale und ökonomische Relevanz der neuen Medien zu gefährden?

Das geht nicht! Darum lassen wir lieber alles so, wie´s ist! Der Mann redet wie ein Lamm, doch seine Taten sehen anders aus. Er ist ein typischer Vertreter dieser kleinwüchsigen, farblosen, glatzerten und schon früh-ergrauten Politiker im Republikaner-Style.

Gibt´s eigentlich irgendwo eine Firma beziehungsweise ein Werk, dass diese Typen am Laufband herstellt?

Wir lassen uns das Internet von euch nicht kaputtmachen!

Ben Hemmens
00
18.10.2011, 13:53
Willie Hague,

das ist doch einer, den ich gern einmal auf einen Pint treffen würde. Oder 14 ;-)

http://www.guardian.co.uk/uk/2000/a... lliamhague

derFalkner
00
18.10.2011, 08:23
"Der Cyberspace verwischt geografische Grenzen"

Ja, der "Cyberspace" führt damit nur fort, was die Kolonialmächte seit mehreren Jahrhunderten sorgfältig und weltumspannend realisiert haben. Und die Grenzen, die da verwischt werden, sind lediglich jene, die den Waren- und Kapitaltransfers im Wege stehen. Damit auch der letzte Liberianer bald einen Eipott kaufen kann!

peletiah
02
17.10.2011, 22:45

Bedenklich finde ich dass er grad die Nutzung von "Terroristen" als Beispiel für eine Gefahr anführt. Da findet noch kein konkretes Verbrechen statt, sondern es wird lediglich versucht Ideologie weiterzugeben. Wer beurteilt ob eine Ideologie gefährlich ist oder nicht? Hague widerspricht sich damit selbst.
Und "mails" als Beispiel für reale Gefahr zu nennen zeugt von Naivität - der Mann sollte besser nochmal ordentlich gebriefed werden. Schlecht schauts aus mit der Zukunft des freien Datenverkehrs.

Fritz Meyer
00
18.10.2011, 09:44
Der hat nur dieses "Argument" GEGEN das Internet...

und seine Regierung (sowieso sein ganzes Land) sind zwischenzeitlich nur noch für die Beteiligung an Raubkriegen, die Aushöhlung der Grundrechte und masslosen Überwachungswahn "berühmt".

Nee-Chee
010
17.10.2011, 20:33
Oooh das hat er aber

alles schön gesagt.
Ich wette, in Grossbritannien ist jetzt die Kreide ausverkauft. Was hier nicht steht: seine Regierung wollte Twitter dazu zwingen, Daten von Usern herzugeben, die über Maulkorb-Verfügungen berichtet hatten. Sie überlegen, Mobilnetze abzuschalten und Blackberrys zu stören, damit sich böse Aufständische nicht mehr verständigen können. Dann noch letzte Woche das Porno-Opt-In, die Vorzensur im Internet. Und ganz generell würde Cameron ganz gern die Menschenrechtskonvention aushebeln, weil diese Maßnahmen mit der nicht so ganz konform gehen. Etc.

Michael Schmied
00
17.10.2011, 22:42

Die Kreide bezieht sich aber auf den Wolf in Rotkäppchen?
Hague könnte doch statt dem Wort "Internet" das Wort "Bankensektor", und statt "globale, koordinierte Reaktion erfordern" besser "globale, koordinierte Transaktionssteuer erfordern" verwenden.
Warum tut er das nicht?

Amenhotep IV
17
17.10.2011, 20:22
einerseits ist ein riesiges Problem,

wenn Politiker wie William Hague, die einer Generation entstammen, die das Internet in technischer, intellektueller und sozialer Hinsicht nicht wirklich begreifen - versuchen das Internet durch Gesetze und Mithilfe von Beamten zu regulieren...

Andererseits - können sie nicht wirklich coden ;-)

Ben Hemmens
00
18.10.2011, 14:46
Hague ist gerade einmal 50.

Sagen Sie, dass keine 50-jährige das Internet begreifen? Deren Generation hat es ja erfunden!

(Tim Berners-Lee: Bj. '55)

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