Kommentar von Michael Simoner

Die passive Republik

Kommentar | Michael Simoner, 17. Oktober 2011, 19:20

Der Bund muss eine zentrale Anlaufstelle für Missbrauchsopfer schaffen

Wie heißt der österreichische Familienminister? Diese Frage könnte wohl zum Hauptgewinn bei Wer wird Millionär? führen. Denn dass Reinhold Mitterlehner von der ÖVP neben den Wirtschaftsagenden auch für Familien zuständig ist, dürfte einem Gutteil der Bevölkerung unbekannt sein. Zu selten tritt er in dieser Funktion an die Öffentlichkeit. Nicht einmal die derzeitigen Schlagzeilen über Misshandlungen und sexuelle Übergriffe auf Kinder in staatlichen Kinderheimen haben ihm bisher einen Mucks entlockt. Aber mit seiner Passivität ist der Familienminister nur ein Teil der ganzen Republik. Die Bundesregierung schweigt - oder meldet sich, wie das Justizministerium, nur dann zu Wort, wenn es Anfragen gibt.

Seit knapp zwei Jahren sorgen Fälle von Übergriffen auf Heranwachsende weltweit für Empörung und Bestürzung. Was mit Missbrauch in der Kirche anfing, hat längst alle Einrichtungen erfasst, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Die meisten dieser Vorwürfe beruhen auf Verbrechen, die vor 20, 30 oder 40 Jahren begangen wurden. Doch ermutigt durch den Gang Einzelner in die Öffentlichkeit, haben tausende weitere Opfer ihre Leidensgeschichten publik gemacht. Diese Welle hat auch vor Österreich nicht haltgemacht, die jüngsten Enthüllungen betreffen das ehema-lige Kinderheim Wilhelminenberg in Wien.

Zu einer staatlichen Untersuchungskommission wie beispielsweise in Deutschland konnte sich Österreich aber nie durchringen. Das hat wahrscheinlich nur finanzielle Gründe: Die Republik fürchtet einfach Amtshaftungsklagen, die, selbst wenn nur ein Bruchteil von in den USA möglichen Entschädigungszahlungen ausgeschüttet werden würden, ordentlich Geld kosten würden. Also wurden die Kompetenzen zur Aufklärung von Missbrauchsfällen auf untere Ebenen verteilt.

Herausgekommen sind Kommissionen in Bundesländern, die in der Regel zwar engagiert und unbürokratisch, aber teilweise völlig unterschiedlich entscheiden. Am schnellsten hatte die Kirche mit der Einführung der sogenannten Klasnic-Kommission reagiert. Mehr als 400 Fälle hat das eigenständige Gremium unter der Führung der ehemaligen steirischen Landeshauptfrau Waltraud Klasnic heuer und im Vorjahr bereits bearbeitet.

Wie hilflos die Politik dasteht, beweist auch die neu entbrannte Diskussion über Verjährungsfristen im Strafrecht. Im Fall von Sexualverbrechen wurde diese Verjährungsfrist erst 2010 massiv ausgedehnt, sie beginnt erst mit dem 28. Lebensjahr eines Opfers zu laufen und dauert dann bis zu zwanzig Jahre. Allenfalls könnte eine Angleichung der Verjährungsfrist für zivilrechtliche Schadenersatzansprüche angedacht werden. Hier gelten 30 Jahre ab dem Tatzeitpunkt.

Abgesehen von finanziellen Entschädigungen brauchen geschundene und sexuell ausgenützte Opfer Respekt und Anerkennung. Egal, ob das Verbrechen in staatlichen, kirchlichen oder sonstigen Einrichtungen stattgefunden hat, eine vom Bund eingerichtete, zentrale Anlaufstelle würde verhindern, dass manche Opfer von Pontius zu Pilatus laufen müssten, um Hilfe zu erhalten.

Experten für derartige Aufarbeitungen sind in der Klasnic-Kommission längst gebündelt, für eine bundesweite Aufgabe müsste das Team nur aufgestockt werden. (DER STANDARD; Printausgabe, 18.10.2011)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 36
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countdawn
00
18.10.2011, 15:24
An Herrn MICHAEL SIMONER

Sollen nach dem Vorschlag von Michael Simoner nun alle Betroffenen sexueller Misshandlungen nach dem Vorbild der kirchlichen Täterschutzkommissions unter Klasnic verarscht, retraumatisiert, mit Almosen abgespeist und hingehalten werden?
BETROFFENE, WEHRT EUCH!
Die Verjährung dieser Verbrechen muss fallen!

hcl3
00
18.10.2011, 20:34

weißt es is blöd,
wenn die judikatur nach sovielen jahren tätersperma als beweis erwartet
denn leider steht meist aussage gegen aussage
und nach "der" kindheit haben die täter den opfern meist die gediegenere biographie voraus.

Dietmar Ott
00
18.10.2011, 15:17
Häupl ist mehr als rücktrittsreif.

Organisierte Kinderpuffs mit zahlreichen Todesfällen wurden vom Wr. Rathaus bis zuletzt vertuscht.
Häupl, spiel jetzt nicht den "besseren" Papst und tritt endlich zurück! Die Sache stinkt zu sehr zum Himmel!

hcl3
00
18.10.2011, 20:31

der häupl war ein teenager als das passiert ist

hinweis4
00
18.10.2011, 21:35
Genau!

Vor allem, weil er die Karlsson mit einer Enquete beauftragt hat, auf Grund deren Ergebnisse dann die Großheime gesperrt wurden...

Was macht's, dass er erst 1994 Wiener Bürgermeister wurde....

Quasis Herr Karl
13
18.10.2011, 11:25
Die Forderung nach Einrichtung einer Bundeskommission-

Ihre Aufforderung ist eine Stimme unter Hunderten. Vor allem aus dem Kreis der Missbrauchten. Von Heimen für die sich *niemand* zuständig fühlt, davon berichte ich Ihnen gerne wenn Sie möchten.

erwin aschenwald
 
01
19.10.2011, 00:05
eine 'unabhängige' Kommission auf Bundesebene ist ein absolutes MUSS!

die Rolle der Klasnic-Kommission, die im Artikel eher blauäugig-positiv rüberkommt, ist schon zu hinterfragen. Für Tirol hat dieser kirchliche PR-Gag dazu geführt, dass die von der ursprünglichen Kommission empfohlenen Mindest-Entschädigungssätze ganz drastisch auf das Niveau der Klasnic-Komm. hinunterlizitiert wurden. Die ursprüngliche Tiroler Kommission wurde übrigens in die Wüste geschickt und durch eine "politisch willfährige Kommission der 2. Wahl" ersetzt, die seit über 1 Jahr fast nur Sch.... produziert und enttäuschte, frustrierte Opfer sich selbst überlässt. Dies alles, ohne sich auch nur die Mühe einer rechtsstaatlichen Illusion zu machen .....

Dietmar Ott
01
18.10.2011, 15:20

Geh bitte. Was die in Wien im Vorjahr eingerichtete Kommission getan hat, weiß niemand. Man weiß nur, besonders tief kann diese Kommission nicht gegraben haben. Ansonsten hätte man früher von den Vorkommnissen im Schloss Wilhelminenberg erfahren, bzw. wurde das eben bis in höchste politische Ebenen vertuscht.

Quasis Herr Karl
00
18.10.2011, 17:49
WIEN ist Land und Stadt, aber nicht der BUND.

Hier geht es um die Einrichtung einer Bundeskommission. Unabhängig trau ich mich eh nimmer schreiben.

hcl3
00
18.10.2011, 20:38
aber wer von den mädels

will den reportermob vor der wohnungstür haben
die kann sich ja eine neue wohnung suchen, weil sich viele das maul zereissen
wie erklärt man das den (ehe)männern, den kindern....
verdrängen ist wohl für die meisten aus erfahrung die beste überlebensstrategie
und schweigen

hcl3
00
18.10.2011, 11:09
schon bedacht

wieviele kinder jahrzehntelang in ihren familien jedwede grausamheiten ertragen ertragen haben,
ohne nach hilfe zu suchen -
weil es sich immer schon unter den betroffenen kindern herumgesprochen hat was sich in den heimen abspielt.
hunderte haben durchgehalten
weil ein vater,bruder,onkel allemal besser als eine horde
die einen zu besteigen gedenkt
und eine person kann einen gar nicht sooft zusammenschlagen wie mehrere erzieher.
meine mutter und tante sind in den fünfziger jahren als volksschulkinderin im heim-salzburg land- brutalst misshaldelt worden , aber weil sie es überlebt haben und verdroschen werden ja auch von klein auf gewöhnt waren sind sie heut noch der ansicht das das alles nicht so schlimm war.

Rosa Stahl
00
18.10.2011, 12:38

traurig. das ist aber bei vielen Opfern, denen nicht zeitgerecht geholfen wurde, der einzige Weg, um die Vergangenheit überhaupt auszuhalten. Sehen Sie den alten Damen das bitte nach.

Urban Angel
00
18.10.2011, 10:26

Die Verjährungsfrist ist eigentlich egal. Denn es handelt sich dabei um einen Diebstahl eines Vollwertigen Lebens. Diebstahl verjährt nicht.

Hofrat Geiger
00
18.10.2011, 13:56
Da muss ich Sie leider enttäuschen:

Nur mit lebenslanger Haft bedrohte Strafen verjähren nie, Diebstahl wird aber mit max. 15 Jahren bestraft (falls es räuberischer Diebstahl ist, der eine schwere Körperverletzung oder den Tod eines Menschen zur Folge hatte).

Siehe zur Verfährung: https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente... 23661.html

Hosenriemen
11
18.10.2011, 10:18
Herrlich

ich fühle mich als Kind dieser Nation schon lange gefrotzelt.

Denn, unsere Gründerväter wollten einen Staat mit ethischen Konditionierung erschaffen. Ein weiterwachsen einer Zivilisation und Gleichberechtigung.

Und was haben wir heute?
Einen "ist-eh-Wurscht-Salat" wo Gesetze teilweise bei Diebstählen gegen den Bürger (für Leistungsträger) behilflich sind.

*würg*pfui*

Aristarch
01
18.10.2011, 10:07
Der Bund ist einfach aus dem Grund passiv, weil die Länder für die Heime zuständig und verantwortlich sind.

Deshalb sind Kommissionen in den Bundesländern herausgekommen, weil es sich um eine Aufgabe der Bundesländer handelt. Und die arbeiten nach dem Artikel "engagiert und unbürokratisch".

Die angeführten finanziellen Gründe für die Untätigkeit des Bundes sind eine Unterstellung. Wieso sollte sich der Bund vor Amtshaftungsklagen fürchten, wenn sich das Fehlverhalten in LANDESinstitutionen, die durch die LÄNDER zu beaufsichtigen sind, ereignet hat?

J. Reichhart
01
18.10.2011, 07:46
missbrauch von kindern in kirchlichen und staatlichen

einrichtungen und heimen, korruption bis zum gehtnichtmehr, verschleierte und undurchsichtige parteienfinanzierung, medienmissbrauch durch die regierung, justizskandale am laufenden band ...

das passt alles nicht ins bild der selbstverliebten gemütlichkeitsrepublik. das passt nicht in die idylle der trappfamilienrepublik, wo auf saftigen wiesen glückliche kühe grasen und mozartmusik hören, wo freundlich lächelnde herren von plakatwänden grinsen und verkünden, die unterthänigst glücklichen alpenländler lebten in der besten aller republiken und seien die gemütlichsten und glücklichsten menschen der welt.

weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Michael Tfirst
 
00
18.10.2011, 10:38
Genau......

Und weiter so: Über klösterliches Spekulantentum, Lügenmönche, klösterlichen Sozialmissbrauch, klösterliche Steuerhinterziehung, Missbrauch im Namen Gottes, Vertuschung der Missbrauchssachen des Benediktinermönchs Kardinal Groer, usw.

http://klostertreiben.blogspot.com/

MfG
Michael Tfirst

Erwin Wolfram
50
18.10.2011, 07:42
uebersetzung

als journalist habe ich mich an den komoedien zur laecherlichmachung der opfer begeilt und nun will ich die taeter bestechen, da ich meinem nazimedium zu mehr pressefoerderung verhelfen will. das ist weil nazijournaillien zu dumm sind zu lesen, zuzuhoeren und zu wissen, wenn sie sich an ctrl c und ctrl v verdient machen koennen.

sawi48
01
18.10.2011, 09:48
@Erwin

DAS hab ich jetzt nicht verstanden: wo hat sich ein Nazimedium an den Opfern begeilt ?

Eher sind die, die von den von J.Reichhart angeführten Plakaten lächeln und "Heile Welt" vermitteln, die Übeltäter.

Dietmar Ott
60
18.10.2011, 07:13

Ob der ORF jetzt auch zwanzig Mal die ZiB mit einer Attacke auf die Gemeinde Wien als Spitzenmeldung beginnen wird, wie bei den Angriffen auf die Kirche?

sawi48
02
18.10.2011, 09:49
@Dietmar

Ich glaube, da kann man ganz Österreich attackieren.

Wieviel Demokratie ist es bitte?
10
17.10.2011, 20:36
Es wird das Beste sein

wenn Opfer Gruppen bilden, sich organisieren und in die 99% Bewegungen integrieren, weil:

der "Bund"...

Hahaha.

(Das ist der, der die Republik im Ganzen seit 56 Jahren fehlformatiert)

Besser selber organisieren.

Man sieht ja wie das läuft:

Der Ministerchamp kriegt nix mit, ist stumm und an den Fall werden Historiker und Pensionisten gesetzt.

Gemütlicher können es Täter und Kollaborateure nirgends haben.

Der "Bund" sorgt für angenehme Atmosphäre - und zwar für sich selbst, nicht für Opfer, bzw. Bürger im Allgemeinen.

Siehe auch:

http://derstandard.at/131872607... enfreiheit

Also big picture:

Pro Bürger läuft hier grundsätzlich nichts.

Opfer sind wir alle.

Ausweg: occupy everything!

noirc80
01
17.10.2011, 23:23

äh, ganz kurz... OPFER. wieso sollten die irgendwas machen müssen? opfer haben ein recht auf schutz. abgesehen davon sind opfer auch damit beschäftigt zu bewältigen, was ihnen passiert ist, das nimmt sehr viel energie, so dass man nicht auf die idee kommen sollte, das ganze mit "organisiert euch selbst" ab zu tun, lieber wäre mir ein aufruf "solidarisiert euch mit den opfern" gewesen.

J. Reichhart
00
18.10.2011, 07:49
nix verstehen?

in diesem land passiert nix, wenn du es nicht selber tust. ausser unrecht. das geschieht ganz von allein, systemimmanent sozusagen. eben weil dieses land aus dem ruder gelaufen ist und sich die regierenden es sich bequem eingerichtet hamm in ihren immunitätsklausen und quarantänestationen, wo sie kein staatsanwalt und richter behelligt!

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