Politologin Rosenberger

"Steigende Zustimmung zum 'Führer'"

Interview | Josef Kirchengast, 18. Oktober 2011, 06:20

Schwindendes Vertrauen in die Effizienz der Demokratie, große Fremdenfeindlichkeit

Die Politologin Sieglinde Rosenberger erläutert Josef Kirchengast die Auffälligkeiten der Österreicher.

***

STANDARD: Sie sprechen von einer bröckelnden Unterstützung für die Demokratie in Österreich. Ist da etwas im Gange, das die Demokratie tatsächlich gefährden kann?

Rosenberger: In allen westeuropäischen Staaten, auch in Österreich, gibt es eine kontinuierlich sehr hohe Zustimmung zum demokratischen System. Was aber massiv erodiert, und in Österreich in den letzten zehn Jahren deutlich mehr als anderswo, ist die positive Bewertung der demokratischen Funktionsweisen sowie der Leistungen der Demokratie. Immer mehr Menschen erfahren Demokratie als entscheidungsschwach und verlieren das Vertrauen in demokratische Einrichtungen.

STANDARD: Welche Institutionen in Österreich verlieren das meiste Vertrauen, welche am wenigsten?

Rosenberger: Das Vertrauen in demokratische Einrichtungen - Parteien, Parlamente, Regierungen - sinkt rasant. Grob gesagt: das Vertrauen in Institutionen, die nicht gewählt werden, etwa Polizei, Militär, Justiz, ist klar größer als in jene, die sich einer Wahl stellen.

STANDARD: Eine gewisse Sehnsucht nach einem autoritären System?

Rosenberger: Das wäre eine Überinterpretation. Wohl aber nutzen politische Kräfte, die weniger an demokratischen Werten und Prinzipien orientiert sind, diese neuen Klüfte. In Österreich ist eine deutlich steigende Zustimmung zum "Führer, der sich nicht um Parlament und Wahlen kümmern muss" zu verzeichnen.

STANDARD: Die größten Veränderungen in Österreich fanden nicht in den 1990er-Jahren, sondern in der letzten Beobachtungsphase, 1999 bis 2008, statt.

Rosenberger: Ja: Nicht vor dem Wechsel zur ÖVP-FPÖ-Regierung, sondern nach diesem sind die gravierenden Einstellungsänderungen zu beobachten.

STANDARD: Mit dem Regierungseintritt der FPÖ sind deren Positionen also quasi hoffähig geworden.

Rosenberger: Auch in anderen Ländern existieren Parteien, die populistisch, EU-kritisch, stark migrationsablehnend agieren. Trotzdem sind dort die negative Haltung zu Zugewanderten und die Betonung des Ethno-Nationalen moderater ausgeprägt. Die FPÖ-Regierungsbeteiligung dürfte die nationalistischen Einstellungsbündel begünstigt haben. Für wichtig halte ich aber auch, dass in anderen Ländern, vor allem in skandinavischen, daneben ein an Liberalität und Toleranz orientierter Diskurs geführt wird.

STANDARD: Wo fällt Österreich besonders aus dem Rahmen?

Rosenberger: In der Haltung zu ethnischen Minderheiten, MigrantInnen und sogenannten Randgruppen nimmt Österreich stets die Spitzenposition in der Ablehnung ein. (Siehe Grafik: "Antipathie-Index" links, Anm.) Die im Vergleich hohe Zurückweisung von als anders wahrgenommenen Menschen ist absolut auffällig.

STANDARD: Hängt Österreichs Spitzenposition in der Ablehnung der EU-Erweiterung (Platz drei, siehe Tabelle, Anm.) damit zusammen?

Rosenberger: Diskursiv werden zunehmend die beiden Themen Zuwanderung und EU-Erweiterung in ablehnender Weise miteinander verbunden. In Österreich dürfte dies auch mit der problematischen Herausbildung nationaler Identität zusammenhängen. Im Zuge von Europäisierung, Globalisierung und Krisen gewinnt der Rückgriff auf ethno-nationale Gefühle abermals an Bedeutung. (Das Gespräch führte Josef Kirchengast, STANDARD-Printausgabe, 18.10.2011)

Sieglinde Rosenberger ist Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Wien. Gemeinsam mit Gilg Seeber untersuchte sie die Einstellungen der Österreicher zu Demokratie, Politik und Migration im westeuropäischen Vergleich.


Zum Weiterlesen. Wertewandel auf Österreichisch, oder: Frust und Toleranz - Die Saat geht auf.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 26
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Dr. Dieter Zakel MA
 
20
30.10.2011, 10:01
Der Endzustand der Demokratie ist der

Sozialismus wie wir alle beobachten können.
Politiker kaufen um den Preis der Zukunft die Wähler von heute und haben keine Skrupel dabei.
Wir haben eben zu viel Demokratie und zu wenig Republik.

Pierre d´Aubusson
21
22.10.2011, 03:51

Man kann die Zustimmung zu etwas, an das normalerweise niemand denkt, auch herbeischreiben.
Irgendwas wird schon hängenbleiben. Und irgendwann wird einer sagen: so schlecht ist die Idee nicht. Im Prinzip der "demokratische Schmäh": ungefähr die Hälfte ist dafür, die Mehrheit aber dagegen. Und Elli T. macht was sie will.

Und dann werden es die Leute, die damit wieder angefangen haben wiedereinmal nicht gewesen sein.

Anfällig sind vor allem diejenigen, die sonst auch gedankenlos jedem neumodischen (oder nur neuverpacktem) Scheiß wie Waldsterben, Globale Erwärmung, Liberaalismus, Gutmenschenthum, GenderInnenthum etc hinterherhecheln.

Hellygator
 
00
19.10.2011, 14:33
Demokratie

Österreich ist keine Demokratie. Wir leben in einer demokratischen Republik und das ist gut so. Gerade in Österreich hat jeder schnell eine Meinung solang man am Stammtisch bei einem Krügerl zammen sitzt oder im Internet die Foren befüllt.

Wenns darum geht zu seinen Überzeugungen zu stehen wählen wir die ÖVP und die SPÖ. Zum Streiken reichts grade noch, aber nur weils die Gewerkschaft anschafft. Demonstrieren ist uns zu anstrengend, läuft doch "Willkommen Österreich" im FS1.

Wir haben die Regierung die wir verdienen.

Hans Hansen
01
18.10.2011, 17:01

Österreich geht's gut wie sonst nirgendwo, aber gemeckert wird auch wie nirgendwo. Manchmal fass ich mir an den Kopf über was sich der österreichische Wohlstandsmensch aufregt. Nicht dass Kritik falsch ist, aber man sollte auch mal Dinge etwas entspannnter angehen können, was Poltiik, Gesellschaft, Wirtschaft, Einwanderung etc. angeht.
Die Welt geht so schnell nicht unter...

Proudhon
00
18.10.2011, 15:37
erschreckender Trend

wenn das so weitergeht, hat die Demokratie in 50 Jahren bei uns nur noch eine 3/4 Mehrheit. zu den Waffen! rein prophylaktisch mein ich ...

Reaction Path
00
18.10.2011, 14:16
Die Interpretation

einer solchen Studien ist immer so eine Sache. Das Problem ist ja nicht, dass gewählte Institutionen nicht durchsetzungsfähig wären, sondern dass die Leute das Gefühl haben, dass nicht die Stimmen entscheiden, sondern nicht gewählte Institutionen wie Bünde, Gewerkschaften, Banken, EU, Seilschaften. Dass das Vertrauen in nicht gewählte Institutionen höher sei als in die gewählten würde ich so sicher nicht behaupten. Es ist auch nicht das Parlament, das die Entscheidungen behindert - im Gegenteil: in Österreich verkommt das Parlament immer mehr zum ERfüllungsgehilfen der Regierung statt die eigentlich legislative Kraft zu sein (formal ist es das natürlich). Das Problem ist nicht die Demokratie sondern die Scheindemokratie.

florus flagrantius
00
18.10.2011, 13:25
in diesem Land komme auch ich leider immer mehr zur Ansicht

um in Österreich eine echte Demokratie einzuführen bedarf es starker diktatorischer Ambitionen

Mumpitz
02
18.10.2011, 11:28

Die Politik ist heute per se nicht entscheidungsschwächer, als vor 20 Jahren. Vielmehr stehen wir heute vor Problemen, die vor 20 Jahren weitaus weniger evident waren. Die, durch die Zinseszinsen immer massiver steigenden Staatsschulden, stellen die Politik vor unlösbare Probleme. Wird gespart, würgt man die Wirtschaft ab, die Bevölkerung verarmt, die Schulden steigen. Setzt man Impulse, um die Wirtschaft anzukurbeln, kostet das Geld, die Schulden steigen. Auf dieses Dilemma hat nioch niemand eine Antwort gefunden, nicht nur die Politiker. Auch Wirtschaftswissenschafter rufen Politiker lediglich dazu auf, endlich zu handeln, aber wie sie handeln sollen, wissen auch die Experten nicht. Das wird dann als Entscheidungsschwäche wahrgenommen.

Igor Gassner
00
18.10.2011, 09:40
Ganz einfach

wir haben den höchste Anteil an armen Zuwanderern von allen angeführten Ländern also haben wir auch die höchste Ablehnung.

Prof. h.c. Doleg Stinida
142
18.10.2011, 09:02
Führer

Diese kluge Dame bringt es auf den Punkt: In Zeiten der Führungslosigkeit steigt die Sehnsucht des Volkes nach einem starken Führer, der etwas weiterbringt, ohne sich in endlosen Diskussionen zu verzetteln. Leider hat dieses Wort seit 1933 einen sehr bitteren Beigeschmack. Aber dafür leisten wir uns ja unseren, speziell in Österreich nicht gerade billigen, Regierungsapparat, damit dieser uns führt. Zurzeit herrscht aber nur parteipolitisches Hickhack, planlosigkeit, und das Interesse, sich die Taschen in kurzer Zeit möglichst vollzustopfen. Darauf können wir dankend verzichten.

Proudhon
00
18.10.2011, 15:24

hm. tja is vermutlich eh wurscht wo es lang geht, hauptsach es wird wieder marschiert ...

auweh. das volk und seine führer. sind die leut eigentlich zu blöd um selbst die richtung zu bestimmen oder nur zu faul?

Bürger Europas
02
18.10.2011, 13:32
Um nur einen Blödsinn in Ihrem Posting herauszupicken:

Das Wort "Führer" hat nicht seit 1933 einen bitteren Beigeschmack, sondern seit etwa 1944. Zumindest in D und Ö.

Proudhon
11
18.10.2011, 15:21

weil wir den Krieg verloren haben? ;-) das mit dem Blödsinn würd ich nochmal überdenken

oh und übrigens
010
18.10.2011, 09:50
Diktator

Diese kluge Dame bringt es auf den Punkt: In Zeiten der Führungslosigkeit steigt die Sehnsucht des Volkes nach einem starken Diktator, der etwas weiterbringt, ohne sich in endlosen Diskussionen zu verzetteln. Leider hat dieses Wort seit 59 v Chr einen sehr bitteren Beigeschmack. [...]

/ironie off

Wenn Sie sich so sehr nach einem Führer sehnen, können Sie ja nach Nordkorea et al. auswandern.

flieger1961
00
18.10.2011, 11:34
Wenn's hierzulande so weitergeht,

werden Sie sich in 10 Jahren selbst in der Warteschlange vor dem nordkoreanischen Konsulat wiederfinden.

Ein Machtvakuum bleibt nie lange unausgefüllt und die, die es auszufüllen streben, sind nie die tolerantesten oder anständigsten Mitmenschen.

Und könnten Sie sich vorstellen, wie sich die Herren Faymann und Spindelegger bei einem ernsthaften Angriff auf die demokratische Ordnung wehren könnten?

Ich nicht.

Pierre d´Aubusson
00
19.10.2011, 23:37

Das Machtvakuum ist ausgefüllt. Von Lobbyisten.

Bürger Europas
00
18.10.2011, 13:33
"Und könnten Sie sich vorstellen, wie sich die Herren Faymann und Spindelegger bei einem ernsthaften Angriff auf die demokratische Ordnung wehren könnten?"

SIE wollten sich wehren, statt solchen Blödsinn zu schreiben.

flieger1961
00
18.10.2011, 17:25
Verstehe Ihr Posting nicht,

bitte erklären Sie, vielen Dank im voraus.

Langp
122
18.10.2011, 08:48

Das Problem ist wohl nicht die Demokratie sondern die Durchdemokratisierung möglichst vieler Bereiche, ungeachtet der Frage, ob sie demokratiebedürftig sind.
Gerne erwarte ich die roten Stricherl echter Demokraten.

Proudhon
00
18.10.2011, 15:27

ich finds ja eine Frechheit dass ich sowas überhaupt lesen musste. damit haben sie mir mindestens eine graue Zelle gemeuchelt und wer gibt mir die zurück? Meinungsfreiheit? Demokratie? da pfeif ich drauf, ich will Satisfaktion. und zwar sofurt.

Pierre d´Aubusson
00
19.10.2011, 23:40

Schwere Säbel, 100 Schritte Abstand, geworfen darf nicht werden?

chelene chirsch
00
18.10.2011, 09:53

es bedarf keines "führers" - egal ob neuer gröfaz, "bruder nr. 1", oberstem soviet oder anderer vor"denker".

das schliesst auch die "basisdemokratischen" grünen ein, die im zweifelsfall lieber nicht demokratisch sein wollen.

Hofzwerg
07
18.10.2011, 08:33
das proplem ist, dass die mehrheit schweigt,bis es zu spät ist.

Simplicius Simplicissimus
112
18.10.2011, 07:13
Sklaven sehen ...

... lieber den Peitschenträger, als von gesichtslosen Bürokraten alleine verarscht zu werden. Aus keinem anderen Grund gibt es Schule und Militär, Justiz, Kirche und Polizei. Die bringen Ruhe in die Gedankenblasen. Die Hoffnung auf eigenständiges Denken ist schon lange gestorben. Es lebe Hansi Hinterseer samt Brüder und Schwestern im Gefühlsmorast.

Bürger Europas
00
18.10.2011, 13:35

Schau, dass Du Deinen Schulabschluss hinkriegst, dann wirst Du anders darüber denken.

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