Die Konquistadoren und der Klimawandel

17. Oktober 2011, 18:14
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Spektakuläre Hypothese: Die Ausrottung der Ur-Amerikaner könnte schuld an der "Kleinen Eiszeit" gewesen sein

Minneapolis/Wien - Die Bilanz der heimischen Gletscher fällt 2011 wenig überraschend recht ähnlich aus wie die etlicher Banken und EU-Länder: nämlich mit erheblichen Verlusten, wie aktuelle Analysen zeigen. Ganz anders sah es Mitte des 17. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts aus: In der sogenannten Kleinen Eiszeit dehnten sich die Alpengletscher dramatisch aus und zerstörten ganze Dörfer.

Doch nicht nur in den Alpen wurde es zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert frostig: In den Niederlanden froren regelmäßig die Kanäle zu; die Themse in London war ebenso mit Eis bedeckt wie der Hafen von New York.

Was aber waren die Ursachen für diese Kälteperiode, die von 1570 bis 1630 und von 1675 bis 1715 besonders extrem ausfiel? In der Klimaforschung gilt die Kleine Eiszeit als Beispiel einer "natürlichen Variation": In den kalten Jahrzehnten zeigte die Sonne ein Minimum an Sonnenflecken - ein sogenanntes Maunderminimum, mit dem eine verringerte Strahlungsintensität einherging. Zudem habe es in dieser Zeit mehr Vulkanismus als sonst gegeben.

Seit kurzem gibt es eine spektakuläre Konkurrenzhypothese: Der US-Geochemiker Richard Nevle von der kalifornischen Universität Stanford geht davon aus, dass die Entvölkerung Nord- und vor allem Südamerikas durch das Vordringen der Konquistadoren Folgen für das Klima der Nordhalbkugel hatte. Seine Thesen, die er bereits im Fachblatt Holocene veröffentlichte, trug er letzte Woche bei der Jahrestagung der Geological Society of America in Minneapolis vor - und sorgte prompt für heftige Diskussionen.

Nevle geht davon aus, dass als Folge der Conquista und eingeschleppter Krankheiten wie Pocken oder Diphterie in kurzer Zeit rund 90 Prozent der indigenen Bevölkerung in Nord-, Mittel- und Südamerika starben, also 35 bis 75 Millionen Menschen. Viele davon hatten zuvor mittels Brandrodung Landwirtschaft betrieben - womit nun mit einem Mal Schluss war.

Als logische Folge kam es zu einer riesigen ungeplanten Wiederaufforstung: Nach Berechnungen des Geochemikers entstanden riesige Wälder, die der Atmosphäre zwei bis 17 Milliarden Tonnen CO2 entzogen. Das würde jedenfalls erklären, warum man in Luftproben, die man aus dem Eis der Antarktis zog, für das 16. Jahrhundert einen Rückgang des Kohlendioxidgehalts um sechs bis zehn ppm (Teile einer Million) feststellte.

Klimaforscher wie Jed Kaplan (ETH Lausanne) oder Michael Mann (Penn State University) bleiben indes skeptisch: Vulkanausbrüche und das Maunderminimum könnten lokale Schwankungen des Klimas besser erklären als die Wiederbewaldung der Amerikas. Nevle hat freilich noch ein (umstrittenes) Ass für seine These im Ärmel: Die antarktischen Luftanalysen zeigten, dass atmosphärisches Kohlendioxid im 16. Jahrhundert "schwerer" wurde. Da Bäume das leichtere Kohlenstoff-Isotop bevorzugen würden, spräche das ebenfalls dafür, dass Menschen auch schon die Kleine Eiszeit verursacht hätten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. Oktober 2011)

  • Hatte Kolumbus' "Entdeckung" Amerikas Folgen für das Klima? Ein US-Forscher will 
Belege dafür gefunden haben.
    illu: j. vanderlyn / aoc

    Hatte Kolumbus' "Entdeckung" Amerikas Folgen für das Klima? Ein US-Forscher will Belege dafür gefunden haben.

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