Die Farbe des Unkontrollierbaren

17. Oktober 2011, 18:06
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Meg Stuarts großartiges Stück "Violet" im Tanzquartier Wien

Wien - Wie wild der Mensch in seinem Innersten ist, kann mit tanzenden Körpern sehr deutlich gezeigt werden. Zumindest, wenn sie sich so drastisch bewegen wie in Violet, dem jüngsten Stück der aus den USA stammenden Berliner Choreografin Meg Stuart, das gerade im Tanzquartier Wien zu sehen war.

Während der zwei Jahrzehnte ihrer bisherigen Werkbiografie hat Stuart niemals Ambitionen gezeigt, den menschlichen Körper schönzutanzen. Viel lieber hat sie ihn immer wieder in die Spiegelkabinette seiner unheimlichsten Eigenschaften geführt. Dort lässt sie seinen sinistren Talenten ihren Lauf: oft anekdotisch oder metaphernhaft, in Violet jedoch ausschließlich mit Tanz in einer nur ihr eigenen Bewegungssprache.

Monströse Energie

Zu Beginn des Stücks stehen zwei Frauen und drei Männer nebeneinander im Bühnenhintergrund und schauen in Richtung Publikum wie ins Leere. Junge, durchschnittlich wirkende Leute in einer entrückt anmutenden Konzentration. Aus anfangs minimalen Bewegungen der Schultern, Hände, Arme, Köpfe und Oberkörper, begleitet von den aus akustischem Wellenrauschen wuchernden, sich ständig steigernden Klängen des Livemusikers Brendan Dougherty, entwickeln sie eine immer monströser anmutende Energie.

Dabei konzentrieren sie sich auf sich selbst, beachten einander nicht, sondern driften einer Ekstase entgegen. Fünf Individuen lassen heraus, was in ihnen steckt, respektive, was im Lauf ihrer Existenz in sie gesteckt worden ist - als getriebene Wesen und als kontrollierte Tänzer.

Dieser scheinbare Widerspruch findet sich auch in der Symbolik der titelgebenden Farbe Violett. Sie wird als geheimnisvoll und verführerisch aphrodisierend gedeutet, zugleich weist sie auf Einsamkeit und Kreativität hin. Sie drückt auch Unzufriedenheit oder nervöse Spannung aus. Und all das ist in Violet tatsächlich auch Programm.

Die von den Tänzern verkörperten Gestalten wirken so richtig unausgeglichen. Eine bedrohliche, schwarzglänzende Rückwand stößt sie in einen instabilen Raum. Der Musiker nimmt der Bühne die Eigenschaft eines Illusionsraums. Die Tänzer stolpern und zucken in einen Zeichen produzierenden Container, geraten in Wiederholungsschleifen, krümmen und winden sich. Dazwischen lässt Stuart zuweilen Zitate etwa aus dem tänzerischen Expressionismus, dem japanischen Buto und aus den gestischen Codes von Philipp Gehmacher aufblitzen.

Vor allem aber zeigt sie, dass sie ihre Bewegungssprache von den beunruhigenden Körperzerreißproben ihrer frühen Jahre zu nicht weniger alarmierenden Strukturen des Unkontrollierbaren weiterentwickelt hat. In

wird jede Handlung der Tänzer zum Zeichen ihrer eigenen Auflösung. Das wirkt zwar weniger spektakulär, macht das Stück aber umso konkreter zum "Bewegungsbild" unserer Gesellschaft in ihrer nervösen Anspannung. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe 18. Oktober 2011)

  • So richtig unausgeglichen: Individuen in "Violet" von Meg Stuart im Tanzquartier.
    foto: tanzquartier wien / janina audick

    So richtig unausgeglichen: Individuen in "Violet" von Meg Stuart im Tanzquartier.

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