Händels Oper "Serse": Dirigent Jean-Christophe Spinosi setzte die Musik subtil um, Regisseur Adrian Noble brachte die Seelenvorgänge der Figuren plastisch zu
Wien - Wer tatsächlich noch glauben sollte, es hätte in der Barockoper bloß Gefühlsschablonen gegeben, der wird derzeit im Theater an der Wien eines Besseren belehrt. Dafür braucht es im Grunde gar keinen Blick auf die Bühne: Denn zunächst einmal wird hier vom Ensemble Matheus unter Jean-Christophe Spinosi ungemein subtil musiziert. Und zwar über die gesamten gut drei Stunden, die Händels Serse in Anspruch nimmt, in Dutzenden Arien, von denen keine der anderen gleicht und die - entgegen dem Klischee - nur zu einem geringen Teil austauschbar erscheinen, ohne den Fortgang der (zugegebenermaßen eher zäh entwickelten) Handlung rund um unglückliche Liebe zu stören.
Das alles spielt das französische Orchester mit elastischer Eleganz, teils vielleicht ein wenig gar zu sanft, aber stets mit preisverdächtiger Differenzierung, etwa in der Färbung der Harmonik, die teilweise erstaunlich modern anmutet. Schlicht phänomenal, wie Malena Ernman als titelgebender Herrscher die Verzweiflung dieser Figur nach außen kehrt, wie sie die Farben ihrer Stimme mischt, sodass sie zuweilen wie ein Countertenor klingt - eine Leistung, vor der selbst der echte Counter Bejun Mehta (als Serses Bruder und Liebeskonkurrent Arsamene) mit seiner quirligen Kehle und dem betörenden Timbre blasser erschien, als er es verdienen würde.
Denkbar verschieden auch die beiden Schwestern im Kampf um die Liebesgünste: Die gute (Romilda) mit dem jugendlich leichten Sopran von Adriana Kucerová, die durchtriebene, Atalanta, die Danielle de Niese plastisch, grell und mit buchstäblich lustvoller Bühnenpräsenz sehr stolz auf ihre Oberweite sein ließ.
Bis auf wenige Scherzchen und Pikanterien übte sich Regisseur Adrian Noble sonst in Zurückhaltung. Hinter einer kreisrunden Mauer, die sich periodisch öffnet und schießt, verbirgt sich in der Ausstattung von Tobias Hoheisel ein Garten - Sinnbild für das barocke Denken in Gleichnissen, das sich in dieser Inszenierung fortpflanzt:
In der einen Hälfte der Drehbühne sind die Bäume frühlingsgrün, in der anderen prangen verdorrte Baumleichen. So schlicht ist das fortwährend bewegte und doch starr verharrende Einheitsbild, das man je nach Geschmack als statisch oder als ideale Folie für das innerseelische Geschehen der inkompatibel Liebenden und Geliebten sehen darf.
Volk und General
Ein wenig plakativ und sehr gewöhnlich wird die Produktion nur dort, wo das Volk in Gestalt des fulminant auftrumpfenden Arnold Schoenberg Chors auftaucht und dem imposanten Bass Anton Scharinger als General Ariodate, der neben dem kernigen Bariton von Andreas Wolf und dem noblen, hauchigen Mezzo von Luciana Mancini das siebenköpfige Sängerensemble komplettiert, seine Jubelrufe hinschmettert.
Die einhellige Begeisterung bei der Premiere passte allerdings dazu: Manche waren dermaßen begeistert, dass schon einmal mitten in eine Arie hineingeklatscht wurde. (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe 18. Oktober 2011)
Termine: 18., 20., 23., 25. und 27. 10., 19.00; Ö1-Übertragung: 22. 10. , 19.30