Spekulation um Van Goghs Tod

17. Oktober 2011, 18:12
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Buchautoren werfen die Frage nach einem Unfall auf - umfangreiches Porträt des Malers veröffentlicht

Amsterdam - Der niederländische Maler Vincent van Gogh (1853-1890) hat sich nach Ansicht zweier US-Autoren möglicherweise doch nicht selbst getötet. Der weltberühmte Künstler könnte vielmehr versehentlich von Jugendlichen erschossen worden sein, meinen die angesehenen Publizisten Steven Naifeh und Gregory White Smith in ihrem Buch "Van Gogh: The Life" (Van Gogh: Das Leben), das nun in Englisch erscheint. Als Hinweise sehen die Autoren neben überlieferten Äußerungen und dem Fehlen eines Abschiedsbriefes, dass die schlussendlich tödliche Kugel "in einem ungewöhnlichen, schrägen Winkel" eingetreten sei, nicht auf "direktem Wege, wie man es bei einem Selbstmord erwarten würde".

Niederländische Van-Gogh-Experten winkten allerdings ab: Die These sei nicht ausreichend durch Fakten gestützt. "Da schließen wir uns nicht an", sagte der Kurator des Van Gogh Museums in Amsterdam, Leon Jansen, am Montag. "Es bleiben nach wie vor viele Fragen unbeantwortet." Bisher geht die Fachwelt überwiegend davon aus, dass Van Gogh sich im Juli 1890 auf einem Feld beim Dorf Auvers-sur-Oise selbst in die Brust geschossen hat und knapp 30 Stunden später an den Folgen der Verletzung gestorben ist.

Buchthese

Die Buchautoren Naifeh und Smith, die 1991 einen Pulitzer-Preis für eine Biografie des US-Malers Jackson Pollock gewonnen haben, stützen ihre These auf überlieferte Äußerungen französischer Jugendlicher. Deren Angaben deuten ihrer Meinung nach darauf hin, dass der psychisch kranke Van Gogh möglicherweise von einem 16-Jährigen, der ihn oft zum Narren hielt, angeschossen wurde. Für denkbar halten die Autoren auch, dass der Künstler unbeabsichtigt durch einen Schuss aus einer Pistole getroffen wurde, mit der zwei Bauernjungen spielten.

Nach Ansicht des Amsterdamer Experten Jansen stützen sich die beiden US-Autoren zu einseitig auf damals protokollierte Äußerungen des 16-Jährigen. Diese seien der Fachwelt bekannt, nun aber von Naifeh und Smith neu gedeutet worden. Völlig zweifelsfrei hatte der mutmaßliche Selbstmord Van Goghs nie geklärt werden können - auch weil die Waffe nicht gefunden wurde. Der verletzte Künstler hatte sich noch allein zu einem Gasthof geschleppt. Den Buchautoren zufolge könnte der Maler im Angesicht seines Todes kein Verlangen mehr gehabt haben, die Jugendlichen zu belasten.

Jansen bescheinigte den Autoren von "Van Gogh: The Life" eine insgesamt solide Arbeit auf knapp 1.000 Seiten. Sie hätten zwar keine neuen Fakten entdeckt, jedoch alle bekannten auf den Prüfstand gestellt und seien so zu interessanten neuen Perspektiven und Überlegungen gekommen. (red/APA)


Steven Naifeh, Gregory White Smith.
Van Gogh: The Life.
Verlag Random House.
ISBN 978-0375507489.

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    foto: cover/random house
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