"Nicht im eigenen Saft schmoren"

Interview18. Oktober 2011, 11:01
298 Postings

Austria-Trainer Karl Daxbacher in Teil 1 eines Gesprächs über Teamchef Koller, Vorurteile, Seilschaften, Krisenbewältigung und sich zu verdienende Sporen

Wien - Viel wurde über den neuen ÖFB-Teamchef Marcel Koller gesprochen, Austria-Trainer Karl Daxbacher war einer der wenigen hiesigen Fußball-Persönlichkeiten, die sich positiv zu dessen Bestellung äußerten. Florian Vetter und Philip Bauer trafen ihn für derStandard.at, um nachzufragen.

derStandard.at: Ihre erste Reaktion auf die Bestellung Kollers zum Teamchef war wohlwollend. Pure Überzeugung oder auch eine Frage des Anstands?

Karl Daxbacher: Es ist eine Frage der grundsätzlichen Einstellung gegenüber dem Fremden oder Unbekannten. Mich stören die Vorurteile, die Ressentiments, die in der österreichischen Gesellschaft vorkommen. Der Fall Koller ist ein typisches Beispiel. Wir fordern einerseits in offiziellen Aktionen Toleranz und Respekt, dann kommen andererseits reflexartig ablehnende Kommentare zu einem Ausländer, über dessen Arbeit am Anfang kaum etwas bekannt war. Das kann ich nicht verstehen. Schaut man sich Kollers Werdegang an, merkt man, dass er ein Fachmann ist.

derStandard.at: Österreicher/Nicht-Österreicher: Spielt das überhaupt eine Rolle?

Daxbacher: Ich kann die Argumente von Präsident Windtner nachvollziehen. Man wollte einen Fachmann, der leistbar ist. Und es ist wie in einer Firma, wo es nicht so gut läuft: Da kann ein Externer ohne Betriebsblindheit neue Positionen einbringen. Man soll nicht im eigenen Saft schmoren. Das ist für mich verständlich und ich stehe Marcel Koller positiv gegenüber. Das werde ich ihm auch sagen.

derStandard.at: Braucht der Verband tatsächlich einen Mann von außen, um seine Strukturen zu modernisieren?

Daxbacher: Ich denke die Verantwortlichen haben sich etwas überlegt und man sollte dem Projekt eine Chance geben. Koller vermittelt einen kompetenten Eindruck, ich kenne keinen österreichischen Trainer, der mehr Erfolge aufzuweisen hat. Mit St. Gallen in der Schweiz Meister zu werden, ist eine Visitenkarte. Ebenso wie mit einem Außenseiter wie Bochum aus der deutschen Bundesliga nicht abzusteigen. Nicht nur der Meistertitel bedeutet, dass man ein guter Trainer ist. Aus einer schwächeren eine bessere Mannschaft zu machen, ist schwieriger, als mit einem Spitzenteam den Titel zu holen.

derStandard.at: In der Schweiz gibt es eine klare Anforderung: Jemand der die Nationalmannschaft - egal ob Kampfmannschaft oder Nachwuchs - betreut, muss zuerst als Vereinstrainer gearbeitet haben. In Österreich stand Andreas Herzog ohne diese Kluberfahrungen als Teamchef zur Diskussion. Was meinen Sie?

Daxbacher: Für mich sollte ein Mann Teamchef werden, der Erfolge mit einem Verein aufzuweisen hat. Zum Thema Andi Herzog: Er sollte sich zuerst seine Sporen auf Klubebene verdienen. Ein guter Spieler ist nicht automatisch ein guter Trainer. Die Arbeit im Verband reicht nicht aus, die tägliche Trainingsarbeit gehört dazu. Als Verbandstrainer habe ich sieben oder acht Spiele und ein paar Tage Vorbereitung pro Jahr. Das ist zu wenig.

derStandard.at: Das Forum auf derStandard.at war nach der TV-Runde in Aufruhr. Was denken Sie über Interventionen wie jene von Prohaska für Andi Ogris?

Daxbacher: Ich kenne den Herbert, er ist für seine Freunde da. Andreas Ogris sucht einen Trainerjob und Prohaska wollte ihn ins Gespräch bringen, weil er ihn kennt und schätzt. Es entsteht natürlich der Eindruck, dass Jobs innerhalb des ÖFB zugeschanzt werden. Die Optik ist natürlich nicht gut. Die Qualifikation der Kandidaten sollte im Vordergrund stehen. Das ist Prohaskas persönliche Vorgangsweise und mit Kritik muss er rechnen. Das hat er jetzt erfahren.

derStandard.at: In der Presse am Sonntag verteidigte Prohaska seine Intervention. Die Reaktionen der Öffentlichkeit sind heftig.

Daxbacher: Krisenbewältigung hätte anders ausschauen müssen. Er hätte seinen Fehler zugeben können und das vielleicht eher in privater Gesellschaft sagen sollen.

derStandard.at: Zur Fußball-Diskussionsrunde im ORF: Wäre eine andere Einladungspolitik angebracht?

Daxbacher: Es handelt sich um ein enges Spektrum, irgendwann sieht man immer wieder die gleichen Leute. Die Runde sollte kontroversieller besetzt werden, vielleicht würde ein Gesprächspartner mit etwas mehr Distanz nicht schaden. Ein Schweizer, der über den österreichischen Fußball Bescheid weiß, könnte ja darüber berichten, welches Standing Marcel Koller in der Schweiz hat.

derStandard.at: Haben Sie jemals von Seilschaften profitiert oder sind Sie dadurch benachteiligt worden?

Daxbacher: Bei der Austria könnte man mich mit Thomas Parits in Verbindung  bringen. Aber ich glaube, meinen Trainerjob bei den Violetten verdanke ich meinen Leistungen beim LASK. Die Arbeit bei den Amateuren war erfolgreich, genauso wie das erste Jahr in der Bundesliga.

derStandard.at: Ihr Name ist bei der Teamchef-Suche nicht gefallen. Sind Sie verwundert?

Daxbacher: Nein. Vielleicht bin ich noch nicht lange genug Trainer in der Bundesliga, vielleicht ist die Außendarstellung der anderen Kandidaten besser, darauf kommt es auch an. Bei der Austria bin ich sehr zufrieden und würde gerne noch länger in Favoriten bleiben. Ich habe mich mit dem Gedanken nicht beschäftigt.

derStandard.at: Würde Sie der Job interessieren?

Daxbacher: Wenn es so weit wäre, müsste man sich das genau anschauen. Der Teamchef-Posten ist eine Auszeichnung. Als Trainer muss man bereit sein, ein Risiko einzugehen. Bei der Austria habe ich einen Einjahresvertrag akzeptiert, der sich nur durch die Qualifikation für die Europa League verlängert hat. Ich wusste aber damals, dass die halbe Mannschaft ging, weil Stronach aufhörte und kein Geld mehr da war.

derStandard.at: Die Worte der Trainer werden immer mehr auf die Waagschale gelegt. Versucht man Worthülsen und Stehsätze zu vermeiden?

Daxbacher: Ja. Eine Medienschulung hilft weiter. Ich mache mir darüber durchaus Gedanken.

derStandard.at: Momentan geht der Trainer-Trend in Richtung akribischer, gut gestylter Arbeiter. Der neue Teamchef präsentiert sich auf Facebook in einem Video als genauer Fernseh-Beobachter des Nationalteams und erntet Lob. Ist die Außendarstellung wichtiger denn je?

Daxbacher: Natürlich. Wann ist jemand ein akribischer Arbeiter? Wer weiß das wirklich genau? Wenn man sich im Internet gut präsentiert, dann hat das eine Wirkung, mit der man die öffentliche Meinung beeinflussen kann. Das Gegenteil ist der altbackene Trainer. Dabei scheint eine PR-Agentur für einen Trainer eine Notwendigkeit geworden zu sein. (derStandard.at, 18. Oktober 2011)

Lesen Sie am Mittwoch Teil 2 des Interviews als Ausblick auf den vierten Auftritt der Wiener Austria in der Gruppenphase der Europa League.

Karl Daxbacher (58) ist seit 2008 Trainer der Wiener Austria. Er war mit dem Verein bereits als Spieler sieben Mal Meister und vier Mal Cupsieger, kam zwischen 1972 und 1976 zu sechs Einsätzen in der Nationalmannschaft. 1978 stand er mit den Veilchen im Finale des Europapokals der Pokalsieger. Als Trainer führte er die Austria Amateure 2005 zum Titel in der Regionalliga sowie den LASK 2007 zum Titel in der Ersten Liga. Die Austria führte er 2009 zum Cupsieg sowie 2011 in die Europa League.

  • Austria-Trainer Karl Daxbacher versteht die reflexartigen Vorurteile gegen Marcel Koller nicht: "Schaut man sich seinen Werdegang an, kommt man drauf, dass er ein Fachmann ist."
    foto: derstandard.at/florian vetter

    Austria-Trainer Karl Daxbacher versteht die reflexartigen Vorurteile gegen Marcel Koller nicht: "Schaut man sich seinen Werdegang an, kommt man drauf, dass er ein Fachmann ist."

Share if you care.