Kontoüberziehen, ein gutes Geschäft für Banken

Interview18. Oktober 2011, 06:15
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Schulden machen um zu überleben oder um den Kredit zu bedienen - Schuldnerberater Grohs über Konten und Krisen

Schulden - das Wort der Stunde. In Verbindung mit Krise ist es derzeit gar nicht mehr wegzukriegen aus dem alltäglichen Gebrauch, sei es in den Medien, sei es in der Politik. Doch Schulden machen nicht nur Staaten, auch Private rutschen mitunter tief in die Schuldenfalle ab. In den ersten neun Monaten des Jahres 2011 sind über 8.000 Österreicher und Österreicherinnen in die Privatinsolvenz geschlittert. Hans W. Grohs, Geschäftsführer der Dachorganisation der staatlich annerkannten Schuldenberater, asb, weiß aus den täglichen Begegnungen mit Schuldnern zu berichten. Im Gespräch mit derStandard.at erklärt er, warum viele das überzogene Konto nur wenig schert, es für Banken dennoch ein gutes Geschäft ist und ob wir heute im Umgang mit Geld blöder sind als die Generationen vor uns.

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derStandard.at: Die Zahl der Privatinsolvenzen steigt seit einigen Jahren stetig an. Ist es leichter oder gar zu leicht geworden, sich in Österreich zu verschulden?

Hans W. Grohs: Es ist eigentlich schwieriger geworden, sich in Österreich über Kredite zu verschulden. Durch die Krise legen die Banken jene Vorsicht an den Tag, die sie schon früher an den Tag legen hätten sollen. Wir beobachten bis 2007 eine sehr offensive Kreditvergabe, nicht nur an Private im Bereich des Konsumkredits sondern auch an Unternehmensgründer. Seit die Krise auch die Banken erfasst hat, sind sie fast übervorsichtig geworden - nicht umsonst spricht man auch von Kreditklemme. Vonseiten der Schuldenberatung muss man aber sagen, es ist grundsätzlich gut, dass genauer geprüft wird, wer sich welche Höhe eines Kredits leisten kann und wie viel jemand verträgt.

derStandard.at: Wo kommen die Schulden dann her?

Grohs: Vor allem aus dem Bereich der Kontoüberziehungen. Diese Kleinkredite gibt es außer im deutschsprachigen Raum ja kaum. Da wird nach wie vor überraschend viel zugelassen. Das wirkt sich auf die Verschuldung der Haushalte vehement aus, wenn das Konto ein Vielfaches des Monatseinkommens überzogen ist, was teilweise auch mit mehr als zehn Prozent verzinst wird. Das ist an sich ein sehr teurer Kredit.

derStandard.at: Wieso ist Konto-Überziehen so einfach?

Grohs: Meines Erachtens, weil es ein gutes Geschäft für die Banken ist. Da können hohe Zinsen lukriert werden, gerade weil es eh schwieriger ist, Kredite zu vergeben und zu verkaufen.

derStandard.at: Sehen Sie die Kontoüberziehung auch in Ihrer täglichen Arbeit als größtes Problem?

Grohs: Bei den Schuldnerinnen und Schuldnern, die zu uns in die Beratung kommen, sind natürlich die Banken die größte Gläubigergruppe. Das betrifft sowohl Kredite, als auch Schulden, die sich aus Kontoüberziehungen ergeben. Im Durchschnitt sind es um die 20.000 Euro, die bei Banken zurückgezahlt werden müssten. Davon kommt sicherlich ein Viertel aus der Kontoüberziehung.

derStandard.at: Was würden Sie sich von den Banken wünschen, um dagegen anzugehen?

Grohs: Es ist jetzt schwierig zu sagen, ob man das den Banken ins Stammbuch schreibt oder den Konsumenten. Grundsätzlich muss man als Konsument wissen, dass Geld aus der Kontoüberziehung nicht umsonst ist. Wenn es ein mehrfaches Monatsgehalt überschreitet, wird es schwierig, ohne Rückzahlungsplan aus den Schulden raus zu kommen. Überziehungen sind ja anders als Kredite nicht an einer bestimmten Laufzeit ausgerichtet oder mit bestimmten Raten für die Folgemonate belegt. Die Summe sollte man irgendwann irgendwie zurückzahlen. Es ist ein schleichender Weg in die Überschuldung.

derStandard.at: Die Leute kriegen also gar nicht wirklich mit, dass das Konto zu überziehen Schuldenmachen heißt?

Grohs: Das ist das eigentlich das Gefährliche daran, dass man das überzogene Konto nicht bewusst als Schulden wahrnimmt. Wir erleben das oft, wenn Leute zu uns kommen und sagen: Da und dort hab ich Schulden. Dann fragen wir: Aber wie schaut's mit dem Privatkonto, dem Gehaltskonto aus? Es gibt keinen Rückzahlungsplan, und das bringt das Fass dann oft zum Überlaufen. Der Überziehungsrahmen ist letztlich oft jenes Instrument, wo Schulden gemacht werden, um sich das Leben leisten zu können, um den Lebensstandard aufrecht zu erhalten, den man gewohnt ist. Es gehört bei vielen schon fast zum Einkommen dazu. Da müssten die Banken mehr Augenmerk darauf legen, auch früher oder regelmäßig Überziehungsstopps zu machen oder die Leute hereinzitieren, um mit ihnen Rückzahlungsvereinbarungen zu treffen. Das ist eine der großen Gefahren, wo aus Verschuldung Überschuldung wird.

derStandard.at: Die relativ hohen Überziehungszinsen wirken da auch nicht abschreckend auf den Konsumenten?

Grohs: Das ist nicht in der Deutlichkeit ausgewiesen, deswegen wirkt es auch nicht abschreckend. Es unterliegt auch laufenden Anpassungen. Da kann sich auch jeder nicht verschuldete Konsument einmal bei der Nase nehmen und sich fragen: Wie viel zahl‘ ich eigentlich gerade an Überziehungszinsen? Das werden viele nicht wissen.

derStandard.at: Glauben Sie, dass das Schuldenmachen grundsätzlich salonfähiger geworden ist?

Grohs: Salonfähiger würde ich nicht unbedingt sagen. Der Privatkonkurs hat sicher ein bisschen von seinem Schrecken verloren. Noch vor zehn Jahren war der Privatkonkurs viel mehr in Verruf. Jetzt sagt man: Ein Unternehmen kann scheitern, ein Privater kann scheitern. Man muss ihm eine Chance geben, wieder neu anzufangen. Dafür gibt es dann die staatlichen Rahmenbedingungen, die Gesetze und Instrumente, und die Schuldenberatungen sowieso. Schulden zu machen ist also kein Tabu mehr, der Privatkonkurs ist für die Betroffenen aber immer noch stigmatisierend. Es ist nicht mehr so leicht, im Wirtschaftskreislauf Fuß zu fassen, weil man in den Listen des Kreditschutzverbandes erfasst ist und die Banken noch vorsichtiger sind, jemanden Starthilfe zu geben. Aber mit dem dann ungepfändeten Einkommen nach einer Privatinsolvenz kann man durchaus leben.

derStandard.at: Schulden sind ja auch Teil der derzeitigen Euro-Krise?

Grohs: Es ist salonfähiger geworden, darüber zu sprechen, dass man verschuldet ist oder dass man vor allem als Unternehmer in Konkurs geht. Auch, dass man das nicht als persönliches Scheitern ansehen muss. Vor allem zu Zeiten der Krise, wo man sieht, wie hoch verschuldet ganze Staaten, Institutionen oder Konzerne sind. Die Vorbildwirkung die von so einem Wirtschaften ausgeht ist schon fatal. Wenn ich mir als Staat erlaube, während ich hohe Zinsdienste und Überschuldung habe, weiter Schulden zu machen, dann muss man sich fragen: Was ist der Lerneffekt für einen Privaten? Der wird nicht sagen: Okay, ich muss auch einmal einen Schlussstrich ziehen, und die alten Schulden langsam zurückzahlen, bevor ich neue aufnehme und mir überlege, bis wann ich das geschafft habe. Der kleine Haushalt funktioniert ja im Prinzip nicht anders wie der große eines Unternehmens oder Staates.

derStandard.at: Wo schlägt sich die Krise sonst noch durch?

Grohs: Was wir in den Schuldenberatungen erleben, ist, dass die, die tatsächlich im Zuge der Krise arbeitslos geworden sind, auch jene Gruppe sind, die am stärksten an Überschuldungsproblemen leiden und auch am häufigsten die Möglichkeit des Privatkonkurses in Anspruch nehmen müssen. Geringeres Einkommen ist eine der Hauptursachen für die Überschuldung. Das Konto wird überzogen, um überleben zu können. Auch da kommt man irgendwann an den Punkt, wo man von der Bank kein Geld mehr bekommt und auch das Einkommen zu niedrig ist, um die angesammelten Schulden zurückzuzahlen.

derStandard.at: Wo liegen sonst noch die Fallstricke für eine Überschuldung?

Grohs: Sehr viel liegt wie erwähnt bei den Banken, wo also Kontoüberziehungen in Kredite umgeschuldet werden usw. Weiters problematisch sind der Erwerb von Konsumgütern und kurzlebigen Investitionen, wo ich durchaus auch ein Auto oder dergleichen dazuzählen würde. Dafür geht viel Geld drauf und dafür werden auch häufig Kredite aufgenommen. Die Klassiker wie Urlaub, Handy usw. sind eher die Dinge, die dann das eine Mal Überziehung zu viel sind.

derStandard.at: War das vor dreißig, vierzig Jahren besser? Waren die Leute fähiger beim Umgang mit Geld?

Grohs: Nein, es ist immer die Frage: Wie leicht kommt man zu Geld, dass man sich ausborgt. In Zeiten, wo wenig da war - also in den Aufbaujahren bis 1970 zirka -, da war auch die Gefahr geringer. Der Unterschied zu früher sind auch die steigenden Einkommen. Früher hat man sich verschulden und die Zinsen bezahlen können, weil man wusste, mit der Wirtschaftsleistung steigen auch die Einkommen von Jahr zu Jahr, und zwar höher als man Zinsen zahlt.

derStandard.at: Wir sind jetzt in Geldfragen also auch nicht blöder als die Generationen vor uns, sondern haben nur viel mehr Möglichkeiten?

Grohs: Wir haben andere Rahmenbedingungen. Heute kann man nicht mehr darauf vertrauen, dass das Einkommen die nächsten zehn, 15 Jahre stets ansteigt. Wenn man sich die letzten zehn Jahr ansieht, dann sind Inflation und Einkommen mehr oder weniger parallel gestiegen. Das ist der Unterschied zu Jahren, wo es einen sehr gute Wirtschaftsleistung gibt, wo die Unternehmen und der Staat positiv abschließen. Da bleibt etwas über, dann steigt auch der Lebensstandard. Nur mit dem bin ich in der Lage, das was ich investiert habe auch mit Zinsen zurückzuzahlen. Wenn mein Einkommen gleich bleibt und ich schon alles ausgereizt habe, dann verdiene ich das Mehr, das mich das kostet, was ich vorkonsumiere, nicht. Außerdem werden heutzutage auch andere Bedürfnisse geweckt, die es früher nicht gab. Dazu kommen die Finanzierungsinstrumente, die heute da sind. 

derStandard.at: Meinen Sie damit Spekulation als Schuldenfalle?

Grohs: Gerade die Mittelschicht hat in den vergangenen Jahren mit der Finanzierung über Anlageformen versucht, Einkommen zu erhöhen, um damit Zinsen oder Darlehen zu begleichen. Da haben Leute zum Teil mit geliehenem Geld spekuliert. Der nächste große Brocken sind die Fremdwährungskredite. Der Hintergrund ist auch da immer der, dass man sagt: Ich hab eigentlich kein steigendes Einkommen, jetzt gehe ich in einen Fremdwährungskredit, bei dem ich kaum Zinsen zahle. Aber das Währungsrisiko, das jetzt schlagend geworden ist - speziell beim Franken -, das zeigt ja, dass ich jetzt mehr Geld haben müsste. Da hat es viele erwischt, die man nicht für dumm halten muss, sondern die einfach die Möglichkeiten genutzt haben, die da waren. Und das nicht einmal wider besseres Wissen, weil keiner gesagt hat, wo die Risiken liegen oder die Risiken verniedlicht wurden. (Daniela Rom, derStandard.at, 18.10.2011)

WISSEN

Zehn staatlich anerkannte Schuldnerberatungen, unter dem Dachverband asb zusammengefasst, unterstützen pro Jahr an die 50.000 Personen. Schuldner können sich kostenlos Hilfe holen, sich von Experten beraten lassen, Finanzierungs- oder Schuldentilgungspläne erarbeiten. Die Zahl der Privatkonkursanträge ist in Österreich in den ersten drei Quartalen 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 5,5 Prozent auf 8.251 Anträge gestiegen. Ungefähr drei Viertel der Privatkonkurse werden von den Schuldnerberatungen begleitet. Die Privatinsolvenz ist der letzte Schritt, wenn Maßnahmen wie außergerichtliche Vergleiche oder Änderungen von Laufzeiten bei Krediten nicht mehr ausreichen.

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    Der Kontoauszug zeigt die brutale Wahrheit, da hilft auch kein Wegschauen oder Ignorieren. Die meisten Schulden häufen die Österreicher auch mit überzogenen Konten an.

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    Schneller als man glaubt, steht einem dann das Wasser bis zum Hals.

  • Hans W. Grohs leitet seit
20 Jahren die Dachorganisation der Schuldnerberatungen in Österreich und ist
auch im European Consumer Debt Network (ecdn) engagiert. Anfang Oktober ist er aus
seinem einjährigen Sabbatical zurückgekehrt und damit auch wieder an seinen
Schreibtisch bei der asb.
    foto: asb

    Hans W. Grohs leitet seit 20 Jahren die Dachorganisation der Schuldnerberatungen in Österreich und ist auch im European Consumer Debt Network (ecdn) engagiert. Anfang Oktober ist er aus seinem einjährigen Sabbatical zurückgekehrt und damit auch wieder an seinen Schreibtisch bei der asb.

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