Hintergrund

Vom Heim zur WG: Die Kinderheim-Reformen

17. Oktober 2011, 15:55

Initiative "Heim 2000" leitete 1995 Schließung aller Großanstalten in die Wege

Wien - Zwar sorgen sie immer noch für Schlagzeilen, Kinderheime gehören in Wien aber schon seit längerem der Vergangenheit an. Nach einer Reihe von Heimreformen wurde schließlich 1995 jener Prozess gestartet, der die Schließung von Großheimen zur Folge hatte. Seither wird auf Krisenzentren bzw. Wohngruppen gesetzt. Noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit sah die Situation anders aus. Disziplinierung, körperliche Misshandlung und ein nach außen hin abgeschlossenes Leben waren Teil des Konzepts.

Laut Experten erinnerte der Alltag in so manchen Großheimen noch in den 1950er Jahren an die NS-Zeit - aus der anfangs sogar noch die rechtlichen Grundlagen stammten. Echte Reformüberlegungen wurden erst in den 1960er Jahren angestellt. Maßgebliche Strategien wurden 1962 in der Broschüre "Neue Wege der Sozialpädagogik in Heimen" dargelegt. 1971 wurde die erste Heimkommission gegründet. Ergebnis: Die betreuten Jugendlichen bekamen Taschengeld, die Ausgangsregelungen wurden gelockert.

Erste Familiengruppen

Auch die ersten Familiengruppen wurden in dieser Zeit ins Leben gerufen. Weiters wurde die Anwendung koedukativer Pädagogik und Supervisions-Maßnahmen beschlossen. 1974 wurde schließlich das erste Therapieheim eröffnet. Wenig später wurden die ersten Heime aufgelassen: 1977 wurde etwa jenes im Schloss Wilhelminenberg aufgegeben - wo es zuvor, wie nun bekannt wurde, unter anderem zu Vergewaltigungen von Kindern gekommen sein soll.

In den 1980er Jahren wurde auch aus organisatorischen Gründen eine weitere Reform nötig. Denn die Zahl der Überstellungen von Kindern in Heimen ging zurück - auf rund 600. In der Folge wurden Plätze reduziert. Doch dann brachte der Jugoslawienkrieg einen Anstieg auf frühere Werte. So brauchte man 1992 Platz für rund 1.000 Kinder. Die Einrichtungen waren überfüllt, Häuser in Biedermannsdorf, Klosterneuburg oder auf der Hohen Warte nahmen auch ganze Flüchtlingsfamilien auf.

Rund 1.500 Kindern in Wohngemeinschaften

Als erste Reaktion auf den Engpass wurde 1993 eine Krisenwohngruppe eröffnet. Zwei Jahre später startete der Reformprozess "Heim 2000", der überhaupt die Schließung großer Heime zur Folge hatte. Wobei es auch ökonomische Gründe für die Sperren gab, da Großheime auch in der Erhaltung sehr teuer sind. Stattdessen wurden Wohngemeinschaften für bis zu acht Kinder geschaffen. Auch Krisenzentren wurden errichtet. Die Möglichkeit, Kinder bei Krisenpflegeeltern unterzubringen, gibt es seither ebenfalls.

In Wien gibt es inzwischen, so wird bei der Stadt betont, eine flächendeckende Versorgung mit insgesamt 14 Krisenzentren. Ziel des Jugendamtes ist es, die Kinder in ihrem persönlichen Umfeld - also Kindergarten oder Schule - zu belassen. In Sachen Unterbringung sieht die Situation so aus: Die Hälfte der Wohngemeinschaften wird von der Stadt betrieben, der Rest der Plätze wird bei privaten Trägern zugekauft. Rund 1.500 Kinder leben derzeit in solchen Gemeinschaften. (APA)

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17 Postings
Rosa Stahl
11
17.10.2011, 19:49

...wobei mir auch ein Psychologe des Jugendamtes mal gesagt hat, dass so eine Wohngemeinschaft alles andere als ein Honiglecken für die Kinder und Jugendlichen wäre.

froilein froilein
21
17.10.2011, 20:55
kann ich mir schon vorstellen...

wobei ja die reform vor allem darauf abzielte, dass es keine "abgeschlossene" heimwelt mehr gibt, sondern die kinder und jugendlichen auch außerhalb soziale kontakte haben. das ist glaub ich schon ein gewisser schutz gegen einen gewissen teil der übergriffe.
da, wo es möglich ist, wird auch versucht den kontakt zur ursprungsfamilie zu erhalten (zb am we immer bei der familie).
außerdem können in diesen wg´s engagierte pädagogen sehr wohl etwas bewirken. in den heimen sind ja selbst die besten leute im system untergegangen.

Alfred Zopf
31
17.10.2011, 21:53

Wenn WGs personell gut ausgestattet wären hätten sie recht, leider schaut die Realität in manchen WGs so aus, dass sie im 2er Radl Dienst versehen, das ist dann nicht mehr lustig. Viele KollegInnen sammeln im Jahr mehr als 200 Überstunden an, bei einer 45h Woche.
Viele KollegInnen sind im Langzeitkrankenstand, usw. Solange betriebwirtschaftliche Überlegungen vorrangig gegenüber klientInnenorienter Rahmenbedingungen sich durchsetzen ists keine Verbesserung. Viele KollegInnen wünschen sich Heimstrukturen damit sie qualitativ besser arbeiten können, was sagen sie jetzt ?

Rosa Stahl
00
18.10.2011, 12:36

45 -Wochenstunden im Zweier-Radl, das sind doch absurde Rahmenbedingungen für die Arbeit mit schwer bedürftigen Kindern und Jugendlichen.

Offenbar sind die Sozialarbeiter insgesamt Mengenmäßig zuwenig, um das politisch zu ändern.

Krankenschwestern bsplw. hatten früher auch ähnliche Dienste, sowas gibt es aber schon seit fast 20 Jahren nicht mehr.

Alfred Zopf
01
20.10.2011, 07:51

Es geht nicht um Sozialarbeiter, sondern um Sozialpäds. Es ist überhaupt witzig, dass 2/3 der JugendwohlfahrtmitarbeiterInnen SozialpädagogInnen sind und nicht Sozialarb., trotzdem wird immer wieder über SozialarbeiterInnen gesprochen ( ca. 750 Sozialpäds. und ca. knapp 200 Sozialarb.). Das 2er Radl statt einem normalen 4er Radl ist ja nur bei Langzeitkrankenstände und Urlaub bedingt und mehr als 2 Monate sogar für die stärksten Sozialpäds. nicht aushaltbar ist, das ist ja eine 80h Woche. Klar sollte sein, dass schon nach 2 derartigen Wochen nur mehr körperlich aber nicht mehr geistige Präsenz bei den Sozialpäds. vorhanden ist und eine gute adequate Betreuung der Ki/Jug. sich ad absurdum führt.

froilein froilein
10
17.10.2011, 22:26

...dass viele Kollegen diese Heime von früher nicht kennen.
Dort wurde noch weit "kosteneffektiver" gewirtschaftet (mal abgesehen von den anderen Misständen).

Alfred Zopf
30
18.10.2011, 05:23

Es schaut anders aus, in vielen WGs arbeiten noch größtenteils Ex-Heim-SozialpädagogInnen, als WG-Pionier zu Beginn der 80er Jahre erlaube ich mir schon die Feststellung, dass ohne Trauerarbeit (Heimstruktur) die KollegInnen von heute auf morgen in die WGs arbeiten mussten, ich habe ungehört diese Trauerarbeit gefordert, leider. WGs der Zukunft müssen mit einem 1:1 Betreuungsschlüssel arbeiten und nicht wie heute mit 1:2, weil 50% des Wg-Klientels schwerst traumatisiert ist (Vernachlässigung, langjährige Misshandlungen, sexueller Missbrauch), die Politik ist gefordert notwendige Rahmenbedingungen herzustellen und da haperts gewaltig.

bm.koger
 
00
25.10.2011, 14:15
wie kommen sie auf einen 1:2 schlüssel?

meines wissens gibt es 9-10 kinder und maximal 2 betreuer pro gruppe (in der nacht nur einer und ich rätsle, was passiert, wenn ein kind mitten in der nacht krank wird und ins spital muss).

Alfred Zopf
00
25.10.2011, 15:23

4 SozialpädagogInnen bei 8 Kinder = 1:2 in einer WG !

bm.koger
 
00
25.10.2011, 17:55
dann ist pro gruppe immer nur einer

im dienst (viererradl) und das ist lächerlich - ich bin vom level in den behinderten wgs ausgegangen, da sind 2 pro gruppe.

Alfred Zopf
00
27.10.2011, 12:49

Das wäre dann mindestens 1:1, ohne doppelter Nachtdienst, würde auf diesen Schlüssel aufgestockt werden, müsste die MagElf mindestens 500 Dienstposten dazukommen, wenn ein Dienstposten ca. 3 000, € (inkl Dienstgeberanteil) 14 x bezahlt werden, wäre dies eine personelle Mehrbelastung von 21 Millionen € jährlich. Es läuft leider umgekehrt, es sollen wenn möglich Personalkosten eingespart werden.

froilein froilein
01
18.10.2011, 11:57
Ich hab ja nicht gesagt, dass es nichts mehr zu verbessern gäbe.

Es ging um den direkten Vergleich "Heim vs WG", bzw eher um die Rahmenbedingungen aus der Warte der Kinder und Jugendlichen.
Die Fremdunterbringung ist heute keine "abgeschlossene" Welt mehr. Und das ist schonmal sehr positiv.
Früher war regelmäßig in der Zeitung zu lesen, dass ein Jugendlicher von dort ausgerissen ist. Das kommt nur noch sehr selten vor.
Die Betreuungsqualität dürfte aber eine sehr schwankende sein. Wohl auch deshalb, weil vieles in den privaten Bereich (siehe die Zustände um pro Juventute), auch in Pflegefamilien, ausgelagert wird.
Die Betreuung ist vielfältiger geworden- und damit sind auch die Probleme vielfältiger.

bm.koger
 
00
25.10.2011, 14:13
ausreißen kommt nach wie vor vor

aber es steht halt nicht mehr in der zeitung. und durch die ständig wechselnden betreuer, denen man noch dazu viel kompetenzen genommen hat und ihnen andererseits eine flut an auszufüllenden formularen aufgebürdet hat, sind die wgs auch nicht der ruheraum, in denen kindern wertschätzung und "nestwärme" entgegengebracht wird.

Alfred Zopf
10
18.10.2011, 15:19

Tut mir leid, sie irren sich schon wieder, natürlich ist auch heute noch die stationäre Fremdunterbringung eine abgeschlossene Welt, ich kann aus der Verschwiegenheitspflicht heraus ihnen nichts von heute berichten, so schauts aus.

Rosa Stahl
02
18.10.2011, 12:34

Ja, da wird einiges ausgelagert, das kann ich als Pflegefamilie bestätigen. Habe selbst zwei Jungs übernommen, von denen mindestens einer schwer traumatisiert war(ist). Und ich kann nur sagen: WEnn man sich da nicht auf die Füße stellt, auch als Privater, geht man ziemlich unter, wenn man für die Kinder was braucht. Manchmal komm ich mir vor wie ein Vollid*ot, wenn ich nicht mal die Befunde der Psychologin vom JA ausgehändigt kriege, um eine Therapie zu initiieren.
Kann mir jedenfalls vorstellen, dass in den Krisenzentren die Leute oft schwer überlastet sind.

froilein froilein
00
18.10.2011, 14:02

Bekommen Pflegeeltern nicht die Obsorge für die übernommenen Kinder (weil Sie die Befunde ansprechen)? Oder bleibt die beim JA?
Laut Gesetz MUSS ja die Person, bei der das Kind den Lebensmittelpunkt hat, auch die Obsorge bekommen.

Alfred Zopf
10
18.10.2011, 07:18

An den Rotstrichler:

Wie wäre es mit einer Argumentation ?

Das wäre dann kein Kleinkindniveau !

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