Initiative "Heim 2000" leitete 1995 Schließung aller Großanstalten in die Wege
Wien - Zwar sorgen sie immer noch für Schlagzeilen, Kinderheime gehören in Wien aber schon seit längerem der Vergangenheit an. Nach einer Reihe von Heimreformen wurde schließlich 1995 jener Prozess gestartet, der die Schließung von Großheimen zur Folge hatte. Seither wird auf Krisenzentren bzw. Wohngruppen gesetzt. Noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit sah die Situation anders aus. Disziplinierung, körperliche Misshandlung und ein nach außen hin abgeschlossenes Leben waren Teil des Konzepts.
Laut Experten erinnerte der Alltag in so manchen Großheimen noch in den 1950er Jahren an die NS-Zeit - aus der anfangs sogar noch die rechtlichen Grundlagen stammten. Echte Reformüberlegungen wurden erst in den 1960er Jahren angestellt. Maßgebliche Strategien wurden 1962 in der Broschüre "Neue Wege der Sozialpädagogik in Heimen" dargelegt. 1971 wurde die erste Heimkommission gegründet. Ergebnis: Die betreuten Jugendlichen bekamen Taschengeld, die Ausgangsregelungen wurden gelockert.
Erste Familiengruppen
Auch die ersten Familiengruppen wurden in dieser Zeit ins Leben gerufen. Weiters wurde die Anwendung koedukativer Pädagogik und Supervisions-Maßnahmen beschlossen. 1974 wurde schließlich das erste Therapieheim eröffnet. Wenig später wurden die ersten Heime aufgelassen: 1977 wurde etwa jenes im Schloss Wilhelminenberg aufgegeben - wo es zuvor, wie nun bekannt wurde, unter anderem zu Vergewaltigungen von Kindern gekommen sein soll.
In den 1980er Jahren wurde auch aus organisatorischen Gründen eine weitere Reform nötig. Denn die Zahl der Überstellungen von Kindern in Heimen ging zurück - auf rund 600. In der Folge wurden Plätze reduziert. Doch dann brachte der Jugoslawienkrieg einen Anstieg auf frühere Werte. So brauchte man 1992 Platz für rund 1.000 Kinder. Die Einrichtungen waren überfüllt, Häuser in Biedermannsdorf, Klosterneuburg oder auf der Hohen Warte nahmen auch ganze Flüchtlingsfamilien auf.
Rund 1.500 Kindern in Wohngemeinschaften
Als erste Reaktion auf den Engpass wurde 1993 eine Krisenwohngruppe eröffnet. Zwei Jahre später startete der Reformprozess "Heim 2000", der überhaupt die Schließung großer Heime zur Folge hatte. Wobei es auch ökonomische Gründe für die Sperren gab, da Großheime auch in der Erhaltung sehr teuer sind. Stattdessen wurden Wohngemeinschaften für bis zu acht Kinder geschaffen. Auch Krisenzentren wurden errichtet. Die Möglichkeit, Kinder bei Krisenpflegeeltern unterzubringen, gibt es seither ebenfalls.
In Wien gibt es inzwischen, so wird bei der Stadt betont, eine flächendeckende Versorgung mit insgesamt 14 Krisenzentren. Ziel des Jugendamtes ist es, die Kinder in ihrem persönlichen Umfeld - also Kindergarten oder Schule - zu belassen. In Sachen Unterbringung sieht die Situation so aus: Die Hälfte der Wohngemeinschaften wird von der Stadt betrieben, der Rest der Plätze wird bei privaten Trägern zugekauft. Rund 1.500 Kinder leben derzeit in solchen Gemeinschaften. (APA)