Ich bin in einen alten Mann verliebt

Heidi List, 17. Oktober 2011, 17:54
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    foto: apa/techt

    Er hatte alte, wache Augen. Schön.

Ich googelte noch einmal. Hätte ich lassen sollen. Beim zweiten Mal durchlesen fand ich das Leben dieses Mannes noch beeindruckender - Kolumne von Heidi List

Die Mutter einer Freundin kam zu einem gemeinsamen Theaterbesuch überraschend in Begleitung. Es war ein älterer Herr, so Mitte, Ende 80. Sehr rüstig aber. Danach wurde ein Kaffeehausbesuch beschlossen. Die Hauptdarstellerin des Abends war auch dabei, die Schwester meiner Freundin. Wir gratulierten zur ihrer Darstellung. Wir laberten über die Inszenierung, die schlechte Auslastung des Stückes. Der ältere Herr bestellte Würstel mit Saft. Dazwischen stand ständig jemand auf und ging in die Kellerbar rauchen. Kam zurück in einer Schnelle-Tschick-Wolke.

Der ältere Herr erkundigte sich, woher wir uns kannten und was wir so taten. Er sprach österreichisches deutsch, mit einer merkwürdigen Färbung. Ach, alte Freunde, teilweise Arbeitskollegen. Selbständige Graphiker, Marketing, Webdesigner. Ich sagte nichts, wurde als Freundin vorgestellt. Ich überlegte derweil, ob ich auch rauchen gehen sollte. Die Mutter der Freundin fragte ihn, wie lange er denn in Wien bleibe. Er antwortete etwas, ich hörte nicht zu. "Das ist übrigens der Djerassi," raunte mir meine Freundin ins Ohr. "Jurassic" kalauerte ich zurück. "Der Erfinder der Pille." fügte sie hinzu. Okay.

Ich googelte unterm Tisch im I-Phone. Carl Djerassi, 1923 in Wien geboren, nach USA emigriert. Erfinder der Anti-Baby-Pille. 1200 wissenschaftliche Veröffentlichungen. Lehrt an der Standford University. Bedeutender Kunstsammler, vor allem Paul Klee. Seit den 80er-Jahren Literat, Erfinder der "Science-in-Fiction" Romangattung. Theaterautor. Buchautor, Opernkomponist. Ehrendoktorate in Kulturwissenschaften, Chemie und Geowissenschaften. Zahllose Preise und Auszeichnungen. Professuren. Und. Und. Und.

Kommt auch nicht so gut

Ich schielte hinüber. Er hatte alte, wache Augen. Schön. Um meine Ehrfurcht in den Griff zu bekommen atmete ich kurz tief durch. Einmal mit so jemanden sprechen können, was für eine Chance! Die anderen unterhielten sich über die Schönheit der Ramsau und die Kinder. Ich saß ungünstig. Ich überlegte, was ich sagen könnte. "Die Pille habe ich nie vertragen." fiel mir ein. Schlecht. Ich bekam nur Fragmente mit, was er mit der Mutter der Freundin sprach. Er plane gerade die Veröffentlichung eines kontroversen Buches über Chemie und Theater. Ich hatte sofort die Bilder von dem Theater in Russland im Kopf, wo man sowohl die Geiseln als auch die Terroristen durchs Belüftungssystem vergast hat. Das wird er wohl nicht meinen. Kommt auch nicht so gut.

Ich wurde leicht wütend, weil mein Lebensgefährte jetzt sicher genau wüsste, was er reden sollte, weil er sicher auch die Bücher von dem gelesen hat und selber Theatermensch ist und überhaupt so ein eloquenter Intelligenzler ist. Nein, ich schaffe das selber, ich sag‘ gleich was. Irgendwas. Der wird heimgehen und sich denken, ein netter Abend, vor allem die eine da (ich). Ich googelte noch einmal. Hätte ich lassen sollen. Beim zweiten Mal durchlesen fand ich das Leben dieses Mannes noch beeindruckender. Und erstarrte endgültig.

"Ich bin Sexkolumnistin", überlegte ich mir zu sagen. Nein, bloß nicht, der glaubt, ich nehme ihn auf den Arm. Ich gab auf. Hörte zu. Ließ mir erzählen von diesem alten Mann zu der späten Uhrzeit irgendwo in Wien. Über seine Theorien, seine Pläne. Wen er bald treffen werde, andere Genies. Er freue sich darauf. Er erzählte wohlwollend und anregend. Und immens interessiert, an allem. Sich seinem Alter zu ergeben war wohl nie eine Option für ihn. Wunderbar.

Habe keinen Pieps gesagt, bis zum Schluss. Mir alles nur gedacht. Aber ich habe ein Foto. Er neben mir. Er beugt sich gerade über die aktuelle "Zeit" - mit der Überschrift: "10 Menschen, die die Welt nachhaltig verändert haben" oder so ähnlich. Da waren Steve Jobs dabei, Mark Zuckerberg, irgendwelche Wissenschaftler. Und er. "Wie freundlich," schmunzelte er. "Die Zeitung könnte man sich einmal kaufen." Man verabschiedete sich. Er bedankte sich bei jedem einzelnen für den Abend. Auch bei mir. "Danke für den Abend." "Ja auch," verschiss ich es ein letztes Mal. Nein, der würde sich niemals an mich erinnern.

Zuhause dachte ich mir dann, die eigentliche Leistung dieses Mannes ist es, jemandem einen unglaublichen Abend zu bereiten, ohne dass er irgendwas zurückbekommen muss. Und ich war glücklich über mein Glück. Und bin jetzt ein bisschen verliebt. (derStandard.at, 17.10.2011)

 

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Posting 1 bis 25 von 54
1 2
Ndugu
01
16.11.2011, 10:32
Wunderbare Kolumne, danke!

Es gibt sie, diese Menschen mit der besonderen Ausstrahlung, und wenn einer von uns das Glück hat, so jemanden zu treffen und seiner Begeisterung darüber Ausdruck gibt, sollten wir Leser - mit denen hier unsere Kolumnistin ihr Glück teilt - uns nicht darüber lustig machen.
Ich freue mich für sie.
Leider hatte ich nie das Glück, Djurasse zu treffen, aber ich hatte einen alten Lateinlehrer (ja, damals), der mit seiner unglaublichen Lebendigkeit uns gelangweilten Gymnasiasten beibrachte, wie "der Wind durch die Verse (des Ovid) rauscht! Unglaublich, toll!
Nie vergessen!

Freie Welt
01
8.11.2011, 01:51
Oschreck, die nennen Zuckerberg und Djerassi in einem Atemzug!

Und das in der ZEIT! Einfach furchtbar...
Aber okay, wenn es nur um die "Veränderung" der Welt geht, nunja. Schaun wir mal, wie nachhaltig Zuckerbergs Veränderung sein wird.

tignosa
05
19.10.2011, 14:47
wann bekommt Djerassi endlich den NOBELPREIS???

mit seiner Erfindung hat er wesentlich dazu beigetragen, das Leben der Menschheit leichter zu machen!

politisch verfolgt
01
24.10.2011, 20:48
wahrscheinlich

hat er nicht die richtige politische einstellung für den nobelpreis.

Ent-täuscher
02
19.10.2011, 10:03
wAS KANN DIESE fRAU EIGENTLICH?

Sie weiß nicht, wer Djerassi ist, o.k., sie wird halt noch sehr jung sein, sie plaudert ganz nett, macht aber haarsträubende Fehler; insgesamt ein nettes Nichts.
Man wird sich sicher nicht an sie erinnern

Cuca Racha
 
03
19.10.2011, 08:33
Lustig...

Ich habe Djerassi schon paarmal erlebt - seine Wirkung auf Damen ist unglaublich. Die fallen reihenweise um, liegen ihm zu Füssen, bringen vor Verzückung kein grades Wort heraus. Jedesmal genau dasselbe, ganz genau wie von Heidi List so anschaulich beschrieben! Erstaunlich!! (Die Welt ist ungerecht... Aber gut, er hat schon was. Mit ihm sich zu unterhalten ist nicht unlustig.)

werwolfi
04
18.10.2011, 15:48

Ja, das ist eben der (hierzulande leider vernachlässigte) Unterschied zwischen “Promi“ und “Persönlichkeit“ .

Etwas seltsam nur, wenn einer Journalistin der Name und der Mann ohne Google gar nichts sagen... aber zumindest ist es erfrischend geschrieben.

wicki28
11
18.10.2011, 14:52
In die Person verliebt?!

Ich würde wohl eher sagen in die CV der Person verliebt und nicht in die Person selbst! Ich halte das für eine Art von (Selbst)Betrug, zu sagen man sei in die Person verliebt (die kann man ja nach einem Abend ohne Konversation gar nicht kennen). Sorry, aber man sollte in solchen Dinge schon ehrlich sein, zu sich selbst und zu anderen.

Standardabweichung
11
8.11.2011, 08:32

Wie kannst Du das wissen, bist Du denn schon einmal mit ihm an einem Tisch gesessen? Ich sage, es ist die Persönlichkeit. Es gibt Menschen mit einer solchen Ausstrahlung, dass es einen einfach umhaut.

noexist
 
15
19.10.2011, 06:20

Stimmt!
Eine sehr zeitgenössische Geschichte: Ich googelte mit meinem iPhone, der Mann ist erfolgreich, ich bin verliebt (bis auf Weiteres).

Harald Schoenknecht
12
19.10.2011, 11:52

Dergleichen gibt es auch bei Maennern, wenn sie von gewissen koerperlichen Details "gefangen" werden, und denken sie waeren "verliebt"... die Geschlechter koennten sich das gegenseitig vorwerfen, aber wozu?

PeAcE

Ein Mann
00
28.12.2011, 09:49

Der Unterschied liegt in der Ehrlichkeit und den vorherrschenden doppelten Standards.

Alte Männer werden laufend verrissen, wenn sie sich junge Partnerinnen "zulegen".

Umgekehrt ist es bei Frauen, die sich zwar hässliche aber ausnehmend reiche, alte Typen aussuchen, natürlich stets "Liebe" und niemand darf etwas sagen.

Frauen behaupten laufend, ach wie emanzipiert zu sein, sind es aber nicht - und man darf nichts dazu sagen, ohne als misogyn abgestempelt zu werden.

wird
01
18.10.2011, 14:45

Ein Wissenschaftler von Weltruhm, dessen Errungenschaften die ganze Menschheit beeinflussen ist also ein Ehrfurcht einflößender Tischgenosse. Wer hätte das gedacht ;)

frauauswien
03
18.10.2011, 14:15
djerassi kennt man

sowohl optisch und natürlkich auch, wofür der name steht. oft genug irgendwo abgebildet samt "erläuterung". eigentlich seltsam, dass einem der ein erwachsenenleben lang entgangen sein sollte...

kein abseits
00
18.10.2011, 12:59

Schreiben kann sie, die Alte.

Rohrleger
211
18.10.2011, 12:54
Jetzt

stalkt die Frau List auch schon ehrwürdige Greise, von denen sie nur auf Grund ihrer Vita beeindruckt ist (wie oberflächlich muß die Dame eigentlich sein), und schreibt auch noch darüber.
Kann es sein, daß die Artikel der Autorin nur ein versteckter Hilferuf sind?

sunny12
30
18.10.2011, 13:12

Kann es sein, dass Ihre Postings nur ein versteckter Hilferuf sind?

Rohrleger
00
18.10.2011, 13:42
Ich habe noch niemals etwas versteckt.

Toeris
24
18.10.2011, 13:48

Leider.

Irma la Douce
10
18.10.2011, 11:41
Sehr gut lesbarer anscheinend auch ehrlicher Artikel der mal wieder

das bekannte Muster zeigt: wer kennt schon Berühmtheiten aus den Naturwissenschaften ...

Djerassi schaut ja sehr markant aus ;-)

miles a head
00
18.10.2011, 14:17
Irma?

Du hier?!

Irma la Douce
00
18.10.2011, 17:29
Oui, M. Miles.

Storyteller
04
18.10.2011, 12:23

Das dachte ich mir auch. Den Djerassi erkennt man normalerweise, über den gab es schon so viele Reportagen in sämtlichen Medien. Dass gerade eine Journalistin ihn nicht erkennt, ist irgendwie sonderbar.

"Verliebt" war die Schreiberin ja auch erst, als sie erfahren hat, wer er ist und was er in seinem Leben gemacht hat. Nichts als Ehrfurcht vor Rang und Namen.
Wäre er zB "nur" pensionierter Angestellter der BVA gewesen, dann wäre er für sie lediglich ein netter alter Herr.

princess of fame
00
18.10.2011, 14:33
Wäre er zB "nur" pensionierter Angestellter der BVA gewesen, dann wäre er für sie lediglich ein netter alter Herr

Imho erwartet man bei einem pensionierten Angestellten, egal ob BVA, BKA oder BBK nicht so interessante, lehrreiche Gespräche wie bei jemanden, dessen Vita so lautet: "Erfinder der Anti-Baby-Pille. 1200 wissenschaftliche Veröffentlichungen. Lehrt an der Standford University. Bedeutender Kunstsammler, vor allem Paul Klee. Seit den 80er-Jahren Literat, Erfinder der "Science-in-Fiction" Romangattung. Theaterautor. Buchautor, Opernkomponist. Ehrendoktorate in Kulturwissenschaften, Chemie und Geowissenschaften. Zahllose Preise und Auszeichnungen. Professuren. Und. Und. Und."

Es kann selbstverständlich sein, dass beide Menschen kurzweilig und fesselnd über ihre vielfältigen beruflichen Tätigkeiten und private Erlebnisse sprechen.
;-)

sunny12
00
18.10.2011, 13:18

Man ist nicht von dem Rang und Namen beeindruckt, sondern vor der Leistung, dem Wissen, der Kreativität und dem Ehrgeiz, die dahinterstehen.
Und kann das jeder pensionierte Angestellte der BVA von sich behaupten?

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