Rauchen für Österreich und Probleme mit Brustwarzen

18. Oktober 2011, 11:51
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Von Anker-Maxi bis Humanic-"Franz": Das Filmarchiv Austria will eine Bestandsaufnahme des Werbefilms in Österreich erstellen - Filmproduzenten Walter Maier, Peter Mayer und Regisseur Peter Patzak über Umbrüche der Branche

In zwei Jahren feiert der österreichische Werbefilm sein 100-jähriges Jubiläum. "Wie Ninette zu ihrem Ausgang kam" aus dem Jahr 1913 gilt als der älteste erhaltene heimische Werbefilm und pries damals das Waschmittel Neubozon an.

Das Filmarchiv Austria startet nun gemeinsam mit österreichischen Unternehmen, Produzenten und Filmschaffenden ein landesweit angelegtes Projekt zur Aufarbeitung, Katalogisierung und Konservierung der Werbe- und Industriefilmbestände. Ziel sei es, eine "erste umfassende Bestandsaufnahme dieses Genres in Österreich" zu erstellen. "Werbefilme sind immer auch Teil einer Erinnerungskultur und auch Teil der Unternehmens- und Filmgeschichte", erklärt Karin Moser, sie ist verantwortlich für das Projekt.

Patzak: "Eine Welt, die einmal sehr lustig und kreativ war"

Auch Filmregisseur Peter Patzak war als Werbefilmer tätig. "Ich erinnere mich mit großem Genuss an diese Zeit", erzählt er bei der Projektpräsentation im Metro-Kino. Von ihm stammt zum Beispiel ein Spot für die Zigarettenmarke Dames ("Mit einer Dames bis du nie allein") oder auch die Filme mit den Elvis-, Tina Turner- oder Michael Jackson-Imitatoren für Dragee-Keksi.

Wie kam es damals zur Ideenfindung? Patzak: "Zu Beginn war ich kreativer Partner und Mitautor der Filme. Die ungefähre Vorstellung und das Produkt wurden vermittelt, dann hat man sich als Filmemacher an die Idee und an die Umsetzung gemacht." Aber dieser Prozess habe sich dann stark verändert, die Angst sei eingezogen in die Agenturen, alles musste abgesichert werden.

"Ich hab mich nicht mehr wohlgefühlt in einem Apparat, in dem die Meinung der Frau des Marketingassistenten entscheidender war als meine zu cinematografischen Prozessen. Diese Art der Absicherung und der gespannten Netze fand ich nicht mehr spannend, sagt Patzak. Das sei für ihn dann auch die Zeit gewesen, sich zu verabschieden, "von einer Welt, die einmal sehr lustig und sehr kreativ war."

Er denkt gerne an Drehs mit Testimonials, "großartigen Schauspielern oder Personen der Öffentlichkeit", zurück. Patzak: "Es war lustig, ihnen die Scheu zu nehmen, das zu tun, wofür sie für Geld zugestimmt haben, zu tun. Es war ein sehr behutsamer Prozess, sie nicht bloßzustellen. Sie mussten auch für diese Sache eine große Leistung bringen. Und wenn es gut wird, dann muss du dich auch dafür nicht genieren."

"Erfüllungsgehilfen der Agentur"

Auch Werbefilmproduzent Peter Mayer von Adi Mayer Film erinnert sich an diese Umbrüche. Zu Beginn habe man gemeinsam mit dem Werbeleiter oder dem Unternehmsleiter eine Idee entwickelt. "Dann kamen österreichische und auch internationale Agenturen wie Lintas oder McCann. Und die Agenturen wollten auf der 'safe side' stehen. Sie haben den Spot geschrieben, als Produktion musste man dann Vorschläge machen, wie das umzusetzen war. Man wurde zum verantwortlichen Erfüllungsgehilfen der Agentur", erzählt er.

"Als wir selber alles produziert haben, kostete ein Spot vielleicht auf 20.000 bis 30.000 Schilling. Als dann die Agenturen kamen, kostete er plötzlich rund 300.000 Schilling", erinnert sich auch Walter Maier. Er gründete 1948 gemeinsam mit Kurt Traum die Produktionsfirma Traum&Maier.

Anker-Maxi

Das Unternehmen drehte viele Zeichentrick- und Animationswerbefilme und kreierte zum Beispiel die Werbung von Anker-Brot mit dem Anker-Maxi oder der nachgebauten Wiener Innenstadt samt sprechendem Stephansdom. Maier: "Wir haben die Ideen geliefert, haben Storyboards gezeichnet und konnten kreativ sein. Mit den Agenturen ist der Knick hineingekommen. Zuvor haben wir alles selber gemacht, dann kam die Spezialisierung."

Muliar, Böhm, Waldrunn, Kolmann

Wie man damals an die Testimonials gekommen ist, erzählt Peter Mayer: "Wir haben Fotos gesammelt, von allen und jeden, die in Frage kamen." Verlassen habe man sich dann aber auf "Standardleute", die man immer einsetzen konnte wie Fritz Muliar  (Mayer: "Kein leichtes Zusammenarbeiten"), Alfred Böhm (Maier: "gierig"), Ernst Waldrunn, Ossy Kolmann, Lotte Tobisch. An die Topschauspieler wie Rudolf Prack oder Johannes Heesters sei man aber nicht  herangekommen.

Mayer: "Heute ist das anders, da bekommt jemand eine Million Dollar, dann spielt er eben die Klopapierrolle". 3.000 bis 5.000 Schilling bekamen die Personen damals, oft seien sie auch mit Produkten bezahlt worden. Billy Wilder habe 1985 als Testimonial für die damalige CA ("Die Bank zum Erfolg") 100.000 Schilling bekommen. Er wollte, dass das Geld dem jüdischen Friedhof im Wiener Zentralfriedhof geschenkt wird.

"So ein Scheiß": Humanic-Werbung

Natürlich durften bei der Präsentation auch die legendären Spots für Humanic ("Franz") nicht fehlen. Walter Maier: "Humanic wollte vom Bergschuh-Image wegkommen, darum wurden diese abstrakten Filme gemacht. Auch Patzak fand die Humanic-Werbung "natürlich toll". Ob die Werbung auch nach hinten hätte losgehen können? "Nein", meint Patzak, "der Absender ist ja vorgekommen". Und auch wenn die Leute die Werbung nicht verstanden hätten, sei das Produkt in Ordnung gewesen. Patzak: "Ich hab mir immer auch das Produkt angeschaut, denn ein schlechtes Produkt nimmt die Freude am Filmen."

Peter Mayer erklärt den Erfolg der Humanic-Werbung so: Für die Alten sei diese Werbung "ein Scheiß" gewesen, auch die Jungen hätten die Werbung nicht verstanden, "aber wenn es die Alten nicht wollen, dann muss es etwas für mich als Jugendlicher sein".

Probleme mit Brustwarzen

Auch die Palmers-Werbung erhitzte immer wieder die Gemüter. So zum Beispiel auch die Kampagne "Champagner auf der Haut" aus dem Jahr 1980. Peter Mayer: "Wir hatten Probleme, weil zum ersten Mal das Produkt ja durchsichtig war. Wir haben kämpfen müssen, dass man beim BH die Brustwarzen sah." Ihm sei es regelmäßig passiert, dass der ORF einen Spot zurückgeworfen habe, zum Beispiel wegen einer Frau auf einer Vespa ohne Schutzhelm. Nachsatz: "In der Werbung ging es um ein Haarschampoo."

Große, schwer entfernbare Flecken

Mayer erzählt auch von einer Anker-Werbung für Faschingskrapfen, die in die Hose gegangen ist. Das Konzept: Kurt Weinzierl nimmt zwei Kinder-T-Shirts, eines mit einem großen, eines mit einem kleinen Marmeladefleck. "Raten Sie, welcher Fleck vom Anker-Krapfen ist?" war die Idee des Spots, natürlich sollte das mit dem größerem Fleck auf den Ankerkrapfen hinweisen. Mayer: "Das hat nicht funktioniert. Henkel war mit seiner Dixan-Werbung damals extrem stark. Der Umkehrschluss bei den Zuschauern war: Anker macht mit seinen Krapfen große, schwer entfernbare Flecken." (Astrid Ebenführer, derStandard.at, 18.10.2011)

Link
Filmarchiv Austria

Hintergrund
In dem vom Filmarchiv Austria initiierten Forschungsprojekt werden neben der eigenen, landesweit umfangreichsten Werbefilmsammlung auch die Bestände diverser Firmen-, und Produktionsarchive film-, wirtschafts- und kulturhistorisch ausgewertet und ediert. Ein Projektziel ist die Erschließung und Verfügbarmachung der österreichischen Werbefilmproduktion für die Öffentlichkeit.

  • Nikolaus Wostry (Zentralfilmarchiv Laxenburg), Peter Patzak, Peter Mayer (Adi Mayer Film), Walter Maier (Traum&Maier), Karin Moser (Filmarchiv Austria)
    foto: filmarchiv austria

    Nikolaus Wostry (Zentralfilmarchiv Laxenburg), Peter Patzak, Peter Mayer (Adi Mayer Film), Walter Maier (Traum&Maier), Karin Moser (Filmarchiv Austria)

  • Die Tabakinstrie war einer der größten Auftraggeber.
    foto: derstandard.at

    Die Tabakinstrie war einer der größten Auftraggeber.

  • Geworben wurde mit Slogans wie "Rauchen für Österreich" oder "Orientalische Wunder".
    foto: derstandard.at

    Geworben wurde mit Slogans wie "Rauchen für Österreich" oder "Orientalische Wunder".

  • "Mit einer Dames bist Du nie allein."
    foto: derstandard.at

    "Mit einer Dames bist Du nie allein."

  • Spot für das "Strumpfwunder" von Palmers: >>> Spot ansehen
    foto: derstandard.at

    Spot für das "Strumpfwunder" von Palmers: >>> Spot ansehen

  • Durchsichtige Wäsche im TV: "Champagner auf der Haut" von Palmers
    foto: derstandard.at

    Durchsichtige Wäsche im TV: "Champagner auf der Haut" von Palmers

  • Der Anker-Maxi mit Baby-Brot
    foto: derstandard.at

    Der Anker-Maxi mit Baby-Brot

  • Nachgebaute Wiener Innenstadt mit sprechendem Stephansdom.
    foto: derstandard.at

    Nachgebaute Wiener Innenstadt mit sprechendem Stephansdom.

  • Elvis-Imitator für Dragee-Keksi von Napoli.
    foto: derstandard.at

    Elvis-Imitator für Dragee-Keksi von Napoli.

  • Brennende Schuhe ...
    foto: derstandard.at

    Brennende Schuhe ...

  • ... und Ganzköperoveralls für Humanic.
    foto: derstandard.at

    ... und Ganzköperoveralls für Humanic.

  • H.C. Artmann spricht für Humanic >>> Spot ansehen
    foto: derstandard.at

    H.C. Artmann spricht für Humanic >>> Spot ansehen

  • Billy Wilder für "Die Bank zum Erfolg": Kampagne der CA
    foto: derstandard.at

    Billy Wilder für "Die Bank zum Erfolg": Kampagne der CA

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