Oslo/Amsterdam/Berlin - Mit den
Protestdemonstrationen in vielen Ländern gegen soziale Not und die
Allmacht des Finanzkapitals beschäftigt sich am Montag die
internationale Presse:
"Aftenposten" (Oslo):
"Die Demonstrationen in Großstädten auf der ganzen Welt zeigen,
welchen politischen und sozialen Sprengstoff anhaltende Perioden des
Niedergangs bergen. Die Verzweiflung junger Menschen darüber, dass
sie einfach nicht vorankommen, ist leicht zu begreifen. (...) Die
Protestbewegung dagegen, die sich am Wochenende präsentiert hat, ist
lose zusammengeführt. Es fehlt ihr an Führung, und sie hat wenige
Vorschläge zur Lösung bis auf die Einführung einer Steuer auf
Finanztransaktionen. Die Stärke der Bewegung liegt darin, dass sie
alle einbezieht. (...) Noch kann nicht gesagt werden, wohin das
führt. Aber man muss zuhören. Die Proteste werden nicht von selbst
verschwinden. Sie sind ein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft."
"de Volkskrant" (Amsterdam):
"Es ist leicht, sich lustig zu machen über die Occupy-Bewegung,
die heterogen ist und einer klaren einheitlichen Botschaft entbehrt.
Da klingen auch falsche Töne an und es werden Steckenpferdchen
geritten. In Australien geriet die Demonstration zum Teil zu einem
Anti-Israel-Protest, anderswo ging es gegen Kernenergie und
Privatisierungen. (...) Aber es ist ein gemeinsamer Nenner in den
Protesten zu erkennen, der es verdient, ernstgenommen zu werden. Es
herrscht große Verbitterung über die anhaltende Finanzkrise, und vor
allem über den bestürzenden Mangel an Verantwortungsbewusstsein im
Bankenwesen, das mit Milliarden über Wasser gehalten wurde, wo jedoch
die Spitze mit Bonuszahlungen um sich wirft, als wäre nichts
gewesen."
"Süddeutsche Zeitung" (München):
"Der internationale Protest fordert eine internationale Politik. Die
Davids der Welt wollen nicht mehr dabei zusehen, wie mit den
Millionen und Milliarden der Steuerzahler die Banken saniert und die
Löcher in den Autobahnen des Finanzkapitalismus nur zur weiteren
Raserei geflickt werden: Die Davids rufen daher nach neuen
Verkehrsregeln, nach Geschwindigkeitsbeschränkungen, nach
Zulassungsvoraussetzungen und nach einem TÜV für die Vehikel, die auf
diesen internationalen Autobahnen verkehren. In den vergangenen zehn
Jahren wurde Deutschland angeblich am Hindukusch verteidigt. Jetzt
gilt es, die Demokratie gegen die Gier der Märkte zu verteidigen.
Eine Welt, die die Taliban bekämpfen kann, muss sich vor den Brokern
nicht fürchten."
"Stuttgarter Zeitung":
"Noch ist die Gruppe, die sich in Deutschland an den Protesten
gegen die Macht der Finanzmärkte beteiligt, relativ klein. Doch dabei
wird es nicht bleiben. Weltweit ist etwas in Bewegung geraten, was
hierzulande immer mehr Menschen animieren dürfte mitzumachen. So
vielfältig und diffus die jeweiligen Ziele der Demonstranten rund um
den Globus auch sein mögen, so deutlich ist überall die Botschaft: Es
kann nicht weitergehen wie bisher. Die Märkte dürfen nicht mehr die
Gesellschaften beherrschen, sondern die Gesellschaften müssen wieder
die Finanzsysteme zum eigenen Wohl nutzen können."
"Frankfurter Rundschau":
"Zigtausende demonstrierten an diesem Wochenende in Deutschland,
vor dem Reichstag in Berlin, vor der Europäischen Zentralbank in
Frankfurt und an vielen Orten sonst. Es waren mehr, als die nur lose
organisierten Veranstalter zu hoffen gewagt hatten. Und sie waren in
ihrer großen Mehrheit friedlich, auch wenn es in Rom einer kleinen
Minderheit gelang, den Erfolg der größten Demonstration zu
sabotieren. Aus diesem Wochenende darf geschlossen werden: Den
Schaden, den der Finanzkapitalismus in den von ihm dominierten
Gesellschaften anrichtet und noch anzurichten droht, werden viele
Bürgerinnen und Bürger nicht einfach hinnehmen - weltweit. Dass das
noch nicht mehr war als ein Anfang, ist klar. Kein schlechter
allerdings."
"taz - die tageszeitung" (Berlin):
"Was für ein 15. Oktober. Noch nie hat es zum selben Anlass in so
vielen Städten so viele Proteste gegeben. Nicht einmal bei den
Großdemonstrationen 2003 gegen den Irakkrieg gingen so viele Menschen
zeitgleich auf die Straße. Ob in Hongkong, Lübeck oder Denver - in
mehr als 80 Ländern fanden Proteste gegen das Gebaren der Banker
statt und gegen PolitikerInnen, denen es am Willen fehlt, diese
inzwischen nicht mehr nur geldgierige, sondern kapitalvernichtende
Branche zu bändigen. (...) Vieles hängt jetzt davon ab, dass die
Proteste vom Samstag kanalisiert und dass auf die Fragen auch
Antworten gefunden werden - auch von Außerparlamentariern."
"Kölner Stadt-Anzeiger":
"Der Protest hat beste Chancen, zu einer kraftvollen Bewegung zu
werden. Denn anders als bei Attac, dem Zusammenschluss der
Globalisierungsgegner, ist das Thema konkret, fassbar und seine
Folgen sind jeden Tag zu erleben. Ein Gemisch aus Tatsachen und
Vermutungen treibt eine bunte Schar von Demonstranten auf die Straße,
Schüler, Studenten, Arbeiter, Rentner, Gewohnheitsprotestler. Sie
mögen nicht die gleichen Ziele haben, aber sie haben das selbe Gefühl
von Unbehagen und Machtlosigkeit. In der Occupy-Bewegung verbindet
sich Ekel vor vermeintlich unbelehrbaren Bankmanagern mit sozialem
Protest und der Angst vor dem Absturz - gewichtigen Motiven also."
"Junge Welt" (Berlin):
"Der Aufruhr der arabischen Straße, der Widerstand der
griechischen Bevölkerung gegen die neoliberalen Zumutungen Brüssels
und der eigenen Regierung, die Bewegung der Empörten in Spanien,
massive Sozialproteste in Israel und schließlich die 'Occupy
Wallstreet'-Bewegung in den USA. Das ist noch keine Weltrevolution,
aber doch ein Zeichen wachsender Bereitschaft, die Kapitalherrschaft
- zumindest in ihrer neoliberalen Variante - zu hinterfragen. Der
weltweite Protesttag gegen die Auswirkungen der kapitalistischen
Krise sollte dem Ausdruck verleihen." (APA)