"Sunnitischer Islam erlaubt keine islamische Staatsform"

Interview

Die Muslimbrüder schlossen Abdel Moneim Abu El-Futuh wegen seiner Entscheidung, bei der Präsidentschaftswahl zu kandidieren, aus

Er fühle sich der Idee trotzdem noch verbunden, sagt er im Gespräch mit Nermin Ismail.

*****

STANDARD: Sie haben sich nach der Revolution entschieden, als ehemaliger Muslimbruder, für die Präsidentschaftswahl zu kandidieren. Soll Ägypten mit Ihnen als Präsident islamisch werden?

Abu El-Futuh: Ich habe mich entschieden, unabhängig und nicht als Repräsentant der Muslimbrüder zu kandidieren. Auch wenn ich von dieser Organisation getrennt bin, fühle ich mich ihrer Idee noch verbunden. Allerdings wollen alle islamischen Bewegungen in Ägypten keinen islamischen, sondern einen zivilen, demokratischen Staat: eine Verfassung, ein Parlament, welches das Volk repräsentiert und eine Regierung, die demokratisch gewählt ist. Der sunnitische Islam erlaubt keine islamische Staatsform. Deswegen ist die Furcht vieler Menschen, die Islamisten würden einen religiösen Staat installieren, fehl am Platz. Das war und wird nicht sein.

STANDARD: Heißt dies, dass im Islam, Ihrer Auffassung nach, Religion und Politik getrennt sein sollten?

Abu El- Futuh: Nicht die Religion soll sich von der Politik trennen, sondern die Partei von der Religion. Der Wettstreit um die Macht soll eine Sache der Parteien sein, nicht der islamischen Organisationen, Bewegungen und Gemeinschaften. Diese können aktiv sein in einer aufklärerischen Weise, aber nicht wenn es um den politischen Wettbewerb geht, denn dieser ist den Parteien vorbehalten.

STANDARD: Sie meinten in einem Interview im ägyptischen Fernsehen, Sie wollen das ägyptische Mosaik mit seiner Vielfalt verkörpern. Aber würden die Kopten Sie als ihren Präsidenten akzeptieren?

Abu El- Futuh: Sicher. Die Basis von Rechten und Pflichten ist die Staatsbürgerschaft, die keinen Unterschied zwischen den Menschen aufgrund der Hautfarbe, der Religion oder der ethnischen Herkunft macht. Deswegen haben der Muslim, der Kopte, der Linke, der Islamist, der Mann, die Frau alle dieselben Rechte und Pflichte. Die Kopten waren schon immer in Ägypten und haben diese Rechte genossen. Weder die alten Verfassungen noch die Gesetze in ihrer Gesamtheit beinhalteten jemals eine Unterscheidung.

STANDARD: Wie erklären Sie sich die jüngsten Zusammenstöße zwischen Muslime und Kopten?

Abu El- Futuh: Die aktuellen Spannungen zwischen Kopten und Muslimen resultieren aus den Handlungen der Extremisten auf beiden Seiten. Es sind Einzelfälle, die keinen ideologischen Hintergrund haben. Es gibt keine religiösen Spannungen in Ägypten.

STANDARD:  Die Parlamentswahlen sollten anfangs im September stattfinden, nun wurde der Termin für November festgelegt. Ist das eine Taktik des Militärrats, um länger an der Macht zu bleiben?

Abu El- Futuh: Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Verspätung ergibt sich aus der Unsicherheit des Militärrats aufgrund der fehlenden Erfahrung, denn dies gehört nicht zu seinen ursprünglichen Aufgaben. Das Volk ist aufgestanden, um für Demokratie und Freiheit zu kämpfen. Nach der Revolution ist es unmöglich, ohne die Zustimmung des Volkes und ohne Wahlen zu regieren. Weder das Militär noch das Volk würden das zulassen.

STANDARD: Die Wahlen sollten die ersten unbeeinflussten seit vielen Jahren werden. Wie schätzen Sie die Durchführung der Parlamentswahlen in Bezug auf ihre Korrektheit ein?

Abu El- Futuh: Korrupte Machthaber, die Ägypten jahrelang führten, haben in der Vergangenheit systematisch Wahlen gefälscht. Wer jetzt in Ägypten regiert, kann keine Vorteile dadurch haben. Deswegen glaube ich, dass die nächsten Wahlen gerecht und ordentlich durchgeführt werden. Sie werden den Willen des Volkes ausdrücken und die islamischen Parteien werden mit nicht mehr als 25 Prozent im Parlament vertreten sein.

Die politische Hauptströmung in Ägypten wird die Mehrheit im Parlament haben. Sie ist nicht gespalten in Parteien, Richtungen oder Bewegungen und es wird eine Zusammenarbeit mit allen Parlamentariern geben, denn es wird das erste Parlament nach der Revolution sein.

STANDARD: Welche Aufgabe, denken Sie, ist die wesentlichste für das künftige Parlament?

Abu El- Futuh: Wesentliche Ziele werden die gesetzliche Verankerung der Demokratie und Menschenrechte und die wirtschaftlichen Erneuerung sein. Die Slogans der Revolution vom 25. Januar waren Freiheit, Würde und Gleichheit. Diese müssen umgesetzt werden. Das wird die wichtigste Aufgabe des zukünftigen Parlaments. Dass Gesetze erlassen werden und eine Aufsicht auf die Regierung eingerichtet wird, damit die Anliegen und Ziele der Revolution umgesetzt werden, für die nicht wenige junge Menschen ihr Leben gelassen haben.

STANDARD: Wie wollen Sie Ägypten verändern?

Abu El- Futuh: Mein Programm hat zwei wesentliche Ziele: die Etablierung des Rechtsstaates und die Unabhängigkeit der Gerichte. Außerdem ist mir die Vertiefung der Freiheit und der Demokratie in der Verfassung und in den Gesetzen ein Anliegen. Mit diesen Faktoren streben wir zu einer ägyptischen Erneuerung. Diese umfasst auch die Gesundheitsvorsorge, die Bildung und die Wissenschaft. Ägyptens Probleme sind lösbar. Wir gehen davon aus, dass -im Gegensatz zu früher - die Meinungen der Experten und Spezialisten bei der Problemlösung berücksichtigt werden müssen. Die schlechte wirtschaftliche Kraft, die Armut, das schlechte Management in der Landwirtschaft, all dies verlangt nach einer politischen Kraft, die diese Ziele umsetzt.  (Langversion des Interviews aus DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2011)

 


Abdelmoneim Abu El-Futuh (60) ist Generalsekretär der arabischen Ärztevereinigung und war mehr als 35 Jahre in der Muslimbruderschaft aktiv. Er ist für seine liberalen Ansichten bekannt und höchst umstritten.

 

Share if you care