Mein Höhepunkt im Museumsquartier

    18. Oktober 2011, 16:36
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    Und andere, noch schönere zum 1010er Geburtstag im Sieveringer Stammhaus Hill

    1010er Geburtstage wollen gebührend gefeiert sein, wissen unerschütterliche Schmeck's-Leserinnen und -Leser. Wo der Vegetarismus von der Bildfläche verschwand, wo der geniale Grieche den noblen Italiener verlassen hat, und wo Döbling gerade nahe liegt, können wir den Tag bei einem Wirten begehen, den ich ohnehin schon ewig auf der Liste habe. Endlich Aurelio Nitsche im Hill.

    Nächster Höhepunkt im MQ

    Das trifft sich auch insofern gut, als die Verhillung der Welt, jedenfalls Wiens, gerade in diesen Wochen einen Schritt weiterkam unddort  das kleine Gastroimperium neuerdings die nach vorne verlegte Restauration des Mumok bespielt. Und wenn der Brunch nicht samstags und sonntags bis 14 Uhr ginge und die normale Karte erst danach wieder in Aktion tritt, hätt ich auch gleich darüber berichten und doch ein bisschen Aktualität vortäuschen können.

    So kann ich nur dem Vorwegnahmejournalismus frönen und prognostizieren: Da kommt nächsten Sommer ein neuer Höhepunkt auf das Museumsquartier zu und macht dem Leopold mit einer Weltklasseterrasse Konkurrenz. Nicht ganz so weit oben wie die Kollegen von drüben, und der Mumok-Monolith lässt den Blick nicht ganz so breit streifen, aber die Kuppel des Naturhistorischen Museums macht sich schon ganz schnuckelig zwischen dem Mumokdachziegelrot und dem Himmelsblau. Die Bar steht schon oben, nicht in Betrieb, und bis zum nächsten Sommer wird das Mumok auch seine Schließfachblechkasteln von der Terrasse geräumt haben, die dort noch herumstehen.

    Und noch eine Konditorei

    Und keine Atempause, Gerichte werden gemacht, es geht voran: Auch die nächste Etappe der Hillschen Welteroberung darf ich schon leise ankündigen - wird wohl eher kein Fall für Schmeck's: Gleich neben dem Bürgerhof, weit oben in der Gentzgasse, kündigt sich eine Hillsche Konditorei an.

    Drei Gänge in die lange Nacht

    Also kein Brunch im Quartier, und noch kein Süssli in Währing, aber Dinner in der Cottage mit Geburtstags- äh, was sagt man eigentlich, wenn man nicht Geburtstagskind sagen will? Jubilarin klingt nach Altersheim. Das passt definitiv nicht. Dann lieber Kind. 

    Drei Gänge, beschließt sie, und ich will da nicht widersprechen, auch wenn mich die acht Gänge (85 Euro) alles andere als abgeschreckt hätten. Und so lang, wie wir das Personal hier vom Schließen abgehalten haben, wären sich, grob geschätzt, auch 16 ausgegangen. Aber gut, man liegt ja auch schlecht, wenn der Magen zu voll ist, sagen manche. Also drei Gänge (35 Euro).

    Mais? Meins!

    Ich hatte mich schon, quasi a tribute, auf eines der wenigen vegetarischen Gerichte eingestellt - da hat meine anmutiges Gegenüber doch glatt schon zugeschlagen: Mousse vom weißen Mais mit Vanille, Safran, Karotte, Zuckererbsencreme und Muskattraube. Ich durfte kosten, und kann nur sagen: diese Frau hat Geschmack - sapperlot. Kompliment an die Küche, die davor mit einem kleinen Stück zart angebratenem Tunfisch, Kügelnchen von Ronen, genannt Rote-Rüben-Kaviar, und Sauerrahmcreme gegrüßt hatte, wenn ich mich recht erinnere, was nicht ganz leicht von der Ganglie geht.

    A propos Thunfisch: Internationale Wassertiere braucht es offenbar schon in Sievering, wenn man auf sich hält. Branzino, Lachs, Scampi tummeln sich auf der Karte - der Branzino aber übrigens sehr schön, den sich die Schöne als Hauptgang anlachte.

    Loslassen können

    Wo mir der Mais ausgespannt war, griff ich zur Krebsensuppe mit gelben Zuchhini. Und erkannte, wie herrlich es ist, loslassen zu können. Gerade so intensiv, dass nicht der ganze Abend vor Schalentierpenetranz zum Zungenkrebs gerät, recht so. Die Calamari fühlten sich in ihrem Ravioloschlauchboot schmeckbar wohl. Ich fürchte allerdings, auf meinen Bildern werden Sie diesen Beitrag zur Seefahrt nicht erkennen können. Glauben Sie mir einfach: Der Raviolo war da und wunderbar.

    Gemeinsam und dann doch gleichzeitig

    Dass man auch zu zweit im Leben nicht alles gleichzeitig genießen muss, wollte sich nun im Hill erweisen: Ich kein Dessert, sie kein Saiblingswürstel. Also eine Runde aussetzen, meine Liebe, während ich meinen Spaß habe. Doch Herr Nitsche lässt solche Egoismen nicht zu, auch wenn ich ihr natürlich vom Saibling, dem feinen Vanillekraut und dem Erdäpfelpuffer eine Gabel aufdrängte. Ein Häferl Krebsensuppe, und die Dame hat eine Freude mehr. So soll es sein.

    Andere Freuden versagte sie sich selbst und ganz freiwillig, die größte gar, jedenfalls von der Karte, und jedenfalls aus meiner Sicht: Rehrücken. Einer der besten meines Lebens. Mit sympathischem Hagebuttenpüree, Spitzkohl, angenehmer Pilzcreme und Kakaobohnen - auch für Dessertverweigerer ausgesprochen schlüssig. 

    Corti, geh Du voran!

    Definitiv noch ein Stück besser als der Rehpfeffer im Artner in der Hermesvilla, aber über den schreibt diese Woche ja der Corti - demnächst nebenan.

    Zwetschke!

    Zurück nach Sievering: Die Süße sieht die größte Freude auf der Karte definitiv anders: Zwetschkensorbet - tatsächlich ein kühler Traum, muss ich zugeben. Apfelsorbet, mir ein bisschen zu zimtig, ihr noch einmal reines Glück. Das Pfefferminzsorbet in der Mitte, auf einem festen Bett aus Schokoteig (sagt der Dilettant und fragt nicht nach) war mir ja auch sehr, sehr sympathisch - nur das knallige Grün des Gupfs machte mich ein bisschen stutzig. Alles ganz natürlich, versicherte der für Freundlichkeit und Geduld nur zu bewundernde Kellner.

    In all den Um- und Brüchen dieser Zeit, denen sich die von Trends und neuen Lokalen oft spät, manchmal zu früh, aber doch irgendwie gestreifte Schmeck's-Kolumne nicht entziehen konnte, gibt es doch eine Konstante: 1010er Geburtstage sind und bleiben großer Genuss und, Kinder, Kinder, bleibender Schaden für Leber und Hirn.

    Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

    • Keine schlechte Aussicht auf den Sommer 2012: die künftige Dachterrasse des Hill im Mumok. Gegessen und getrunken und wieder mal grauenhafte Essfotos gemacht haben wir allerdings noch im Stammhaus in Döbling.
HillZweimal drei Gänge, geburtstäglich sehr, sehr ordentlich Wein und Kaffee: 180 Euro.
      foto: harald fidler

      Keine schlechte Aussicht auf den Sommer 2012: die künftige Dachterrasse des Hill im Mumok. Gegessen und getrunken und wieder mal grauenhafte Essfotos gemacht haben wir allerdings noch im Stammhaus in Döbling.

      Hill
      Zweimal drei Gänge, geburtstäglich sehr, sehr ordentlich Wein und Kaffee: 180 Euro.

    • Mousse vom Mais: Sah live viel, viel besser aus - und schmeckte nochmal so gut
      foto: harald fidler

      Mousse vom Mais: Sah live viel, viel besser aus - und schmeckte nochmal so gut

    • In der Mitte muss man sich ein Weichtier im Ravioloschlauchboot vorstellen - und die Farben allesamt weit schöner
      foto: harald fidler

      In der Mitte muss man sich ein Weichtier im Ravioloschlauchboot vorstellen - und die Farben allesamt weit schöner

    • Ein wunderbares Reh so zu fotografieren, ist definitiv Tierquälerei, auch posthum. Fidler steht dazu.
      foto: harald fidler

      Ein wunderbares Reh so zu fotografieren, ist definitiv Tierquälerei, auch posthum. Fidler steht dazu.

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