"Eine E-Library würde Bildungsansprüche abdecken"

Interview16. Oktober 2011, 19:41
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"Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek" ist das größte Lesefest des Landes - Gerald Leitner, dem Geschäftsführer des Bibliotheksverbands, über E-Books und die Zukunft

Stefan Gmünder sprach mit Gerald Leitner.

STANDARD: Sie haben vergangenes Jahr prophezeit, dass nach den Ergebnissen der Pisa-Studie wieder lautes Wehklagen über die schlechten Lesekompetenz-Ergebnisse der Schüler einsetzen wird. So war es dann auch. Was läuft falsch?

Leitner: Wir haben laut Pisa-Studie 25 Prozent Schüler, die kaum lesen können. Zweifelsohne gehört unser Schulsystem reformiert, aber das allein ist zu wenig. Ein Drittel der getesteten Schüler gab an, sie hätten kaum Bücher im elterlichen Haushalt. Zur Behebung dieses Defizits braucht man Bibliotheken. Wenn man das Potenzial von Bibliotheken so nützt, wie es erfolgreiche Pisa-Länder - etwa Finnland - tun, und sie in Österreich auch so ausstattet, wird man auch zu ähnlich guten Ergebnissen kommen.

STANDARD: Allerdings gilt Lesen bei Jugendlichen als uncool.

Leitner: Das Problem haben wir nicht nur in Österreich. Die Frage ist: Wie schafft man Attraktion und ein positives Image des Lesens? Wir versuchen beispielsweise mit der Kampagne "Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek" das Lesen positiv aufzuladen. Der Erfolg gibt uns recht. Lesen boomt - zumindest in den Büchereien. Wir konnten letztes Jahr sensationelle Zuwächse verzeichnen: 930.000 mehr Entlehnungen als im Vorjahr und 8,5 Prozent neue Leser, das sind 70.000 bis 80.000 Leser, vor allem Kinder und Jugendliche, die wir als neu eingeschriebene Leser dazugewonnen haben.

STANDARD: Haben diese Zuwächse bei den Entlehnungen auch mit der Wirtschaftskrise zu tun?

Leitner: Der Buchverkauf ist in Österreich eingebrochen, über die Gründe könnte man nun spekulieren. Unsere Zuwächse in den Bibliotheken führe ich auch darauf zurück, dass öffentliche Bibliotheken davon abgegangen sind, Bücher nur passiv anzubieten, sie nur hinzustellen. Es wird vermehrt mit anderen Organisationen wie Migrantenvereinen, Kindergärten und Volksschulen zusammengearbeitet, um die Kinder möglichst früh zum Lesen zu bringen und auch leseferne Schichten zu erreichen.

STANDARD: Wie reagieren die Bibliotheken auf die Herausforderungen E-Books und digitales Lesen?

Leitner: Unsere Idee ist, eine E-Library in Österreich aufzubauen. Das würde sowohl ökonomisch Sinn machen als auch Bildungs- und Informationsansprüche abdecken. Eine zentrale E-Library, von der sich die Bibliotheksbenutzer mit ihrem Leserausweis E-Books downloaden können und wo die Autoren im Gegenzug eine gerechte Abgeltung in Form einer Bibliothekstantieme bekommen, würde die Verbreitung von Büchern auch in Orten, die über keine Bibliothek, geschweige denn eine Buchhandlung verfügen, fördern. Wir erleben aber im Moment das Gegenteil. Die großen Städte bieten dieses Service schon an, Sie können sich dort E-Books downloaden, wobei sich das File nach drei Wochen von selbst zerstört. Am Land gibt es dieses Angebot nicht. Eine zentrale österreichische E-Library wäre daher eine Chance für die Bildungspolitiker und die Ministerin, einen großen Sprung in der Literatur- und Informationsversorgung zu machen.

STANDARD: Wie sehen Sie die Zukunft des gedruckten Buchs?

Leitner: Der deutsche Börsenverein spricht bei den E-Books von 15 Prozent Marktumsatz in den nächsten Jahren. Die USA haben diese Prognosen weit übertroffen. Dort macht Amazon mehr als 50 Prozent der Umsätze mit E-Books. Ich halte die Glaubensfrage "Gedrucktes oder digitales Buch?" für nebensächlich. Wichtig ist, dass wir Leser haben, wichtig ist, dass der Text zugänglich, erschwinglich ist - und die Autoren eine gerechte Entlohnung bekommen.

STANDARD: Welche Rolle werden Bibliotheken künftig spielen?

Leitner: Im März haben alle fünf Parlamentsfraktionen einen Entschließungsantrag beschlossen, der die Bundesministerin auffordert, einen Entwicklungsplan für öffentliche Bibliotheken bis nächstes Jahr zu entwickeln. Es gibt bereits eine Arbeitsgruppe. Die Ministerin vermittelt glaubhaft, dass sie leseaffin ist und die Büchereien fördern will. Die Frage ist nur, wie der Entwicklungsplan unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen finanziert wird. Und falls die Ökonomie wieder einmal als Argument hergenommen wird, um untätig zu bleiben, wird nach der nächsten Pisa-Studie wieder lautes Wehklagen einsetzen. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2011)

 

  • Gerald Leitner ist Geschäftsführer des Bibliotheksverbands Österreich und Präsident der Eblida, des Dachverbands der europäischen Bibliotheksverbände.
 
    foto: robert newald


    Gerald Leitner ist Geschäftsführer des Bibliotheksverbands Österreich und Präsident der Eblida, des Dachverbands der europäischen Bibliotheksverbände.

     

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