So ein fettes Schwein

  • Von außen schön, die wichtigste innere Schönheit war 2012 nicht mehr auszumachen.
Artner in der HermesvillaDrei als klein deklarierte Gänge, Saft, Kaffee: 42,50 Euro.Achtung: Nur bis 18 Uhr geöffnet!
    foto: harald fidler

    Von außen schön, die wichtigste innere Schönheit war 2012 nicht mehr auszumachen.

    Artner in der Hermesvilla
    Drei als klein deklarierte Gänge, Saft, Kaffee: 42,50 Euro.
    Achtung: Nur bis 18 Uhr geöffnet!

  • Hirsch 2011, bitte: sehr schön, brauchte angenehme 25 Minuten
    foto: harald fidler

    Hirsch 2011, bitte: sehr schön, brauchte angenehme 25 Minuten

  • Paprikakutteln 2011, sehr orangig, aber sehr gut
    foto: harald fidler

    Paprikakutteln 2011, sehr orangig, aber sehr gut

  • Viele Gebinde, viel Freude: Rehpfeffer 2011 mit Mohnspätzle und weihnachtlicher Pfefferbirne
    foto: harald fidler

    Viele Gebinde, viel Freude: Rehpfeffer 2011 mit Mohnspätzle und weihnachtlicher Pfefferbirne

  • Beef Tatare 2012, versteckt unter Grana und Senfrahmsee, noch immer in der Hermesvilla
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    foto: harald fidler

    Beef Tatare 2012, versteckt unter Grana und Senfrahmsee, noch immer in der Hermesvilla

  • Wildschweinragout, ganz gut
    foto: harald fidler

    Wildschweinragout, ganz gut

  • So richtig Schwein, so richtig fett: Schweinsfuß by Christian Petz auf dem Badeschiff.
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    foto: harald fidler

    So richtig Schwein, so richtig fett: Schweinsfuß by Christian Petz auf dem Badeschiff.

Seine Birne weihnachtete sehr - doch nach einem Jahr ist der Fidler in der Hermesvilla nicht mehr ganz so euphorisch

Natürlich war nicht damit zu rechnen, dass es so schön bleibt. Aber schön wär's schon gewesen. Vor gut einem Jahr.

Und wenn nicht der Corti, weil damals eben ziemlich neu bespielt, auf dieselbe Idee zur selben Zeit gekommen wäre: Ich würde heute noch schwärmen von der Hermesvilla. So aber war die Story über den neuen Artner in der Hermesvilla nur wenige Minuten online. Dann ließ der Dilettant voll des Verständnisses dem Profi den Vortritt. Im direkten Vergleich wär ich ja ohnehin abgestunken.

Aber soviel Euphorie gießt der Fidler halt dann doch ungern einfach in den Gully, wiewohl das womöglich dem Wunsch einer qualifizierten Zahl von Userinnen und Usern und vor allem einer Zahl von qualifizierten Userinnen und Usern entspräche. Sorry, nein. Erst ein wehmütiger Blick zurück, vor einem Jahr, wir befinden uns auf dem - dank Tomtom - vom falschen Tor recht langen, aber schon sehr schönen Weg zur Hermesvilla...

Kann sich die Küche bitte viel Zeit lassen?

Da weiß der Fidler ja auch noch nicht, wie schön es erst in der Villa ist. Man kommt aus dem Schauen gar nicht mehr heraus. Und nein, ich spreche nicht von der ganz ansehnlichen Renovierung des Lokals, auch nicht von den ebenfalls nicht schiachen Speisen, sondern vom Personal. Jedenfalls einem Teil davon. Holy moly!

Der Nachbartisch hat offenbar weniger Sinn für Schönheit und elegante Lässigkeit, dafür umso mehr Hunger: Nach mehr als einer Stunde Wartezeit auf Schnitzel und Backhendel in der (jedenfalls anfangs) doch ziemlich vollen Artner-Dependance spüre ich einigen Grant zu meiner Linken. Das Backhuhn soll aber dann sehr gut gewesen sein.

Hirsch, ich

Ich indes sitze schon, als meine Nachbarn eintrudeln, sitze und ergötze mich an der Schönheit da draußen und vor allem da herinnen. Sicherheitshalber bestelle ich drei Gänge, man weiß nicht, wie fix die Küche ist, womöglich hab ich ruckizucki keine Rechtfertigung mehr zum drinnen schauen. Als nach 20, 25 Minuten die kalte Vorspeise eintrudelt, bin ich schon sehr beruhigt, dass sich Martin Kammlander (wenn ich richtig las) und sein Team wohl noch ein bisschen einspielen müssen, bis 2012 überdies noch die herrliche Terrasse zu versorgen sein wird, die ist nämlich sicherheitshalber noch zu.

Hirsch, ich Dilettant würde mal sagen: Roastbeef vom Geweihten, mit Sellerie und Wildkräutersalat. Sehr, sehr schön, auch dafür lohnt sich die Wartezeit. Danach komm ich um eine kleine Portion Paprikakutteln vom Kalb mit Serviettenknödeln und Liebstöckel nicht herum. Die brauchen zum Glück auch wieder eine Zeit und sind dann auch noch ziemlich gut. Ich finde zwar, dass sie mehr nach Orange denn nach Paprika schmeckten, aber Schmecken war ja schon über Jahre ganz gegen den Kolumnentitel nicht meine Stärke. Warum sollte sie also hier, noch dazu so abgelenkt?

Meine Birne weihnachtet sehr

Gang drei wieder sehr schön: Rehpfeffer! Da senke ich dann doch endlich meinen starren Blick, der leider offenbar nur wirkt wie: Wollen Sie denn schon wieder was bestellen?. - Ein Gericht auf vier Tazerln (schreibt man die so, wenn man's denn unbedingt schreiben will?), die sollte man schon im Auge behalten, um einigermaßen unfallfrei zu essen. Ich will gerade jetzt den Eindruck vermeiden, ich könnte nicht einmal koordiniert mit Messer und Gabel, Spätzle und Reh umgehen. Auch wenn es gerade jetzt besonders schwer fällt, sich darauf zu konzentrieren.

Versuchen wirs: Die Graumohnspätzle fein, die "Pfefferbirne" ungemein weihnachtlich (bei Hornbach stehen ja auch schon im Sommer die Weihnachtsdekos), die Preiselbeeren brauch ich nicht so, aber eh auch gut, und der Rehpfeffer teils kernig, aber wirklich eine Freude.

Leider esse ich ja kein Dessert (die Tortengalerie im Eingangsbereich des neuen Artner lässt Kinderaugen leuchten), und Espresso geht blöderweise sehr, sehr schnell. Leider keine Ausrede mehr, zu bleiben und zu schauen. Aber Lainzer Herbstwald ist ja irgendwie auch sehr schön.

Vegetarier-Suchspiel

Das Artner in der Hermesvilla passt übrigens ziemlich gut in die ersten Jahre Schmecks: Auf der Speisekarte der Hermesvilla findet sich, von den Mehlspeisen einmal abgesehen, kein einziges vegetarisches Gericht. Hoppla, pardon, doch eins: Frischkäsetascherl mit Haselnussbutter und Spinat. Leider erst nach dem Ausgang des Lainzer Tiergartens entdeckt. Eigentlich ein guter Grund, es noch einmal vom Lainzer Tor zu probieren. Finden Sie nicht?

Hermesvilla, revisited

Nach diesem geradezu prophetischen, seither unveränderten Schluss beamen wir uns zurück in den August 2012. Der Lainzer Tiergarten noch immer sehr schön, die Hermesvilla auch, und die Terrasse ist jetzt auch offen, mit einer eigenen mobilen Schank im Trailer, der baumschattigere Teil leider auch diesmal weitgehend gesperrt.

Die innere Schönheit dafür weg, jedenfalls an dem Wochentag nicht wahrnehmbar. Dafür seh ich auf den ersten Blick gleich fünf vegetarische Gerichte auf der Karte: Jetzt, wo ich sie nicht mehr brauch, für's erste jedenfalls, was weiß man schon. 

Aber der Fidler entscheidet sich für was Leichtes, bei jenseits 30 Grad im Schatten und verkürztem Anmarsch über das nächstliegende Tor: Beef Tatare also, und danach ein Wildschweinragout. Wo, wenn nicht im für Keiler und Bachen bekannten Lainzer Tiergarten?

Reine Kroketterie

Die lieben Tiere, so sie aus dem Umland stammen,  bewegen sich offenkundig nicht wirklich ambitioniert und stehen gut im Futter. Nun braucht ein Ragout durchaus keine Marathonfigur, im Gegenteil, aber mir waren die Stücke dann doch ein bisserl zu fett. Vielleicht war's doch eine Spur zu heiß, Boba Fidler, bist ja sonst nicht so heikel. Im Gegenteil.

Dass ich dann neben einem Häufchen Fett auch noch viele Kroketten ließ, machte meinen eh auch feschen Speisenbetreuer  zweifeln, ob's mir denn nicht geschmeckt hat. Ich bin halt nicht so der Krokettentyp. Gibt's eigentlich Menschen, die sich die in Handarbeit antun? Würde mich interessieren, wie die daherkommen.

Senf-Rahm

Und das rohe Rind? Versteckte sich, wiewohl kein Grund zum Schämen, unter einer ordentlichen Schicht Grana-Späne, Rucola, und an einem See von "Senf-Rahm", wie ich zum Glück noch der Karte entnehme, bevor ich über mayonnaisig-senfige Begleitung schwadroniere. Das Fleisch war durchaus okay.

Was Sie natürlich wussten, ich aber ebenso natürlich verpasst, wiewohl schon vor dem Besuch geahnt habe: Kammlander ist längst wieder weg. Zuletzt sichteten ihn mir namentlich bekannte Profi-Esser bei Wein & Co, wo er Christian Petz' Kreationen umsetzt.

Das Bries im Fuß

Womit ich zum Schluss, Kurve gekratzt, doch noch einmal richtig Schwein haben darf, beim Petz, auf dem Badeschiff. Der servierte unlängst (zum Beispiel nach wunderbaren Paprikakutteln mit Hendlherzen und seiner wundervollen Interpretation des Milzstrudels)  gefüllten Schweinsfuß, unter anderem mit Bries nämlich, wenn ich mich recht erinnere. Der Fuß kommt genauso auf den Tisch, wie er heißt. Nichts für schwache Nerven.

Ich Dilettant war ja wieder einmal nicht ganz sicher, wieviel davon ich vom Fuß verputze, und wegen schweren Seegangs am Vorabend ein bisschen vorsichtiger bei der Sache. Aber was ich drinnen fand: Holy Moly! Schon schön, wenn's mal länger hält. (Harald Fidler, derStandard.at, 21.08.2012)

 

Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

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