Der FC Bayern, die Juden, die Nazis, die Schickeria

16. Oktober 2011, 19:30
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Das deutsche "Fußballbuch des Jahres" entdeckt weiße und braune Flecken in der Klubgeschichte der Münchner, erzählt aus Pioniertagen und erweist dem "Donaufußball" aus Wien und Budapest Reverenz.

Gleich drei verdrängte Phasen aus der Geschichte des Rekordmeisters holt das deutsche "Fußballbuch des Jahres" ans Licht: warum der FC Bayern, wie auch andere Vereine, ab Entstehung als "Judenklub" galt und wie man sich dann den Nazis an den Hals warf. Und wie man später, von 1945 bis fast heute, Gras über die Geschichte wachsen ließ und wenig gegen die Rückkehr des Rassismus auf den Fußballplatz tat.

Um 1900 galt Fußball den Deutschen wie alle englischen "Sports" als modern, lässig und fair, ganz im Gegensatz zu den zackigen Leibesübungen nach Turnvater Jahn. Deutschnationale Turnvereine nahmen nur "Arier" auf, während liberale Fußballklubs allen offenstanden, schreibt Dietrich Schulze-Marmeling in seinem Buch "Der FC Bayern und seine Juden".

Schwabinger Bohemiens

Der Münchner Klub zog zunächst vor allem Schwabinger Bohemiens aus dem Umfeld der Künstlergruppe "Der blaue Reiter" an; einige Spieler, aber auch Vereinsobmann Kurt Landauer, kamen aus jüdischen Familien. Als "Judenklub" wurde der FC Bayern, wie etwa auch Eintracht Frankfurt oder die Wiener Austria, nur von außen bezeichnet. Allerdings habe es damals zwei erfolgreiche, auch im eigenen Verständnis jüdische Mannschaften gegeben: Hakoah Wien und Makkabi Brünn, sagte der Autor bei der Präsentation seiner Arbeit auf der Frankfurter Buchmesse.

In ihrem weltoffenen Selbstverständnis traten die bayrischen Fußballpioniere gern gegen ausländische Vereine an und unterlagen regelmäßig Wiener und Budapester Teams. Besonders folgenreich war die 1: 7-Niederlage, die MTK Budapest am 27. Juli 1919 den Bayern in München zufügte. Es war ein Lehrspiel im "Donaufußball" mit kurzen, flachen Pässen und elegant in Stellung laufenden Spielern im weißen Dress.

Der in Wien und Budapest gepflegte Stil wurzelte in Schottland, wo er wegen der oft regennassen Fußballplätze unplatzierten Weitschüssen vorgezogen wurde, während die Engländer damals noch den Hau-drauf-Fußball des "kick and rush" pflegten, schreibt Schulze-Marmeling.

1930 engagierte Landauer einen Trainer aus Budapest, der den FC Bayern an die Spitze führte: Richard Dombi, der ebenfalls jüdisch war. "Little" Dombi hatte vor seiner Budapester Zeit für den Wiener WAC gespielt. Im historischen Match gegen den ASC Sunderland schoss er 1909 das Siegestor zum 2:1, dem ersten kontinentalen Erfolg gegen ein britisches Profiteam überhaupt.

In München beeindruckte Dombi auch mit Ernährungsvorschriften und psychologischer Betreuung für die Spieler. Im Juni 1932 gewann der von Dombi gecoachte FC Bayern mit einem Sieg über die Frankfurter Eintracht erstmals die deutsche Meisterschaft. Wenige Monate später kam Adolf Hitler an die Macht, und die süddeutschen Vereine boten den Nazis gleich ihre Mitarbeit an; jüdische Spieler und Funktionäre verschwanden aus dem Blickfeld.

Präsident Landauer und weitere Vereinsmitglieder wurden im November 1938 ins KZ Dachau verschleppt. Landauer kam nach vier Wochen wieder frei und flüchtete in die Schweiz. Dombi überlebte den Holocaust auf einer Irrfahrt quer durch Europa und trainierte nach dem Krieg den Verein Feyenoord Rotterdam.

Landauer kehrte nach dem Ende der Nazidiktatur zurück zum FC Bayern, der in seinen Festschriften und Vereinsnachrichten die Vergangenheit fortan schweigend überging. So blieb es auch, als der Klub Ende der 1960er-Jahre mit Beckenbauer und Co zur Weltklasse aufstieg. Erst 2009, zum 125. Geburtstag Landauers, gab es in Dachau eine Ehrung für ihn, an der auch Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge teilnahm.

Da hatten die Ultras unter den Bayern-Fans, die sich als "Schickeria" bezeichnen, schon seit 2002 Vorarbeit geleistet. Gegen aufkommenden Fremdenhass organisierten sie antirassistische Turniere, luden Flüchtlinge ins Stadion ein und wandten sich gegen Homophobie im Fußball.

Er habe Vorbehalte zur Ultras-Ideologie, sagt Schulze-Marmeling, aber dafür verdiene die "Schickeria großen Respekt". Von offizieller Vereinsseite habe er auf seine Fragen zur Geschichte nie eine Antwort erhalten.

Eine Niederlage als Weckruf: Der FC Bayern ging am 27. Juli 1919 gegen MTK Budapest mit 1:7 unter. Die in der Presse gefeierte "wunderbare Spieltechnik" der Ungarn wurde Vorbild. (Erhard Stackl aus Frankfurt, DER STANDARD Printausgabe 17.10.2011)

  • Dietrich Schulze-Marmeling: "Der FC Bayern und seine Juden". Verlag Die Werkstatt, Göttingen 272 Seiten, 15,40 Euro
    foto: stadtarchiv münchen

    Dietrich Schulze-Marmeling: "Der FC Bayern und seine Juden". Verlag Die Werkstatt, Göttingen 272 Seiten, 15,40 Euro

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