Das deutsche "Fußballbuch des Jahres" entdeckt weiße und braune Flecken in der Klubgeschichte der Münchner, erzählt aus Pioniertagen und erweist dem "Donaufußball" aus Wien und Budapest Reverenz.
Gleich drei verdrängte Phasen aus der Geschichte des Rekordmeisters holt
das deutsche "Fußballbuch des Jahres" ans Licht: warum der FC Bayern,
wie auch andere Vereine, ab Entstehung als "Judenklub" galt und wie man
sich dann den Nazis an den Hals warf. Und wie man später, von 1945 bis
fast heute, Gras über die Geschichte wachsen ließ und wenig gegen die
Rückkehr des Rassismus auf den Fußballplatz tat.
Um 1900 galt Fußball den Deutschen wie alle englischen "Sports" als
modern, lässig und fair, ganz im Gegensatz zu den zackigen Leibesübungen
nach Turnvater Jahn. Deutschnationale Turnvereine nahmen nur "Arier"
auf, während liberale Fußballklubs allen offenstanden, schreibt Dietrich
Schulze-Marmeling in seinem Buch "Der FC Bayern und seine Juden".
Schwabinger Bohemiens
Der Münchner Klub zog zunächst vor allem Schwabinger Bohemiens aus dem
Umfeld der Künstlergruppe "Der blaue Reiter" an; einige Spieler, aber
auch Vereinsobmann Kurt Landauer, kamen aus jüdischen Familien. Als
"Judenklub" wurde der FC Bayern, wie etwa auch Eintracht Frankfurt oder
die Wiener Austria, nur von außen bezeichnet. Allerdings habe es damals
zwei erfolgreiche, auch im eigenen Verständnis jüdische Mannschaften
gegeben: Hakoah Wien und Makkabi Brünn, sagte der Autor bei der
Präsentation seiner Arbeit auf der Frankfurter Buchmesse.
In ihrem weltoffenen Selbstverständnis traten die bayrischen
Fußballpioniere gern gegen ausländische Vereine an und unterlagen
regelmäßig Wiener und Budapester Teams. Besonders folgenreich war die 1:
7-Niederlage, die MTK Budapest am 27. Juli 1919 den Bayern in München
zufügte. Es war ein Lehrspiel im "Donaufußball" mit kurzen, flachen
Pässen und elegant in Stellung laufenden Spielern im weißen Dress.
Der in Wien und Budapest gepflegte Stil wurzelte in Schottland, wo er
wegen der oft regennassen Fußballplätze unplatzierten Weitschüssen
vorgezogen wurde, während die Engländer damals noch den
Hau-drauf-Fußball des "kick and rush" pflegten, schreibt
Schulze-Marmeling.
1930 engagierte Landauer einen Trainer aus Budapest, der den FC Bayern
an die Spitze führte: Richard Dombi, der ebenfalls jüdisch war. "Little"
Dombi hatte vor seiner Budapester Zeit für den Wiener WAC gespielt. Im
historischen Match gegen den ASC Sunderland schoss er 1909 das Siegestor
zum 2:1, dem ersten kontinentalen Erfolg gegen ein britisches Profiteam
überhaupt.
In München beeindruckte Dombi auch mit Ernährungsvorschriften und
psychologischer Betreuung für die Spieler. Im Juni 1932 gewann der von
Dombi gecoachte FC Bayern mit einem Sieg über die Frankfurter Eintracht
erstmals die deutsche Meisterschaft. Wenige Monate später kam Adolf
Hitler an die Macht, und die süddeutschen Vereine boten den Nazis gleich
ihre Mitarbeit an; jüdische Spieler und Funktionäre verschwanden aus dem
Blickfeld.
Präsident Landauer und weitere Vereinsmitglieder wurden im November 1938
ins KZ Dachau verschleppt. Landauer kam nach vier Wochen wieder frei und
flüchtete in die Schweiz. Dombi überlebte den Holocaust auf einer
Irrfahrt quer durch Europa und trainierte nach dem Krieg den Verein
Feyenoord Rotterdam.
Landauer kehrte nach dem Ende der Nazidiktatur zurück zum FC Bayern, der
in seinen Festschriften und Vereinsnachrichten die Vergangenheit fortan
schweigend überging. So blieb es auch, als der Klub Ende der
1960er-Jahre mit Beckenbauer und Co zur Weltklasse aufstieg. Erst 2009,
zum 125. Geburtstag Landauers, gab es in Dachau eine Ehrung für ihn, an
der auch Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge teilnahm.
Da hatten die Ultras unter den Bayern-Fans, die sich als "Schickeria"
bezeichnen, schon seit 2002 Vorarbeit geleistet. Gegen aufkommenden
Fremdenhass organisierten sie antirassistische Turniere, luden
Flüchtlinge ins Stadion ein und wandten sich gegen Homophobie im
Fußball.
Er habe Vorbehalte zur Ultras-Ideologie, sagt Schulze-Marmeling, aber
dafür verdiene die "Schickeria großen Respekt". Von offizieller
Vereinsseite habe er auf seine Fragen zur Geschichte nie eine Antwort
erhalten.
Eine Niederlage als Weckruf: Der FC Bayern ging am 27. Juli 1919 gegen
MTK Budapest mit 1:7 unter. Die in der Presse gefeierte "wunderbare
Spieltechnik" der Ungarn wurde Vorbild. (Erhard Stackl aus Frankfurt, DER STANDARD Printausgabe 17.10.2011)