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Dietrich Schulze-Marmeling: "Der FC Bayern und seine Juden". Verlag Die Werkstatt, Göttingen 272 Seiten, 15,40 Euro
Gleich drei verdrängte Phasen aus der Geschichte des Rekordmeisters holt das deutsche "Fußballbuch des Jahres" ans Licht: warum der FC Bayern, wie auch andere Vereine, ab Entstehung als "Judenklub" galt und wie man sich dann den Nazis an den Hals warf. Und wie man später, von 1945 bis fast heute, Gras über die Geschichte wachsen ließ und wenig gegen die Rückkehr des Rassismus auf den Fußballplatz tat.
Um 1900 galt Fußball den Deutschen wie alle englischen "Sports" als modern, lässig und fair, ganz im Gegensatz zu den zackigen Leibesübungen nach Turnvater Jahn. Deutschnationale Turnvereine nahmen nur "Arier" auf, während liberale Fußballklubs allen offenstanden, schreibt Dietrich Schulze-Marmeling in seinem Buch "Der FC Bayern und seine Juden".
Schwabinger Bohemiens
Der Münchner Klub zog zunächst vor allem Schwabinger Bohemiens aus dem Umfeld der Künstlergruppe "Der blaue Reiter" an; einige Spieler, aber auch Vereinsobmann Kurt Landauer, kamen aus jüdischen Familien. Als "Judenklub" wurde der FC Bayern, wie etwa auch Eintracht Frankfurt oder die Wiener Austria, nur von außen bezeichnet. Allerdings habe es damals zwei erfolgreiche, auch im eigenen Verständnis jüdische Mannschaften gegeben: Hakoah Wien und Makkabi Brünn, sagte der Autor bei der Präsentation seiner Arbeit auf der Frankfurter Buchmesse.
In ihrem weltoffenen Selbstverständnis traten die bayrischen Fußballpioniere gern gegen ausländische Vereine an und unterlagen regelmäßig Wiener und Budapester Teams. Besonders folgenreich war die 1: 7-Niederlage, die MTK Budapest am 27. Juli 1919 den Bayern in München zufügte. Es war ein Lehrspiel im "Donaufußball" mit kurzen, flachen Pässen und elegant in Stellung laufenden Spielern im weißen Dress.
Der in Wien und Budapest gepflegte Stil wurzelte in Schottland, wo er wegen der oft regennassen Fußballplätze unplatzierten Weitschüssen vorgezogen wurde, während die Engländer damals noch den Hau-drauf-Fußball des "kick and rush" pflegten, schreibt Schulze-Marmeling.
1930 engagierte Landauer einen Trainer aus Budapest, der den FC Bayern an die Spitze führte: Richard Dombi, der ebenfalls jüdisch war. "Little" Dombi hatte vor seiner Budapester Zeit für den Wiener WAC gespielt. Im historischen Match gegen den ASC Sunderland schoss er 1909 das Siegestor zum 2:1, dem ersten kontinentalen Erfolg gegen ein britisches Profiteam überhaupt.
In München beeindruckte Dombi auch mit Ernährungsvorschriften und psychologischer Betreuung für die Spieler. Im Juni 1932 gewann der von Dombi gecoachte FC Bayern mit einem Sieg über die Frankfurter Eintracht erstmals die deutsche Meisterschaft. Wenige Monate später kam Adolf Hitler an die Macht, und die süddeutschen Vereine boten den Nazis gleich ihre Mitarbeit an; jüdische Spieler und Funktionäre verschwanden aus dem Blickfeld.
Präsident Landauer und weitere Vereinsmitglieder wurden im November 1938 ins KZ Dachau verschleppt. Landauer kam nach vier Wochen wieder frei und flüchtete in die Schweiz. Dombi überlebte den Holocaust auf einer Irrfahrt quer durch Europa und trainierte nach dem Krieg den Verein Feyenoord Rotterdam.
Landauer kehrte nach dem Ende der Nazidiktatur zurück zum FC Bayern, der in seinen Festschriften und Vereinsnachrichten die Vergangenheit fortan schweigend überging. So blieb es auch, als der Klub Ende der 1960er-Jahre mit Beckenbauer und Co zur Weltklasse aufstieg. Erst 2009, zum 125. Geburtstag Landauers, gab es in Dachau eine Ehrung für ihn, an der auch Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge teilnahm.
Da hatten die Ultras unter den Bayern-Fans, die sich als "Schickeria" bezeichnen, schon seit 2002 Vorarbeit geleistet. Gegen aufkommenden Fremdenhass organisierten sie antirassistische Turniere, luden Flüchtlinge ins Stadion ein und wandten sich gegen Homophobie im Fußball.
Er habe Vorbehalte zur Ultras-Ideologie, sagt Schulze-Marmeling, aber dafür verdiene die "Schickeria großen Respekt". Von offizieller Vereinsseite habe er auf seine Fragen zur Geschichte nie eine Antwort erhalten.
Eine Niederlage als Weckruf: Der FC Bayern ging am 27. Juli 1919 gegen MTK Budapest mit 1:7 unter. Die in der Presse gefeierte "wunderbare Spieltechnik" der Ungarn wurde Vorbild. (Erhard Stackl aus Frankfurt, DER STANDARD Printausgabe 17.10.2011)
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Ja, der FC Bayern findet sich unter den Unterzeichnern der "Erklärung der süddeutschen Vereine", die Sie oben erwähnen, und diese Erklärung ist zwar schlimm genug, Sie unterschlagen aber den Satz "Allerdings ist das Zustandekommen dieser blamablen Manifestation nicht näher bekannt."
Außerdem wird sie vom Autor selbst offensichtlich nicht als so zentral eingeschätzt, dass er sie zB in seine Zusammenfassung aufnimmt.
Sie picken sich also einen symbolträchtigen – negativen – Punkt heraus, lassen ihn fürs Ganze stehen (nämlich für den Umgang des FC Bayern mit seinen Juden im Nationalsozialismus) und versäumen es damit, ein ausgewogenes Bild herzustellen.
"Die Jahre des Nationalsozialismus waren geprägt von einem Ringen zwischen Mitgliedern, die den Klub politisch »auf Linie« bringen wollten, sowie solchen, die sich dem FC Bayern der Zeit vor 1933 verpflichtet fühlten und seine Politisierung zu bremsen suchten."
Wobei letztere – trotz der politischen Machtverhältnisse in Deutschland – sehr lange Zeit ein Übergewicht behalten konnten (siehe Zitat unten)!
"Anders als zum Beispiel in der DFB-Führung gab es beim FC Bayern wohl tatsächlich Menschen, die den Klub auf größtmögliche Distanz zum Regime halten wollten, … und die ihre ehemaligen jüdischen Mitstreiter nicht im Stich ließen"
"Die Nazis blieben dem FC Bayern gegenüber bis zum Schluss skeptisch bis ablehnend."
"Am 9. April 1943 (sic!) wurde mit dem Bankier Josef Sauter erstmals ein überzeugter Nationalsozialist an die Spitze des Clubs gehievt."
"Elf Jahre nachdem Kurt Landauer sein Amt als Präsident … niedergelegt hatte, und fünf Jahre nach seiner Flucht in die Schweiz war für die Nazis noch immer Kurt Landauer – und nicht Parteigenosse Sauter – die prägende Figur des FC Bayern."
woher die Diskrepanz kommt zwischen Ihrem Artikel und dem, was der Buchautor noch 2003 geschrieben hat und was bspw in der Zeit steht. Ich habe den Verdacht der Voreingenommenheit geäußert, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass die Erkenntnisse des Autors sich so diametral geändert haben ohne dass das auch außerhalb des Buches kommuniziert worden wäre.
Vielleicht können Sie mir diese Diskrepanz noch erklären. Danke.
Die Frage, ob der Autor seine Meinung in den letzten Jahren geändert hat, kann nur er selbst beantworten. Schulze-Marmeling sagte am Samstag in Frankfurt jedenfalls, das vor seinen jüngsten Recherchen viel Beschönigendes verbreitet worden ist. Ein Vorschlag: Das neue Buch selber lesen.
Ich werde das Buch mit Sicherheit lesen, mal sehen ob ich dann das selbe herauslese wie Sie.
Es bleibt ein fahler Beigeschmack aufgrund Ihrer seltsamen Formulierung/Verkürzung mit den "süddeutschen Vereinen" und der ebenso seltsamen Auswahl des Zitats aus dem "Zeit" Artikel in Ihrem Posting.
wenn ein Österreicher den Deutschen Vergangenheitsbewältigung lehren will, dann geht bei mir, wie man in Wien sagt, regelmäßig das Geimpfte auf! Oder um Liebermann zu zitieren: "Ick kann gar nischt so viele fressen, wie ick kotzen möchte!" Über 40 Jahre bestand der österreichische Widerstand und die folgende Vergangenheitsbewältigung aus dem Satz: "Scheiß-Piefke". Nachdem dieser Schmäh nirgendwo mehr gezogen hat, versucht man es jetzt mit Sachen à la Stackl. Man macht dröhnend auf die Splitter in den Augen der nach wie vor "Scheiß-Piefke" aufmerksam. Beim Balken im eigenen Auge gilt: "Net amoi ignorieren!"
Warum die Aufregung? Ich habe über ein Buch geschrieben, das ein Deutscher über einen deutschen Verein verfasst hat und in dem auch Wien und Budapest vorkommen. Ich würde gern solch ein genau recherchiertes und gut geschriebenes Buch auch zur österreichischen Sportgeschichte lesen.
oben schreiben, daß Sie ein eben so geschriebenes Buch über einen österreichischen Verein gerne hätten und dann nicht wissen, daß über Rapid ein solches Werk bereits seit fast einem Jahr vorliegt - das erinnert an Ignoranz.
Ja, ja, wir wissen alle, daß der FC Bayern seit einigen Jahren im deutschen Sprachraum das Maß aller Dinge ist, aber das jetzt gar so neue Buch über den FC Bayern so loben - tja, s. o.
In Göttingen gibt es den Verlag "Die Werkstatt", der einiges an Sportgeschichtlichem herausbrachte. Mal dort nachschauen. Dort erschien auch von Schulze-Marmeling "Davidstern und Lederball", in dem auch einiges über den FC Bayern enthalten ist.
Gruß
Ja, ich besitze den Katalog und habe auch einige Werkstatt-Bücher in der Hand gehabt. "Davidstern und Lederball" scheint das erste zu dieser Thematik gewesen zu sein. Es gibt auch, von einem anderen Autor, einen Band zur Eintracht Frankfurt. Das Rapid-Buch kannte ich nicht, sorry.
Der Autor will offensichtlich den Eindruck erwecken, dass der FC Bayern einer dieser süddeutschen Vereine gewesen sei, die den Nazis ihre Mitarbeit anboten. Das Gegenteil ist der Fall: der Rückzug der jüdischen Funktionäre war erzwungen, der Club wurde schlicht arisiert. Zitat Schulze-Marmeling: "Die Machtergreifung der Nazis bedeutete für den bürgerlichen FC Bayern einen härteren Schlag als für so manchen ehemals "roten" Arbeiterverein" (aus: Schulze-Marmeling, "die Bayern").
Es ist mir unbegreiflich, warum der Artikel ausgerechnet diesen zentralen Punkt so verkürzt, dass solch eine Geschichtsfälschung herauskommt. Das lässt doch Zweifel aufkommen, ob der Autor das Buch überhaupt gelesen hat.
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