Tunesien: Die Qual der Wahl

Blog16. Oktober 2011, 19:07
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Die Tunesier stehen bei den ersten freien Wahlen einem Überangebot an Parteien gegenüber

In Ezzahra, südlich der Hauptstadt Tunis - wo das Foto entstand - haben die Wähler Glück. Hier treten nur 66 Parteien und unabhängige Gruppierungen zur Wahl zur verfassungsgebenden Versammlung am kommenden Sonntag, dem 23. Oktober, an. Im ganzen Land sind es viel, viel mehr. Insgesamt wurden in Tunesien 111 Parteien zugelassen. In manchen Orten kandidieren bis zu 92 Listen. Im ganzen Land kommen so 1.428 Listen zusammen auf denen paritätisch - so will es das neue Wahlgesetz - insgesamt 10.937 Männer und Frauen stehen. Rund zwei Drittel der Listen stammen von Parteien, der Rest von freien Wählervereinigungen. Vergeben werden 217 Sitze in der verfassungsgebenden Versammlung. 199 werden im Inland gewählt, 18 von der tunesischen Diaspora überall auf der Welt. Auch sie haben die Wahl zwischen 150 Listen in sechs Auslandswahlbezirken.

Trotz des neuen Windes führen nur 292 Frauen ihre jeweilige Liste an. Bei der islamistischen Ennahda ist es eine Frau, bei der Demokratischen Fortschrittspartei sind es drei - eine davon ist die Generalsekretärin der Partei, Maya Jribi. Sie ist die einzige Frau, die einer großen Partei in ihrem Lande vorsteht. (Und im gesamten Maghreb gibt es nur eine weitere Frau, Louisa Hanoune von der algerischen Arbeiterpartei (PTA).)

Nur das Linksbündnis Demokratisch Modernistischer Pol hat es geschafft, dass die Hälfte der Listen von Frauen angeführt werden. Diese Unterbesetzung des weiblichen Geschlechts wird wohl dazu führen, dass trotz paritätischer Listen letztendlich nur eine kleine Minderheit von Frauen in der verfassungsgebenden Versammlung sitzen wird.

Wenn wundert es bei diesem Überangebot an Kandidaturen, dass auch wenige Tage vor dem Urnengang viele der Befragten Tunesier und Tunesierinnen zur Antwort geben, sie hätten sich noch immer nicht entschieden, ob sie zur Wahl gehen, und für wen sie stimmen. Die tunesischen Apotheker können sich freuen. Sie dürften dieser Tage mehr Aspirin verkaufen denn je.

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    foto: reiner wandler
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