Griechen suchen im Wettbüro ihr Glück

16. Oktober 2011, 17:51
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Wettanbieter Opap zahlt dem Staat 935 Millionen für Lizenz­verlängerungen. Der gemeine Grieche spielt, um höhere Rechnungen zu zahlen

Alle fünf Minuten steht Griechenland für einen Moment still. Dann kugeln die Zahlen über den Bildschirm, und die nächste Ziehung von "Kino", dem hiesigen Bingo-Spiel, steht fest. So geht das von morgens bis abends in den Wettbüros des Landes. "Ich habe das Geld nicht nötig, aber andere schon", sagt Konstantinos Tzigos, ein ehemaliger Bauunternehmer. "Sie spielen unvorsichtig und machen Schulden." Ein bisschen so, wie der griechische Staat in früheren Jahren.

Tzigos spielt seit 1959, seit es das mittlerweile halbstaatliche Wettunternehmen Opap gibt. Zehn Euro pro Einsatz zahlt er, 30 Euro in der Woche. "Aber ich habe auch 1000 Euro innerhalb von zwei Wochen zurückbekommen", rechtfertigt sich der Pensionist. Auch jetzt in der Wirtschaftskrise lässt die Spielernation nicht von den Wettbüros der Opap. Nicht wenige versuchen, beim "Kino" ein wenig Geld für die Stromrechnung zu gewinnen. Die kann man praktischerweise gleich im Opap-Büro bezahlen.

30.000 Euro hat einer schon einmal hier, in der kleinen Filiale am Varnava-Platz im Athener Stadtteil Pagrati, beim "Kino" eingestrichen. Das sagt Mary Milana, eine Angestellte, die selbst nicht vom Zocken lassen kann. "Nur fünf Zahlen und eng nebeneinander", empfiehlt sie.

Opap gewinnt immer

Am Ende gewinnt aber immer Opap, Europas größtes Wettunternehmen. Fünf Milliarden Euro Einnahmen hatte das Unternehmen im vergangenen Jahr. Für die Verlängerung der Lizenz von 2020 bis 2030 und neue Lotteriemaschinen wird Opap dem griechischen Staat insgesamt 935 Millionen Euro zahlen. Es ist neben einem Teilverkauf der Telefongesellschaft OTE an die deutsche Telekom für 400 Millionen Euro der bisher einzige Erfolg der Regierung bei der "Privatisierung". Im kommenden Jahr will sich der Staat dann tatsächlich weitgehend von seinem 34-Prozent-Anteil bei Opap trennen.

Warum sich Opap jetzt schon um die Lizenz im nächsten Jahrzehnt sorgte, dafür gibt es einen einfachen Grund: die Verzweiflung der Regierung. Sie sucht dringend Geld, um das Defizit zu stopfen. Vier Milliarden Euro will sie noch bis Jahresende durch Privatisierungen einnehmen. "Es war ein sehr gutes Geschäft, sagt George Koralis, ein Opap-Manager, dem Standard. Die Zeit sei jetzt günstig gewesen.

In Wahrheit aber kann sich auch das Wettunternehmen nicht der Krise entziehen. Seit Mai hat Opap an der Athener Börse die Hälfte seines Werts verloren. Dazu haben die Konkurrenten Anfang Oktober Beschwerde bei der EU-Kommission eingelegt wegen wettbewerbsverzerrender Begünstigungen durch die griechische Regierung: Opap wird Video-Lotteriemaschinen aufstellen, für die es große Steuerbefreiungen erhält. Die Regierung will mit der Spielsucht der Griechen Geld für die Sanierung der Staatsfinanzen auftreiben.

Im Wettbüro am Varnava-Platz sitzt häufig auch ein junger Anwalt und füllt Scheine für Fußballspiele aus. "Panestigmo" - "Wetten wir" - ist das zweitbeliebteste Spiel der Griechen nach "Kino". 70 bis 100 Euro in der Woche lässt der Anwalt in der Opap-Filiale. "Ich bezahle alle meine Verpflichtungen, die Miete, den Strom. Dann spiele ich." "Pathos" nennt er das, seine "Leidenschaft". Beim Fußball gehe es aber um Überlegung, nicht einfach nur um Glück. Das brauchen die anderen, die ihre Rechnungen nicht mehr zahlen können. "Wenn jemand 30 Euro übrig hat, geht er hierher."

Neue Streikwelle

Das Glücksspiel kann die Auswirkung des Sparkurses der Regierung aber nicht wettmachen. Erneut sind für diese Woche massive Streiks geplant. Arbeitsniederlegungen soll es bei Fähren, Flugverkehr, Behörden und öffentlichem Verkehr geben.

Trotz Sparprogramms lassen sich die Griechen nicht vom Besuch von Wettbüros abhalten. Nicht wenige versuchen hier, ein wenig Geld für die Stromrechnung zu gewinnen.(Markus Bernrath aus Athen, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 17.10.2011)

  • Trotz Sparprogramms lassen sich die Griechen nicht vom Besuch von Wettbüros abhalten. Nicht wenige versuchen hier, ein wenig Geld für die Stromrechnung zu gewinnen.
    foto: bernrath

    Trotz Sparprogramms lassen sich die Griechen nicht vom Besuch von Wettbüros abhalten. Nicht wenige versuchen hier, ein wenig Geld für die Stromrechnung zu gewinnen.

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