Keine Frage der Architektur, sondern der Einstellung

17. Oktober 2011, 14:04
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"Hochzeit von Print und Digital" gegen "Zwei-Marken-Strategie": Beispiele und Vor- und Nachteile von gemeinsamen Newsrooms

"Konvergenz ist nicht das Ende des Drucks, sondern die Hochzeit von Print und Digital": Roberto Pombo ist Chefradakteur der kolumbianischen Zeitung "El Tiempo". Das Medienunternehmen Casa Editorial El Tiempo ist im Print, TV, Online-Bereich tätig und gilt als eines der Vorzeigeprojekte für den integrierten Newsroom.

In den vergangenen Jahren hat "El Tiempo" die verschiedenen Redaktionen zusammengeführt, jetzt sitzen rund 80 Prozent der Journalisten in einem einzigen Newsroom, erzählt er beim World Editors Forum in Wien. Eine gemeinsame Datenbank ist dabei das Herzstück, eine interne Nachrichtenagentur sozusagen. "Jeder Journalist überlegt, was er schreiben will. Die Inhalte werden über diese Plattform hochgeladen, dort kommen auch Infos von UserInnen hinzu ". Pombo: "Alles wird dort zusammengeführt, das ist unsere Strategie." Diese Inhalte werden dann für die verschiedenen Medienkanäle adaptiert. 

Mehr Vielfalt, mehr Optionen

Diese Entwicklung zum integrierten Newsroom gehe freilich nicht von heute auf morgen, es habe Jahre gedauert bis diese Prozesse etabliert waren, viel in Weiterbildung der Journalisten investiert. Es gehe darum, Inhalte zu optimieren, Produkte und Kanäle effizienter zu nutzen. "Wir haben keine Mitarbeiter entlassen müssen, durch Integration und Konvergenz kann nicht gespart werden", betont Pombo. Im Gegenteil, es würden sich dadurch neue Verwaltungsstrukturen und neue Aufgaben ergeben. Ein integrierter Newsroom bedeute mehr Vielfalt und mehr Optionen.

"Nicht gleichzeitig Coca Cola und Sprite"

"Vorarlberg, a special place" schickt Christian Ortner vom Vorarlberger Medienhaus seiner Präsentation voraus. Sein Medienunternehmen hat sich gegen einen gemeinsamen Newsroom für Printjournalisten ("Vorarlberger Nachrichten") und Online-Redaktion (vol.at) entschieden und fährt weiter eine Zwei-Marken-Strategie. Getrennte Teams für getrennte Arbeiten, lautet seine These. Ortner: "Man kann nicht gleichzeitig für Coca Cola und Sprite arbeiten." 

Print und Online seien zwei Paar Schuhe mit verschiedenen Zielgruppen und unterschiedlichen Arbeitsweisen. "Zeitungen haben einen klaren Anfang und ein klares Ende", so Ortner. Im Gegensatz zu online, wo ständig aktualisiert wird. Bei Breaking News gelte freilich "Digital First", aber auch die Printausgabe brauche exklusive Inhalte. 

Aber natürlich nütze man auch beim Vorarlberger Medienhaus Synergien zwischen den Redaktionen und bediene sich der gegenseitigen Marketingkanäle. Rund 90 Prozent des Zeitungscontent sei auch Online zu finden, hier entscheidet die Onlineredaktion, was wo und wie postitioniert werde. Und umgekehrt würden Online-Journalisten auch die Printausgabe mit Berichten von lokalen Ereignissen oder Liveevents beliefern. Interne Konkurrenz sieht er durchaus positiv, dadurch würden ständig Verbesserungen stattfinden.

Eine Frage der Einstellung, nicht des Alters oder ...

"In einer integrierten Umgebung zu arbeiten ist keine Frage des Alters, sondern der Einstellung", ist Olalla Cernuda überzeugt. Sie arbeitet für das spanische Medienunternehmen ABC, dort wurde bereits ein gemeinsamer Newsroom etabliert. "Den Tausendsassa-Journalisten, der alles kann, den wollen wir nicht", sagt sie, "jeder soll das machen können, was er am besten kann." Dafür müsse man Bedingungen schaffen, in denen die Journalisten so arbeiten, dass ihre Inhalte in allen Kanälen publiziert werden können. Was es dazu brauche, seien Geduld und Fortbildungsmaßnahmen. Und es gehe auch darum, Mitarbeitern die Angst vor dieser Veränderung zu nehmen.

Im neuen Newsroom arbeiten jetzt "alte" und "neue" Journalisten zusammen, man sei jetzt effizienter, angepasst an die neue Struktur wurden die Arbeitszeiten. Seit der neuen multimedialen Strategie hätten sich die Zugriffe auf ABC verdreifacht. Den Arbeitsprozess eines Journalisten bei "Breaking News" beschreibt sie so: Die Nachricht werde zuerst via Handy gesendet und auf der Website publiziert, diese danach mit einigen Absätzen ergänzt und dann die Analyse und längere Version für die Printausgabe geschrieben.

... der Architektur

Architektur spiele bei integrierten Newsrooms zwar eine wichtige Rolle, das Entscheidende sei jedoch die Einstellung, sagt Paula Salovaara, sie ist Managing Editor bei Helsingin Sanomat in Finnland. Und diese Einstellung sei viel schwerer zu ändern als Räumliches. Natürlich finde mehr Austausch statt, wenn alle in einem Raum, einem Gebäude arbeiten. Generell appelliert sie an Journalisten, offener gegenüber diesen Veränderungen zu sein. Journalisten müssten als Produzenten für verschiedene Kanäle tätig sein.

"Gemeinsam als ein Team sind wir stärker"

Auch bei der norwegischen Shibsted Media Group ist man dabei, integrierte Newsrooms zu etablieren. Das sei die Antwort auf einen immer komplexeren Markt, auf das Verhalten der Nutzer und würde helfen mit einer klaren Marke aufzutreten und damit stärker zu werden, erklärt Bernt Olufsen von VG, der Tageszeitung der Gruppe. 2012 soll dort die Zusammenlegung von Print- und Onlineprozessen abgeschlossen sein. Alle Redakteure sollen auf einer Ebene arbeiten. Auch die Programmierer seien Teil des Redaktionsteams. "Gemeinsam als ein Team sind wir stärker", erklärt Olufsen, auch in Hinsicht auf mögliche Paid-Content-Pläne. Im Juli dieses Jahres war auch das VG-Verlagsgebäude von den Bomben-Anschlägen in Oslo betroffen, die Redakteure wurden evakuiert und in einem Hotel ein "integrierter Newsroom" eingerichtet, "eine Notwendigkeit um die Produktion aufrechtzuerhalten". (Astrid Ebenführer, derStandard.at, 17. Oktober 2011)

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