Löten wider die Tücke der Thermik

1. Juni 2003, 20:46
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Erstes bleifreies Elektrogerät ab Herbst im heimischen Handel

Claus Ruprechter vermutet, dass seine laufenden Umwelttechnologieforschungen weit reichende Auswirkungen auf Wirtschaft und Industrie haben werden. Der Projektmanager vom Kompetenzzentrum für Elektro(nik)altgeräte-Recycling und nachhaltige Produktentwicklung (Kerp) sucht gemeinsam mit der Industrie nach einem Weg für "bleifreies Löten". Was zunächst banal klingen mag, hat einen brisanten Hintergrund.

In der EU entstehen jährlich sechs Millionen Tonnen Abfall an Elektrogeräten, deren Schwermetalle ein Gesundheitsrisiko darstellen. Kein Elektrogerät, das keine Lötstellen hat - und bisher kein Löten ohne das giftige Blei (siehe oben). Laut EU-Verordnung dürfen die Mitgliedstaaten ab Juli 2006 keine Elektrogeräte mit Schwermetallen mehr in den Handel lassen.

"Die Schwierigkeit", sagt Ruprechter, "liegt darin, dass es mit einem Bleiersatz in den Lötpasten nicht getan ist." Dieser wurde bereits gefunden: eine Zinn-Kupfer-Legierung. "Die hat ähnliche Hafteigenschaften wie Blei." Aber einen um 30 Grad Celsius höheren Schmelzpunkt. Bisher wurden Temperaturen von 200 Grad verwendet - und zwar von automatisierten Industrieanlagen, die sich der neuen thermischen Herausforderung stellen müssen.

Auch Hersteller von Elektronikbauteilen (etwa Mikrochips) und Leiterplatten (auf denen die Bauteile zusammengelötet werden) müssten ihre bisher dafür verwendeten Metalle und Kunststoffe anpassen. "Nicht alle Materialien können mit Zinn-Kupfer gelötet werden und halten höhere Temperaturen aus."

Ruprechter ist dennoch zuversichtlich, über das laufende Umwelttechnologieprojekt von Kerp - einer außeruniversitären Wiener Forschungseinrichtung nach Richtlinien des Wirtschaftsministeriums, die mit Industrie- und Wissenschaftspartnern zusammenarbeitet - "noch diesen Herbst das erste bleifreie Elektrogerät auf den heimischen Markt zu bringen". Was für eines, will er nicht verraten. Die Projektkosten belaufen sich auf gut 90.000 Euro. (fei/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.6. 2003)

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