Das wissenschaftliche Was-ist-Was

1. Juni 2003, 20:39
posten

Die isotopische Signatur verschiedener Stoffe liefert eindeutige Hinweise auf deren Herkunft. Wer daran interessiert ist und in welchen Bereichen damit gearbeitet wird, erklärte Umweltforscher und Boku-Professor Martin Gerzabek im Gespräch mit Luzia Schrampf

STANDARD: Wie zeigt ein Isotop an, wo es herkommt?

Martin Gerzabek: Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Schwefel z. B., alles Elemente, die im Großen und Ganzen die lebende Materie ausmachen, haben verschiedene Atomarten (Isotope), die unterschiedlich schwer sind und die sich bei Prozessen in der Umwelt zwar weitgehend, aber nicht ganz gleich verhalten. Bei der Isotopenbestimmung werden mit einer hochspezialisierten Messung Veränderungen im geringsten Bereich festgestellt, aus denen man auf die Herkunft schließen kann.

STANDARD: Die Herkunft von Lebensmitteln verbindet man mit Aromencharakteristik. Spielt Aromenforschung bei der Isotopenbestimmung eine Rolle?

Gerzabek: Nicht ganz. Aromenforschung steht in Bezug auf Herkunftsbestimmung am Anfang. Bei der Frage, ob es sich um künstlichen oder natürlichen Aromastoff handelt, sind wir weiter. Wir stellen seit Jahren Echtheitszertifikate aus, zum Beispiel bei Milch und Milchprodukten. Aufgrund der Förderungsstrukturen der EU gibt es Möglichkeiten, diesen Rahmen entsprechend auszunützen, z. B. bei Butter, die aus der EU exportiert wird. Die Gefahr ist, dass der Differenzbetrag zum Weltmarktpreis lukriert, die Butter über begünstigte Länder reimportiert und zu EU-Preisen wieder verkauft wird.

STANDARD: Klingt nach Krimi.

Gerzabek: Wir befassen uns ständig mit kriminalistischen Fragen. Für die Vereinigung der Christbaumproduzenten, die sich selbst einen Ehrenkodex gegeben hat, arbeiten wir an einer Methodik, um Importholz nachzuweisen. Die Frage ist, ob ausländische Christbäume auch als solche deklariert werden.

STANDARD: Die Methode wird also in der Forensik eingesetzt?

Gerzabek: Und zwar zur Betrugsbekämpfung ganz allgemein. Partner sind u. a. die Kriminaltechnische Zentralstelle in Österreich, das Niederländische Forensische Institut, das Bundeskriminalamt Wiesbaden, auch das FBI-Forschungszentrum oder eine Universität in Australien. Es gibt z. B. eine ,Marble task': Bei Marmor herrschen enorme Preisunterschiede. Mögliche Falschdeklarationen sollen daher aufgedeckt werden. Es ist auch denkbar, die Herkunft von synthetischen Drogen aufgrund des Herstellungsprozesses nachzuvollziehen.

STANDARD: Wie ist das bei Weinanalysen?

Gerzabek: Das ist anders gelagert. Nach einer EU-Verordnung müssen alle Wein produzierenden Länder die isotopische Signatur im Wein feststellen. Seit vergangenem Jahr führen die ARC Seibersdorf dies im Auftrag der Bundeskellereiinspektion durch. Jedes Jahr werden rund 100 Weine untersucht, deren Herkunft man genau kennt. Wobei der Sorteneinfluss wesentlich geringer ist als der Regionaleinfluss. Die Traubenproben werden im Bundesamt für Weinwirtschaft vergoren und dann in Seibersdorf analysiert. So entsteht jedes Jahr eine Art Isotopenkarte. Gibt es jetzt Verdachtsfälle von falsch etikettiertem Wein, überprüfen wir, ob die Probe deutlich vom Isotopenmuster des Jahrgangs abweicht. Für die Weinwirtschaft ist der Schutz der Region sehr interessant, auch im Zusammenhang mit den neuen DAC-Bestimmungen.

STANDARD: Gibt es noch andere Aspekte in diesem Bereich?

Gerzabek: Das sind Fragen der physikalischen Behandlung von Weinen, z. B. die Aufkonzentrierung betreffend, die in Österreich nicht erlaubt ist. Wobei noch ganz andere Dinge hereindrängen. So wurde ein Verfahren entwickelt, Wein in seine ,Bestandteile' zu zerlegen und in geänderten ,Proportionen' wieder zusammenzubauen. In Übersee-Anbaugebieten wird es teilweise schon eingesetzt. Der springende Punkt ist, dass ja nichts zugesetzt wurde - Wein aus dem Baukasten sozusagen. Hochqualitativer Käse ist stark mit der Region verbunden. Nur ein Bruchteil des produzierten Emmentalers kommt aus der Schweiz. Sobald ,Schweizer Emmentaler' auf dem Etikett steht, wird es aber mit dem Gebietsschutz haarig. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.6. 2003)

Share if you care.