Unsichtbare Welten im Vormarsch

1. Juni 2003, 20:36
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Nach Kino und Literatur hat nun auch die Kunst die Nanotechnologie für sich entdeckt - neben der Faszination für das Unsichtbare werden auch Befürchtungen wach

"Jede neue Entwicklung und jeder Fortschritt, welcher Natur auch immer, weckt Hoffnungen, aber auch Ängste", schrieb der Schweizer Physik-Nobelpreisträger Heinrich Rohrer, der durch die Erfindung des Rastertunnelmikroskops zu einem der Wegbereiter der Nanotechnik geworden ist. Im Falle seiner eigenen Wissenschaft gilt das besonders: Seit Eric Drexler, Wissenschafter am Massachusetts Institute of Technology (MIT), vor bereits 15 Jahren seine Vision von Nanofabriken schrieb, liegen Zukunftshoffnungen und -ängste auf diesem Gebiet besonders nahe beieinander. Nanotechnik, dabei geht es allgemein um Arbeiten in Größenordnungen im Bereich von einem Millionstel Millimeter (=ein Nanometer).

Drexler schwebte vor, dass in den Produktionsanlagen der Zukunft einzelne Atome wie in einem Legobaukasten kombiniert werden können. Es sollte sogar möglich werden, dass sich Atome in Maschinen selbst zu Molekülen und zu Gegenständen zusammenfügen. Als Sciencefiction gelten derartige Visionen in der Fachwelt. "Wir wissen einfach nicht, wie wir komplexe Makromoleküle entwickeln können, die auch funktionieren", so Steven Block, Biophysiker in Stanford.

Gerade dieser Freiraum des Denkens ist jener Punkt, an dem viele künstlerische Projekte einhaken, die sich mit Nanotechnologien beschäftigen. So haben es Christa Sommerer und Laurent Mignonneau die "Sprödheit und schwere Zugänglichkeit des Nanobereiches" angetan. Sie präsentieren mit "Nano-Scape" eine unsichtbare Skulptur, die sich nur durch Tasten erfahren lässt. Je nach Zugriff der Besucher verändert sie sich und organisiert sich neu.

"Nano Scape" ist Teil der Ausstellung "Science+Fiction. Zwischen Nanowelt und globaler Kultur", die das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe organisiert hat und die derzeit durch Deutschland tourt. Hier will man genauso wie in der aktuell laufenden Ausstellung "Nano" in Paris (Galerie Fraîch' Attitude) die Scheu vor neuen Technologien abbauen - und Visionen künstlerisch weiterspinnen. "Mir geht es um eine Perspektivenverschiebung", sagt Laurence Dreyfus, die Kuratorin der Pariser Schau: "Auch glaube ich, dass Kunst und Wissenschaft einander ergänzen müssen. Die Künste gehen allzu oft Einzelwege."

Gerade im Bereich der Nanotechnologie - für die bildnerischen Künste noch ein ungewohntes Terrain - bewegen sich andere Kunstformen wesentlich versierter: Michael Crichton etwa hat erst vergangenes Jahr mit dem Roman "Beute" ein literarisches Szenario entwickelt, in dem er beschreibt, wie ein Schwarm winziger Maschinen sich selbst reproduziert und zur Gefahr wird. Verständlich werden solche Szenarien, wenn man weiß, dass neben dem Bereich der Chipentwicklung vor allem auch das Militär an Nanotechologien interessiert ist.

Für Ralph Merkle, einen der Vordenker der neuen Technologien am Foresight Institut, der mögliche Revolutionen im Produktionsbereich durch die neuen molekularen Technologien preist, ist es umso notwendiger, mit Diskussionen bereits frühzeitig zu beginnen: "In der Anwendungsphase existiert dann bereits ein größeres Wissen über die Technologie in der Öffentlichkeit und wir können uns mit jener Geschwindigkeit weiterbewegen, die uns angebracht erscheint."

Die Künste könnten bei diesem notwendigen Akt des Wissenstransfers ein Mediator sein. Sie nehmen Zukunftsszenarien auf und gehen damit in die Öffentlichkeit. "Sie artikulieren", sagt Dreyfus, "die Ängste, die bei diesem Thema vorhanden sind." (Stephan Hilpold/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.6. 2003)

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