Konfliktdemokratie

1. Juni 2003, 19:33
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Das könnte auch die Chance auf bessere, langfristig billigere Lösungen eröffnen - Ein Kommentar von Conrad Seidl

In wenigen Stunden beginnt der größte Streik, den die Republik je gesehen hat - aber so richtig glauben mag es eigentlich keiner. Übers Wochenende wurden noch einmal Appelle ausgesandt: ob die Herren Gewerkschafter nicht in alter sozialpartnerschaftlicher Manier an den Verhandlungstisch zurückkommen wollen. So einen Streik, den könnte man doch, bitt' schön, auch wieder absagen. Schon wegen der Optik, net wahr?

Umgekehrt hat der ÖGB der Regierung ausgerichtet, dass er eine Senkung der Pension auch "nur" um zehn Prozent nicht akzeptieren könne (einen akzeptablen Betrag hat er in guter gewerkschaftlicher Tradition nicht genannt). Gekämpft würde, bis der Entwurf vom Tisch sei, womöglich auch nach dem Beschluss im Parlament. Es sei denn, alle gemeinsam gingen zurück zum Start. Dorthin aber will eben keine der Streitparteien.

Beide scheinen sich gute Chancen auszurechnen, die öffentliche Meinung am Dienstag und danach für sich zu gewinnen. Die öffentliche Meinung sieht gerne Sieger, sie kann zur Not auch mit den Verlierern trauern - man kennt das vom Sport.

Aber was soll man mit denen tun, die Kompromisse schließen? Eben. Am runden Tisch ist für die, die viel bewegen wollen, kaum Ruhm und Ehre zu holen. Wie eine aktuelle market-Umfrage zeigt, sammelt sich die Anerkennung dort eher bei Nebenfiguren wie dem Grünen-Klubchef Alexander Van der Bellen, der gar nicht mit dabei war.

Dann schon lieber den Konflikt austragen, auch wenn viele in Österreich noch kaum daran glauben können. Ja, das wird härtere Auseinandersetzungen bedeuten als bisher. Aber es kann auch die Chance auf bessere, langfristig billigere Lösungen eröffnen: Schließlich war auch die Kompromisskultur nicht gratis - sie hat uns dorthin gebracht, wo nun nichts mehr geht.(DER STANDARD, Printausgabe, 2.6.2003)

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