Aus dem Schmollwinkel

1. Juni 2003, 19:22
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Totz versöhnlicher Signale von US-Präsident Bush wäre es verfrüht, von transatlantischer Normalisierung zu sprechen - Ein Kommentar von Christoph Winder

Noch ist die große Auslandstour von George W. Bush nicht zu Ende, aber in Krakau, Auschwitz, St. Petersburg und Evian hat der US-Präsident genug Signale zum Weltgeschehen von sich gegeben, um politischen Analytikern ein paar arbeitsame Tage zu bescheren. Bush gab sich dabei vielfach versöhnlich. Die Krakauer Lobrede auf die amerikanisch-europäischen Beziehungen war, bei allen Freundlichkeiten auch für die polnischen Gastgeber, so gehalten, dass der schmerzliche Gegensatz zwischen dem "alten" und "neuen" Europa schonungsvoll ausgeklammert wurde.

Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sprach Bush in Petersburg gewiss aus dem Herzen, als er die tschetschenischen Rebellen mit der Al-Kaida gleichsetzte. Der Händedruck und die paar Minuten Smalltalk mit Gerhard Schröder mögen zwar nicht viel bedeuten, doch angesichts des belasteten deutsch-amerikanischen Verhältnisses gewinnen selbst kleine Gesten Bedeutung. Bushs Händedruck mit Jacques Chirac in Evian fiel zwar sichtlich verkrampft aus, doch immerhin hatte Bush schon in einem Figaro-Interview in der letzten Woche einigermaßen freundliche Töne anklingen lassen.

Von transatlantischer Normalisierung zu sprechen wäre freilich trotzdem verfrüht. Bush hat keinen Hehl aus der Kränkung gemacht, die die Ablehnung des Irakkriegs für die Amerikaner bedeutete, und keinen Zweifel daran gelassen, dass es beim "Krieg gegen den Terror" kein Abweichen von der harten Linie geben wird. Umgekehrt sorgt in den letzten Tagen die Nonchalance, mit der sich - Stichwort: Massenvernichtungswaffen - die Amerikaner ihre Kriegsgründe herbeizuschaffen wussten, in Europa wieder für Aufregung und Ärger. Dennoch: An diesem langen Gipfelwochenende hat es Indizien gegeben, dass Europäer und Amerikaner ihre Schmollwinkel verlassen und sich wieder ein wenig aufeinander zubewegen könnten.(DER STANDARD, Printausgabe, 2.6.2003)

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