Ein Handy für Mendelssohn

1. Juni 2003, 19:44
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Die Philharmoniker und Maxim Vengerov

Wien - Ein Glück - oder vielleicht doch auch ein wenig schade, dass das letzte Konzert der Wiener Philharmoniker vom ORF schon am Donnerstag aus dem Konzerthaus übertragen wurde. So kamen die Heimhörer um einen musikalischen Zusatzeffekt, der tags darauf eben nur den im Goldenen Saal persönlich anwesenden philharmonischen Abonnenten reserviert blieb:

Just als Maxim Vengerov mit aller nur denkbaren geigerischen Delikatesse von Christoph Eschenbach mit kantiger Präzision vom ersten in den zweiten Satz von Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert gehievt wurde, begann ein Handy zu klingeln.

Offenbar war dessen Besitzer von der stürmischen Intensität, mit der Orchester und Solist durch die romantischen Klanggefilde unterwegs waren, in solchem Maße gefangen genommen, dass er die immer gellender werdenden Rufe seines in seiner Tasche vielleicht gar auch schon heftig bebenden Begleiters geraume Weile gar nicht wahrgenommen hat. Doch diese elektronische Mendelssohn-Bearbeitung war durchaus nicht die einzige nicht in der Partitur notierte akustische Zutat, die im weiteren Verlauf dieses Abends zu registrieren war.

Es ist eine altbekannte Tatsache, dass schöne Musik, wie in diesem Fall dann auch noch Anton Bruckners siebente Symphonie, die Herzen weitet. An einem obendrein auch noch so heißen Abend, den erträglich zu machen sich übrigens auch die Klimaanlage unüberhörbar mühte, schwillt nicht nur die Seele, sondern auch so mancher in einen Stöckelschuh gepferchte und nach umgehender Befreiung verlangende Damenfuß. Was Wunder, wenn ohne Rücksicht auf die gerade herrschende dynamische Befindlichkeit der von Eschenbach sehr übersichtlich gestalteten Wiedergabe zu Boden plumpsendes Schuhwerk zu bald mehr, bald weniger unpassenden Schlagzeugeffekten führt.

Zum Glück war das einleitende Werk, Ernst Tochs Dedication zu kurz, um von derlei Interventionen gefährdet zu werden. Doch in seiner hochromantischen Polyphonie wirksam genug, um nachdrücklich an diesen vergessenen Österreicher zu erinnern. (DER STANDARD, Printausgabe vom 2.6.2003)

Von
Peter Vujica
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