Die rabiate Pflege einer übermächtigen Vergangenheit

2. Juni 2003, 13:09
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Die US-Band The White Stripes gilt mit ihrem archaischen Rock als zurzeit aufregendste Band der Welt

Die US-Band The White Stripes gilt mit ihrem archaischen Rock als zurzeit aufregendste Band der Welt. In Wien pflegte das Duo diesen Nimbus ohne größere Mühe.


Wien - "I, I know your reasons, and I, I know your goal, we can fuck forever but you will never get my soul, so you can move, so you can move, so you can . . ." Mitten in die sinistre Bösartigkeit des Gun-Club-Songs Sex Beat platzten Meg und Jack und begannen ihren Höllenritt in die Vergangenheit. Ins Mesozoikum des Pop, an den Anfang von früher.

Drei, vier Nummern in einem wurden da am Freitag im Wiener WuK am Stück aus dem Haudrauf geprügelt, aus der Gitarre gewürgt und atemlos durch verzerrende Mikrofone gekeucht, bevor man sich die ersten Sekunden Stillstand gönnte. Das rote Achselzwicker-T-Shirt von Jack White war klatschnass, das Publikum ebenso: Schweiß, Hitze, Rock 'n' Roll!

The White Stripes waren in der Stadt, das Konzert seit Wochen ausverkauft. Harald Schmidt nannte das unlängst in seiner Show aufgetretene Duo die "zurzeit angesagteste Band der Welt", und zu Hause in den USA verkauft man etwa zehnmal so viele Platten wie der britische Pop-Poseur Robbie Williams.

Das ist schon erstaunlich. Zumal das geschiedene Ehepaar White aus Detroit, das gerne mit dem verbotenen Bruder-Schwester-Pfuigack kokettiert, ihren Erfolg mit wenig mehr als einem Schlagzeug und einer Gitarre bestreitet. Kein technischer Firlefanz kommt hier zum Einsatz, kein doppelter Boden: What you see is what you get!

Damit verbeugen sich die beiden vor der auf jeden Fall übermächtigen Vergangenheit des Rock 'n' Roll, der man - eigentlich - wenig mehr entgegenzusetzen hat als innige Zuneigung und rabiate Pflege.

Denn bei aller gerade herrschenden Begeisterung für die "Band der Stunde" muss schon auch festgehalten werden, - oje, Papa erzählt schon wieder vom Krieg! - dass es das alles schon gegeben hat: Beginnend beim Erfinder, dem Country-Blues-Gottvater Robert Johnson über Elvis, Hank Williams, den solipsistischen Hinterwäldler Hasil Adkins, den erwähnten Gun Club, die Rock-'n'-Roll-Geisterbahnfahrer The Cramps, die New Yorker Blues-Punk-Meuchler Pussy Galore, Junior Kimbrough und andere.

Freiwillig alt

Aber die White Stripes wollen nichts Neues. Im Gegenteil: Der Begriff Modernisierungsverlierer gilt ihnen als Kompliment. Die Promotionsexemplare des aktuellen Albums Elephant gab es anfangs nur als Doppelvinyl. Wer nur einen CD-Player hat - selber schuld. Jack Whites Gitarren sind am besten doppelt so alt wie er selbst und die Ästhetik des Tourplakats übernahm man aus den 50ern.

Diese Zurückhaltung gegen das Heute zeigte sich auch live. Eingebettet in eigenes Liedgut zitierte man Blind Willie McTells Lord Send Me An Angel und coverte - ein früher Höhepunkt des Abends - Love Sick von Bob Dylan. Jenes biblisch anmutende Eröffnungsstück des Time Out Of Mind-Albums, in dem Dylan als größte Bürde seine Anfälligkeit für die Liebe angibt. Dazu presste Jack White fiebrig die Tasten einer live häufig zum Einsatz gebrachten Orgel oder entriss seiner Gitarre bittere Riffs.

Diese historische Versiertheit schmeichelte der Band ebenso wie der Kunstgriff mit der - natürlich alten - Orgel. Mit diesem dritten Instrument runden sie ihre archaische Musik ab, machen sie wärmer.

Wo der Gun Club auf Gedeih und Verderb in den Abgrund drängte, biegen die White Stripes ab und entscheiden sich dafür, gefallen zu wollen. Das führte zu netten Sing-alongs wie I Just Don't Know What To Do With Myself. Einem Stück, das an die weiße Soul-Band Box Tops (minus Bläsersatz) erinnerte, die hier ebenfalls immer wieder ihr Antlitz erhoben hat.

Schönheit statt Kontrollverlust scheint eine der Vorgaben der Stripes sein. Das ging ebenso auf wie gut dosiert eingesetzte "Hits", etwa Seven Nation Army. Ein wilder und ein großer Abend: "So you can move, so you can move, so you can . . . Sex Beat." (DER STANDARD, Printausgabe vom 2.6.2003)

Von
Karl Fluch

Siehe auch die Rezension
Schoßhündchen from hell
Über das US-Duo "The White Stripes", das mit dem Album "Elephant" zur Zeit in Großbritannien für Aufsehen sorgt

  • "Elephant"erschienen bei Xl Recordi (ZOMBA)
    foto: cd-cover

    "Elephant"
    erschienen bei Xl Recordi (ZOMBA)

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