Vom Rollstuhl hinters Steuer

16. Oktober 2011, 17:03
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Maria Lindner sitzt seit 24 Jahren im Rollstuhl, fährt selbst Auto und führt ein ganz normales Leben, wie sie sagt

Angesprochen auf ihre Lebensgeschichte, meint Maria Lindner lächelnd: ‟Augen zu und durch." Sie ist eine Frau wie jede andere, lebt ein ganz normales Leben. 1958 in der Steiermark geboren und aufgewachsen, zog sie mit ihrem Mann Karl zwei Kinder groß und meint: ‟Jetzt bin ich ja Oma. Und ich genieße das neue, quirlige Leben, das mit dem Enkerl ins Haus kommt."

Dabei ist Maria Lindner vom Schicksal gezeichnet. An einem sonnigen Junitag sitzt sie auf einer Parkbank, als sich am Parkplatz hinter ihr ein Auto selbstständig macht und die Steirerin überrollt. Seit damals ist sie querschnittsgelähmt.

Wunsch nach Selbstständigkeit als Motivator

‟Nach sechs Wochen im Krankenhaus habe ich während meiner Rehab-Zeit gleich zwei Autostunden genommen, um zu lernen, wie man mit den Händen bremst und Gas gibt. Darum bin ich nach der Rehab auch gleich wieder Auto gefahren. Das war für meine Selbstständigkeit sehr wichtig, weil ich auch gelernt habe, wie man den Rolli alleine ein- und auspackt."

Während Maria Lindner auf Rehabilitation war, richtete ihr Karl Lindner bereits das Auto her. ‟Weil Karli Werkstättenleiter ist, konnte er den Umbau selbst machen. Darum hielten sich unsere Kosten mit rund 1100 Euro für den Gasring am Lenkrad in Grenzen."

Gas geben und bremsen mit der Hand

Außer der Bremse und dem Gas wurde am Auto nichts verändert. ‟Wir haben auch die vier Türen gelassen, weil ich den Rollstuhl immer vorne einpacke." Dazu montiert Maria Lindner die Räder des Rollstuhles ab, zieht diesen dann über sich drüber und legt die Räder auf die Rücksitzbank. Hilfe braucht sie dabei keine. ‟Aber ich lasse mir schon auch helfen, wenn ich mit jemandem irgendwohin fahre."

Inzwischen fährt Maria Lindner mit einem Mercedes 200 C-Klasse nach einem 190er bereits das zweite Auto – natürlich mit Automatikgetriebe. Aufgebaut hat es wieder ihr Gatte. Dabei hat er die normale Pedalerie im Auto gelassen, sodass auch jeder andere mit dem Fahrzeug fahren kann. Fahren darf mit dem behindertengerechten Auto aber nur jemand, wenn Maria dabei ist. ‟Das hat versicherungstechnische Gründe", erklärt die lebensfrohe Steirerin, ‟weil ich von der Versicherung befreit bin."

Ein ganz normales Leben

Maria Lindner besucht mit ihrem Auto Freunde, fährt selbst zum Arzt oder geht einkaufen. ‟Das tut mir schon gut, weil ich so aus dem Haus komme und mir meine Selbstbestätigung hole, wenn ich ein ganz normales Leben führe. Denn in die Arbeit fahre ich ja nicht mehr, seit ich in Pension bin." In Pension ist Maria Lindner gegangen, nachdem die Firma, in der sie arbeitete, zusperrte und sie fast zeitgleich erfahren hat, dass sie an Brustkrebs leidet. ‟Das kann ich dann keinem Arbeitgeber antun", sagt sie. Von zuhause aus hat sie daraufhin einem Einzelunternehmer aus der Umgebung bei der Abrechnung geholfen.

Jetzt erledigt sie zuhause die Hausarbeit, bis ihr Mann aus der Firma kommt. Ihre Belohnung: Segeln zu gehen. ‟Da bin ich dem Karl sehr dankbar, dass er sich das antut, mich mit aufs Schiff zu nehmen", ist Maria Lindner auch noch stets bescheiden. Sogar wenn es darum geht, welche Probleme sie im Straßenverkehr hat. ‟Mich ärgert nichts, nein. Manchmal, wenn jemand auf dem Behindertenparkplatz steht. Wir brauchen den Platz nämlich nicht zur Gaude, sondern um den Rollstuhl auspacken zu können. Obwohl", schließt sie gleich an, ‟ich verstehe es eh: Wenn es regnet etwa, da denkt halt keiner daran und ist froh, wenn er nicht so weit gehen muss. Und wer jemanden kennt, der in einem Rollstuhl sitzt, der würde sich eh nie auf den Behindertenparkplatz stellen."

  • Wenn Maria Lindner im Wagen sitzt, baut sie ihrem Rolli die Räder ab, verstaut diese auf der Rückbank, den Rollstuhl auf der Beifahrerseite.
    foto: maria lindner

    Wenn Maria Lindner im Wagen sitzt, baut sie ihrem Rolli die Räder ab, verstaut diese auf der Rückbank, den Rollstuhl auf der Beifahrerseite.

  • So sieht Maria Lindners Gaspedal aus. Direkt am Lenker sitzt ein Ring, über den sie mit Durck Gas gibt.
    foto: maria lindner

    So sieht Maria Lindners Gaspedal aus. Direkt am Lenker sitzt ein Ring, über den sie mit Durck Gas gibt.

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