Occupy Wall Street in Wien

"Gemma Wall Street schau'n"

Reportage | Sigrid Schamall, 15. Oktober 2011, 18:18
  • Artikelbild
    vergrößern 500x332
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    "Wir müssen uns solidarisieren. Wir sind die 99 Prozent", hieß es heute auch in Wien.

  • Artikelbild
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Die Demonstrationen auf dem Wiener Heldenplatz verliefen friedlich.

  • Artikelbild
    vergrößern 500x318
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    An Themen zu Kritik mangelte es nicht. Multi-Kulti und Solidarität.

Die Protestwelle aus New York hat Österreich erreicht. In Wien hielten "Empörte" und Althippies Händchen und drehten sich im Kreis

"Empört Euch!", fordert Stéphane Hessel in seinem im Jahr 2010 erschienenen Buch. Und es ist, als hätten sie ihn gehört. "Yes, we can" war gestern. Heute heißt es: "Nein, wir können nicht mehr." Tausende Aktivisten machen seit Wochen vor allem die Finanzindustrie dafür verantwortlich, dass immer mehr Amerikaner - "99 Prozent" - verarmen. Sie protestieren gegen gierige Finanzhaie, Massenarbeitslosigkeit und zunehmende Armut in einem Land, das ihnen eigentlich unbegrenzte Möglichkeiten verspricht. Verantwortlich dafür sei vor allem das "eine Prozent" - die reichsten Amerikaner. Der 15. Oktober wurde zum internationalen Aktionstag ausgerrufen - und damit rollte die Protestwelle auch über Österreich.

***

Wien, Heldenplatz. Auf ihren selbst gemalten Schildern steht "Bankiers und Spekulanten sind Sozialschmarotzer" oder "So nicht, so überhaupt nicht, so schon gar nicht". Unter der Statue von Erzherzog Karl versammeln sich die ersten Demonstranten. Christian, 27, ist eigens aus Mürzzuschlag angereist. In fleckigen Jeans, Rollkragenpulli und Palästinensertuch über dem Kopf. Jetzt trägt er eine Totenmaske vor dem Gesicht, eine Bierdose in der einen, die Fahne der steirischen Piratenpartei in der anderen Hand. Er will für seine "Brüder und Schwestern" kämpfen, wie er sagt. Das tut er bereits seit den Morgenstunden. Schon um 6.45 Uhr hat er vor dem Parlament die Straße blockiert. Eine Polizeistreife habe ihm etwas verblüfft mitgeteilt, dass die Aktionen in Wien erst um 12 Uhr starten würden und ihn verbal attackiert. "Arschloch", sollen sie ihn genannt haben, empört sich der Steirer und zieht an seiner Zigarette. Doch nichts könne ihn aufhalten, denn "wir sind Nu York", sagt er in breitem Dialekt.

Der Platz füllt sich langsam. Die Aktivisten werden aufgefordert, sich an den Händen zu nehmen und einen Kreis zu bilden. Weiter und größer soll er werden, dann doch wieder etwas enger - aus Mangel an Teilnehmern. Zur Einstimmung wird gesungen. Ein Megafon wird durch das Rund geschickt, einer nach dem anderen darf sagen, was ihm oder ihr am Herzen liegt. "Ho", sollen die anderen rufen und die Sprechenden ruhig unterbrechen, um Zustimmung zu signalisieren. Und es werden viele "Ho's" werden. Aus dem Kreis der Alternativen, Althippies und "Empörten" kommen viele Themen, die aufregen: Investoren, die Poker mit den Bürgern spielten, eine Finanzaristokratie, die von der Politik gestärkt werde, die Mächtigen, die die Bürger aussaugten und Konzerne, die die Welt führten - um nur einige zu nennen.

Das "Gegengift" ist schnell gefunden. In diesem "historischen Augenblick" müssten die Menschen weltweit mit einem Herzen denken, sich zusammenschließen und - das kommt fast jedem zweiten Redner von den Lippen - einander lieben. "Wir müssen uns auf der Straße zulächeln, wir müssen uns unsere Liebe zeigen", so eine Aktivistin mit buntem Käppi. Aramis, er wird sich später nur mit einem "danke, dass ihr alle gekommen seid", zu Wort melden, hebt die Arme, faltet sie über seinem Kopf und nickt andächtig.

Ahnen und Ungeborene

Eine Regenbogenfahne mit der Aufschrift "Peace" flattert im Wind. "We are the world, we are the champions", stimmt eine junge Frau an. Applaus, wenn auch nur verhalten. "Danke Feuer, danke Luft, danke Wasser. Wasser, danke, dass es dich gibt, danke Erde...". Ein Mann hält eine Brandrede auf die Schönheiten der Welt. Ein anderer bedankt sich bei den Ahnen und Ungeborenen, die seiner Ansicht nach im Geiste anwesend sind, setzt aber - angesichts der etwa 200 bis 300 körperlich Anwesenden - gleichzeitig auf Irdisches: "Ich weiß, dass noch viele kommen werden. Ich spüre es."

Im Inneren des Kreises beginnen einige zu tanzen. Touristen flanieren vorbei. Einige schauen sich verwundert um, als sie über das Megafon angesprochen werden. "Where are you from? Poland? Russia? Russia. Welcome Russia, thank you for joining us." Die Angesprochenen legen an Tempo zu und verlassen den Platz. Erwin und Gabi sind nicht zufällig hier: "Wir haben nichts Anderes vorgehabt. Da dachten wir eben, gemma Wall Street schauen."

Werner sitzt im Schneidersitz vor der Reiter-Statue. Ob er wisse, unter wessen Füßen er Platz genommen habe? "Keine Ahnung."

Anderer Schauplatz, andere Stimmung: Unter massivem Sicherheitsaufgebot versammeln sich die Aktivisten am Nachmittag am Westbahnhof: Musik, Volksfestcharakter, aber auch ein deutlich schärferer Ton der Demonstranten. Nach Polizeiangaben sind es etwa 2.000. Che Guevara blickt von dem Kleinlaster, der den Zug zur geplanten Menschenkette wieder Richtung Heldenplatz - und nicht wie ursprünglich vorgesehen zur Wiener Oper - anführt. Chaotisch, aber motiviert. "Global revolution" rufen die Menschen in Sing-Sang-Chören. Ein Polizist schaut regungslos in die Menge: "Wir hoffen, es bleibt ruhig." Überhörbar sind die Aktivisten jedenfalls nicht. Mit Fortschreiten des Tages wird die Veranstaltung zur Party, die Bierdosen am Heldenplatz immer präsenter. "It's not the crisis, it's the system", leuchtet es rot von einem der vielen Plakate. Grenzen gehörten abschafft, Studiengebühren sowieso, Pelze, Arbeitslosigkeit, aber auch die "Entartung" der Finanzwelt. Dem bronzernen Erzherzog wird eine Piratenfahne in die Hand gesteckt. "Wir sind alle eine Familie." Ho? (Sigrid Schamall, derStandard.at, 15.10.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 648
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14
a wurscht
00
22.10.2011, 11:55
auch hier kein wort zu lesen wie die facebook gruppe

Occupy Austria - von esoterischen bis ganz rechten spinnern unterwandert ist.

Evolution durch Korruption
00
22.10.2011, 10:46

Sg. Frau Schamall,
die Leute von der Jon Stewart Show haben ihre in Polemik verkleidete zynische Kritik sehr viel sinnvoller verarbeitet, finde ich.

Schauen Sie doch kurz rein ("Jon Oliver segment").

http://www.thedailyshow.com/full-epis... in-trillin

zoran2k
01
21.10.2011, 11:00
occupy roitham!

tomorrow, 12:CET @ raiffeisenplatz!
;)
na, schmäh ohne, wird noch dauern, bis das in der provinz (und damit ist im globalen vergleich auch wien gemeint) ankommt, aber die vorzeichen sind gut und vielversprechend!

und außerdem:
03
19.10.2011, 19:19
ich weiß nicht wer sigrid schamall ist...

aber diese polemische Simulation einer Reportage verdient meine biedermeierliche Aufmerksamkeit.

#als würde es reichen ein paar Schräge Individuen exemplarisch vorzuführen um diese Bewegung lächerlich zu machen

#als wäre es obsolet und lächerlich, für ein Anliegen auf die Straße zu gehen, sich auszutauschen

#als würde es reichen, alle fünf Jahre wählen zu gehen (wenn überhaupt) und den Rest der Zeit zuzusehen wie das Steuergeld in ein paar private Taschen wandert (Eurofighter, BUWOG, Strasser, Grasser, ÖBB, Skylink, Bankenrettung, Telekom, BAWAG, etc. etc.)

ich Gratuliere.

aus'm einser
00
18.10.2011, 22:58
die Amis haben es einfach nicht leicht

wenn man auf Plastik (Schulden) angewiesen ist kann man sein Konto nicht so einfach aufloesen. Da hab ich es hier einfacher, wenn ich meiner Bank nicht trau nehm ich mein Geld vom Konto - und das war's.

Laurenz G
00
17.10.2011, 16:15
Tonfall

Der Tonfall ist vom "Spiegel" abgeschaut, oder? Die sind auch immer blasiert, unbewegt und besserwissend. H.M. Enzensberger hat vor über 40 Jahren dazu mal eine treffende Analyse geschrieben. -
Der beschriebenen Sache wird damit stets treffsicher geschadet.

Martin.H.
02
17.10.2011, 14:07
Polemik

ich war persönlich ab 13:30 Uhr am Heldenplatz und war bis 18:45 Uhr beim Marsch zum Westbahnhof und zurück dabei. Im Artikel werden einzelne Teilnehmer akkurat beschrieben. Frau Schamall gibt sich damit zufrieden, aus welchen Gründen auch immer.

Die gesamte Demonstration und deren rund 2.000 Teilnehmer dann aber mit >>In Wien hielten "Empörte" Händchen und drehten sich im Kreis<< zu beschreiben, ist schlichtweg primitivste Polemik. Von jedem Vorgesetzten der auf Qualität und Objektivität Wert legt, wird die Autorin fristlos entlassen. Beim Standard kommt Frau Schamall damit durch. Gratuliere herzlichst.

@"...and miles to go before I scream":
"prätentiös", nicht "pretentiös".

Peacefaktor
11
17.10.2011, 11:45
laut Infos aus New York, werden die Menschen aufgerufen

um den 5 November herum ihr Geld von Konto abzuziehen.
Es gibt auch Berichte, dass Leute in den USA verhaftet wurden, weil sie ihr Konto auflösen wollten.
Vielleicht ist diese Bewegung aber vor allem dazu gut, dass immer mehr Menschen bewußt wird, dass sie selbst Verantwortung für ihr Leben haben. Als Bürger hat man demnach auch die Pflicht sich friedlich und auf demokratischem Wege sich für seine Rechte, für Mitbestimmung, etc. einzusetzen und auf Mißstände aufmerksam zu machen.
Immerhin geht es am Ende um das wertvollste überhaupt: das Leben selbst.
Es ist genug für alle da. Wenn manche aber gierig alles wollen, muss man sie daran erinnern, dass sie nicht alleine auf der Welt sind.
Nur wir können der "Change" selbst sein.

Sinclair Babbitt
00
17.10.2011, 17:07
Videobericht von der verhafteten Bankkundin in New York

Ich finde Democracy Now immer informativer als youtube-Schnipsel, weil sie richtige JournalistInnen sind und auch Hintergrundinformationen geben. In diesem Bericht von heute (wurde in den USA gerade erst gesendet) geht es erst um die Demo auf dem Times Square und dann um eben jene skandalöse Verhaftung, im Zuge derer eine Frau VON DER POLIZEI in die Bank gedrängt wird, um sie dann festzunehmen, dabei sagt sie am Anfang "I am costumer!"

http://www.democracynow.org/2011/10/1... _as_occupy

Keine Atempause
01
17.10.2011, 13:50

Geniale Aktion - Hochachtung vor der Frau, die den Mut gehabt hat, dazu aufzurufen!

Infos dazu hier:
http://www.bankerknacker.org/Bank-Transfer-Day

Geschichte wird gemacht - Es geht voran! (Aber diesmal nicht in die falsche Richtung)

net-diver
 
00
17.10.2011, 15:24
Naja...

... wenn die Banken nicht mehr funktionieren, werde ich mal sicherheitshalber 2/3 der MA zur Kündigung anmelden.

Wann soll der Bankencrash genau passieren?

Martin.H.
00
17.10.2011, 14:53
eine Alternative zu den Großbanken

internationale Großbanken setzen Profit vor Anstand und Sinnhaftigkeit. Damit mögen sie ja auch einen bestimmten Kundenkreis ansprechen. Viele wünschen sich jedoch echte Alternativen.

Eine solche Alternative ist die GLS-Bank in Deutschland. Nach soeben geführtem Telefonat sieht es aber auch in näherer Zukunft schlecht aus für eine Filiale in Österreich - vielleicht hilft ja etwas Druck aus der österreichischen Bevölkerung.

http://www.gls.de/die-gls-b... r-uns.html

No Nick
02
17.10.2011, 11:39
untergriffig argumentieren ist

nur fr. schamall erlaubt. posts - auch wenn sie nicht beleidigend sind - sondern sich der gleichen diffamierungsstrategie bedienen werden zensuriert. wo ist mein post von heute vormittag geblieben??

Michael Seeber
00
17.10.2011, 11:19

Ich bin der Meinung, dass die Demokratie, wie wir sie im Moment kennen, erneuert, verbessert werden muss, und es gibt dazu auch ernstzunehmende Initiativen (MeinÖsterreich etc.). Auch die Regulierung der Bankenwelt ist ein wichtiges Thema. Aber was von Occupy Wall Street "angeboten" wird, ist einfach Fundamentalopposition, es scheint mir einfach ein Pool Unzufriedener verschiedenster Richtungen zu sein, der sich hier versammelt, um in Stammtischmanier die Abschaffung der Banken und der Marktwirtschaft zu fordern. So kann deren Anliegen nicht ernst genommen werden...

Michael Bakunin
00
17.10.2011, 16:01

Warum kann die Forderung nach Abschaffung der Banken und der Marktwirtschaft nicht ernstgenommen werden?

Clemens H. G.
01
17.10.2011, 09:46
Wär schön...

...wenn der Standard so objektiv berichten täte, wie so manches Medium, dass eigentlich einen anderen Fokus hat...

http://www.industriemagazin.net/link/occupyaustria

Ich bin ein Inserat
01
17.10.2011, 01:23

Was würden wir nur ohne die informativen Artikel im Standard machen...

Austria One
 
00
17.10.2011, 01:17
Ulrich Wickert ruft zum Wählen der Piratenpartei auf

http://www.youtube.com/watch?v=wioQZ7dTUUA

Austria One
 
00
17.10.2011, 00:01
- ohne Worte -

message in 15.O WorldEvolution, please share to all, Eric Aguilà perhaps you can share this with Dry Spain people? :)

Dewald Kruger
I am a South African and have heard of what you are doing and I want to thank you for standing up for people who will probably never hear about you. The people living in Mamelodi and Soweto, Khayelitsha and Diepsloot however needs more than protest marches and speeches.

You and people like you have given me hope for change, hope that the world will realize that something must be done, now I ask you to take the next step, you have heard the cry of abandoned poverty stricken people, don't stop now, make a difference.

From where I and thousands of other people living in Africa are sitting you, the protesters, a

Austria One
 
10
16.10.2011, 23:52
Hallo, ich bin Christian aus Mürzzuschlag, ERKLÄRUNG:

persönliche aussage von mir um 14 uhr am revolutionstag am heldenplatz: ich gehöre keiner politischen institution an. (ehrlich, ich bin auch schon vor jahren aus der kirche ausgetretten) Mitgliedschaftsantrag am 14. Oktober auf Piratenpartei.at ausgefüllt und siehe da, am 16 mal in emailkastn reingeschaut: Mitgliedschaftsantrag

Posteingang

Von Andrea Grasserbauer andrea.grasserbauer@piratenpartei.at
An christian.windisch@gmail.com (Ja, das ist Ihre Adresse.) Weitere Informationen
cc Patryk <patryk.kopaczynski@piratenpartei.at> (Ja, das ist Ihre Adresse.) Weitere Informationen
Datum 15. Oktober 2011 14:13 Betreff Mitgliedschaftsantrag Gesendet von piratenpartei.at

Ahoi,

Du erhältst diese E-Mail als Antwort auf deinen Antrag auf Mi

mitom2
00
18.10.2011, 02:17

hallo,

derzeit ist an der homepage der piratenpartei irgendwas defekt. frag mi net was genau, aber bis es wieder rennt meld di mal hier

> http://www.forum.piratenpartei-sbg.at/index.php

an, damit du di net völlig verlassen fühlst und ein wenig mitdiskutieren kannst. meine eindrücke von der demo finden sich im Wien-bereich.

CU TOM

WLG
00
17.10.2011, 10:52

Da fehlt was...

goope
02
16.10.2011, 18:31
Süddeutsche Zeitung

In der Süddeutschen Zeitung gibt es einen guten Artikel zur Occupy Bewegung.

Leider wird mein Kommentar mit dem Link nicht veröffentlicht. Schaut einfach auf der Homepage der SZ nach.

Markus KA
410
16.10.2011, 18:01

Ich hoff die Aktualisierung des Artikels verzögert sich weil die Verantwortliche noch immer im Eck steht und sich schämt, oder will man das wirklich so stehen lassen?

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 648
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.