Gewinnbeteiligung statt Benya-Formel

15. Oktober 2011, 13:11
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Der Produktivitätsanstieg ist keine gute Basis für Lohnerhöhungen – Unternehmensprofite sind es

Hinter der harten Verhandlungstaktik der Metall-Gewerkschafter steht auch eine grundsätzliche Forderung: Die Rückkehr zur alten Benya-Formel, benannt nach dem legendären ÖGB-Chef (1963-1987), wonach die Lohnerhöhung jedes Jahr der Inflationsrate und dem halben Produktivitätszuwachs entsprechen soll.

Aus Sicht der Metaller rechtfertigt das starke Produktivitätswachstum in diesem Jahr (rund fünf Prozent) neben den steigenden Lebenshaltungskosten ihre Forderung nach einer Lohnerhöhung um 5,5 Prozent. Und auch bürgerliche Kommentatoren wie Peter Rabl im Kurier entdecken plötzlich ihre Liebe zum alten ÖGB-Chef.

Allerdings wurde die Benya-Formel mit gutem Grund Mitte der neunziger Jahre aufgegeben. In einer geschlossenen Volkswirtschaft mit stabilen Märkten sind Produktivitätssteigerungen eine gute Messlatte für faire Löhne, nicht aber in er globalisierten Weltwirtschaft, wo die Gewinne eines Unternehmens entscheidend vom internationalen Wettbewerb bestimmt werden.

Ein Unternehmen mag noch so produktiv sein – wenn die Weltpreise für das Produkt fallen oder der Absatzmarkt schrumpft, dann schlägt sich das nicht in Gewinnen nieder. Ein entscheidender Faktor für Produktivitätsschwankungen ist die Kapazitätsauslastung, die in Zeiten der Hochkonjunktur steigt; doch dieser Zuwachs ist nicht stabil, sondern geht beim nächsten Abschwung wieder verloren.

Deshalb ist es unsinnig, auf Grund von Produktivitätssteigerungen eines Jahres die Löhne für alle zukünftigen Jahre zu erhöhen. Und selbst über mehrere Jahre beobachtete Produktivitätszuwächse sind nicht für die Zukunft gesichert.

Statt die alte Benya-Formel zu beschwören, könnten Arbeitgeber und –nehmer eine neue Formel entwickeln, die auch für gerechte Lohnsteigerungen sorgt, aber besser die Realität der heutigen Wirtschaft widerspiegelt. 

Als Sockel sollte – wie bei den Pensionisten - jedes Jahr nur die Inflation abgegolten werden, und das der breite Verbraucherpreisindex und nicht irgendein Teilindex, der gerade einen höheren Anstieg ausweist. Jeder Mensch hat eigene Verbrauchermuster, aber es gibt nur eine Inflationsrate.

Dafür aber sollten Arbeitnehmer regelmäßig an den Unternehmensgewinnen des Vorjahres beteiligt werden –genauso wie die Aktionäre oder Gesellschafter. Hier wäre eine Formel vorstellbar, bei der die eine Hälfte des Gewinnanteils auf Basis der Durchschnittsgewinne der Branche berechnet (der genaue Anteil gehört ausverhandelt) und die andere Hälfte vom Ergebnis des einzelnen Unternehmens bestimmt werden. Diese Gewinnbeteiligung würde den Sockelgehalt nicht erhöhen, wären also eine Art regelmäßiger Einmalzahlungen.

Das Risiko der Arbeitnehmer bei der Lohnentwicklung würde sich dadurch erhöhen, aber nur sehr wenig. Denn die Kaufkraft wäre im Normalfall in jedem Jahr gesichert.

Nur in Zeiten tiefer Krisen sollte es möglich sein, die Inflation nicht vollständig abzugelten – und dann sollte dies verpflichtend in der Erholungsphase nachgeholt werden.

Wie immer dies genau ausgestaltet wird, ein solcher mechanistischer Zugang würde die alljährlichen Lohnverhandlungen deutlich einfacher und kürzer machen. Das wäre gut für die Arbeitnehmer, die dann immer wüssten, was sie erwartet, und noch besser für Unternehmen, die genauer kalkulieren könnten.

Und unproduktive Streiks wie der jetzige könnten sich beide Seiten ersparen.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Streik in Amstetten.

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