Der Produktivitätsanstieg ist keine gute Basis für Lohnerhöhungen – Unternehmensprofite sind es
Hinter der
harten Verhandlungstaktik der Metall-Gewerkschafter steht auch eine
grundsätzliche Forderung: Die Rückkehr zur alten Benya-Formel, benannt nach dem
legendären ÖGB-Chef (1963-1987), wonach die Lohnerhöhung jedes Jahr der
Inflationsrate und dem halben Produktivitätszuwachs entsprechen soll.
Aus Sicht
der Metaller rechtfertigt das starke Produktivitätswachstum in diesem Jahr
(rund fünf Prozent) neben den steigenden Lebenshaltungskosten ihre Forderung
nach einer Lohnerhöhung um 5,5 Prozent. Und auch bürgerliche Kommentatoren wie
Peter Rabl im Kurier entdecken plötzlich ihre Liebe zum alten ÖGB-Chef.
Allerdings
wurde die Benya-Formel mit gutem Grund Mitte der neunziger Jahre aufgegeben. In
einer geschlossenen Volkswirtschaft mit stabilen Märkten sind Produktivitätssteigerungen
eine gute Messlatte für faire Löhne, nicht aber in er globalisierten
Weltwirtschaft, wo die Gewinne eines Unternehmens entscheidend vom
internationalen Wettbewerb bestimmt werden.
Ein
Unternehmen mag noch so produktiv sein – wenn die Weltpreise für das Produkt
fallen oder der Absatzmarkt schrumpft, dann schlägt sich das nicht in Gewinnen
nieder. Ein entscheidender Faktor für Produktivitätsschwankungen ist die
Kapazitätsauslastung, die in Zeiten der Hochkonjunktur steigt; doch dieser
Zuwachs ist nicht stabil, sondern geht beim nächsten Abschwung wieder verloren.
Deshalb ist
es unsinnig, auf Grund von Produktivitätssteigerungen eines Jahres die Löhne
für alle zukünftigen Jahre zu erhöhen. Und selbst über mehrere Jahre beobachtete Produktivitätszuwächse sind nicht
für die Zukunft gesichert.
Statt die
alte Benya-Formel zu beschwören, könnten Arbeitgeber und –nehmer eine neue
Formel entwickeln, die auch für gerechte Lohnsteigerungen sorgt, aber besser
die Realität der heutigen Wirtschaft widerspiegelt.
Als Sockel
sollte – wie bei den Pensionisten - jedes Jahr nur die Inflation abgegolten
werden, und das der breite Verbraucherpreisindex und nicht irgendein Teilindex,
der gerade einen höheren Anstieg ausweist. Jeder Mensch hat eigene Verbrauchermuster,
aber es gibt nur eine Inflationsrate.
Dafür aber
sollten Arbeitnehmer regelmäßig an den Unternehmensgewinnen des Vorjahres
beteiligt werden –genauso wie die Aktionäre oder Gesellschafter. Hier wäre eine
Formel vorstellbar, bei der die eine Hälfte des Gewinnanteils auf Basis der Durchschnittsgewinne
der Branche berechnet (der genaue Anteil gehört ausverhandelt) und die andere
Hälfte vom Ergebnis des einzelnen Unternehmens bestimmt werden. Diese Gewinnbeteiligung
würde den Sockelgehalt nicht erhöhen, wären also eine Art regelmäßiger Einmalzahlungen.
Das Risiko
der Arbeitnehmer bei der Lohnentwicklung würde sich dadurch erhöhen, aber nur
sehr wenig. Denn die Kaufkraft wäre im Normalfall in jedem Jahr gesichert.
Nur in
Zeiten tiefer Krisen sollte es möglich sein, die Inflation nicht vollständig
abzugelten – und dann sollte dies verpflichtend in der Erholungsphase
nachgeholt werden.
Wie immer
dies genau ausgestaltet wird, ein solcher mechanistischer Zugang würde die
alljährlichen Lohnverhandlungen deutlich einfacher und kürzer machen. Das wäre
gut für die Arbeitnehmer, die dann immer wüssten, was sie erwartet, und noch
besser für Unternehmen, die genauer kalkulieren könnten.
Und unproduktive
Streiks wie der jetzige könnten sich beide Seiten ersparen.