Außerhalb des Sozialnetzes

Patienten ohne Geld und E-Card

Reportage | Vera Mair, 14. Oktober 2011, 19:45

Die gemeinnützige Organisation Amber Med in Wien bietet unversicherten Patienten kostenfreie und anonyme Behandlung

Wien - Ein 34-jähriger Georgier mit schwarzer Lederjacke sitzt zusammengesunken auf einem Stuhl. "Sind Sie das erste Mal hier?" , fragt die freundlich lächelnde Ordinationsgehilfin auf Russisch. Er nickt. "Ich brauche einen Psychiater", bittet er. Doch diese Woche ist kein Termin mehr frei. "Ich werde Sie anrufen, sobald es geht", verspricht die Helferin.

Das volle Wartezimmer von Amber Med in der Oberlaaer Straße im 23. Wiener Bezirk unterscheidet sich kaum von anderen Ordinationen. Nur drei Zettel an der Wand zum Aufnahmezimmer, die Dolmetsch- und Ordinationszeiten auf Mandarin, Russisch, und Türkisch ankündigen, verraten, dass es sich hier um keine gewöhnliche Arztpraxis handelt. Das Besondere an der von der Diakonie Flüchtlingsdienst und dem Roten Kreuz betreuten Einrichtung ist, dass hier Menschen ohne Krankenversicherung unentgeltlich behandelt werden.

Der Großteil der jährlich rund 800 Patienten von Amber Med sind Asylwerber und Migranten, meist russischer oder chinesischer Herkunft. Immer öfter kommen aber auch Österreicher und andere EU-Bürger.

Wahrer oder falscher Name

Ein ehrenamtliches Team aus Allgemeinmedizinern, Gynäkologen und Neurologen hält regelmäßig Ordinationen im Haus. Patienten erhalten bei Bedarf auch Medikamente, soziale Beratungen und Psychotherapien. Darüber hinaus vermittelt die Einrichtung auch externe Behandlungen in allen Fachbereichen.

Das Angebot ist anonym, einzige Bedingung: Patienten müssen sich immer mit demselben Namen anmelden, um eine Patientenakte führen zu können. Ob der angegebene auch der wahre Name sei, spiele dabei keine Rolle, so die Amber-Med-Leiterin Carina Spak. Einschränkungen hinsichtlich der Behandlungsmöglichkeiten bestehen trotz Ressourcenknappheit keine - die Einrichtung wird großteils von ehrenamtlicher Tätigkeit und Spenden getragen. "Wir tun alles, damit die Leute bekommen, was sie brauchen", sagt der diensthabende Arzt Konrad Steinbach im Standard-Gespräch.

Dass der Bedarf nach kostenloser Behandlung groß ist, zeigt nicht nur das volle Wartezimmer. Im Vorjahr waren österreichweit rund 100.000 Personen nicht krankenversichert. Zu den Betroffenen gehören Asylwerber, die aus Angst vor Abschiebung die staatliche Grundversorgung ablehnen oder diesen Anspruch nach Abschluss ihres Verfahrens verloren haben, Schwarzarbeiter, und Verwandte von hier lebenden Migranten. Inländer seien meistens von "Versicherungslöchern" betroffen, so Spak. Wie zum Beispiel Unternehmer, die in Konkurs gegangen sind, Studenten, die ihre Studiengebühren nicht bezahlt haben, oder Auslandsösterreicher, die nach vielen Jahren wieder zurückgekehrt sind.

Doppelte Behandlung

Da der Großteil der Patienten nicht Deutsch spricht, wird die Arbeit der Ärzte durch Dolmetscher unterstützt. Neben sprachlichen Barrieren gilt es für das Amber-Med-Team auch kulturell bedingte Schwierigkeiten abzubauen. Für viele ihrer Patienten sei es neu, Termine einzuhalten oder abzusagen, erzählt Spak. Chinesen ließen sich außerdem gerne doppelt behandeln, einmal nach der traditionellen chinesischen Medizin und dann "zur Sicherheit" auch nach der westlichen. Patienten aus dem ehemaligen Ostblock hingegen bestünden oft darauf, "für jede kleine Geschichte" Antibiotika zu erhalten.

Generell bestehe aber ein großes Vertrauen seitens der Klienten, die oft freiwillig ihre wahren Daten preisgeben. Wie es ihren Patienten nach deren Genesung geht, erfährt Spak nur selten. "Viele sind danach damit beschäftigt, Fuß zu fassen, und wollen diese Zeit hinter sich lassen." (Vera Mair, DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.10.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 43
1 2
_mimmi
03
15.10.2011, 12:12

ärzte, die ehrenamtlich allen menschen helfen, die hilfe brauchen...

sehr bewundernswert! ich hoffe viele menschen werden sich dieses engagement zum vorbild nehmen!

van.der.stiege
03
15.10.2011, 11:41
find ich super!

jetzt bräucht ich nur mehr gratis zahnärzte. wo gibts die??

könnt man, nur so aus bequemlichkeit und weil man ja schon mal da ist, diese amber med station nicht auch noch um eine zahnordination erweitern ??

DirtyHarry
1910
15.10.2011, 08:42

der 34jährige georgier soll nach hause reisen

Samhain
85
15.10.2011, 12:23

Ich wünsche mir, dass Sie ihn gleich begleiten.

tignosa
00
19.11.2011, 11:28
man könnte ja Dirty Harry nach Georgien schicken!

der burli
210
14.10.2011, 21:37
toll. find ich superklasse. von allen die da mitarbeiten oder spenden. alle achtung!

Diskussion
06
15.10.2011, 07:49

Der Orden der Barmherzigen Brüder kümmert sich seit etwa 400 Jahren um bedürftige Patienten In ihren Spitälern (es gibt mehrere) werden mittellose, nicht versicherte Menschen je nahc Bedarf ambulant oder stationär behandelt. Die medizinische Versorgung war immer auf dem besten jeweils möglichen Niveau.
Das Spital der Barmherzigen Brüder in Wien zählt zu wird wegen der hohen Qualität der dort geleisteten Medizin auch gerne von versicherten Patienten aufgesucht.

Diskussion
136
14.10.2011, 21:36

Wenn Auslanmdsösterreicher nahc ihrer Rückkehr nicht versichert sind, müssen sie entweder in einem Land ohne Krankenversicheurngsordnung gewesen sein oder geschlampt haben. Wenn man nämlich eine Bescheinigung seiner Krankenversicherung im Ausland (EU) vorlegt, wird man ohne Wartefrist in die Gebietskrankenkasse übernommen. Und falls man nicht angestellt ist, kann man sich dort- sofern man nur ein geringes Einkommen hat- auch günstig selbst versichern ( gegebenenfalls Antrag auf herabsetzung des Beitrags).

melora
00
16.10.2011, 11:28
Es geht hier aber nicht um Auslandsösterreicher,

sondern um Menschen, die nicht krankenversichert sind.

Meine Hochachtung für alle, die diese Initiative tragen und unterstützen. Ds ist gelebte Menschlichkeit.

pagat ultimo
02
15.10.2011, 12:05

warum sie für diesen vollkommen richtigen hinweis rot bekommen, verstehe ich nicht.

ruzika
010
15.10.2011, 02:55
ich finde es gut, wichtig und richtig,

dass es menschen gibt, denen es egal ist, warum jemand nicht versichert ist. denn egal, warum jemand nicht versichert ist, im falle des falles hilft nur tun und nicht fragen.

Yerba Mate
13
15.10.2011, 01:20

Tja, aber nicht alles Ausland = EU... Auch ohne Schlamperei kann man ohne Krankenversicherung dastehen!

Diskussion
12
15.10.2011, 07:18

Man kann sich aber selbst versichern- und sich vor allem umgehend darum kümmern!

Daniel Dillinger
 
01
15.10.2011, 14:45

Also wirklich: Eigenverantwortung - wie altmodisch!

Carlos Clementin
18
15.10.2011, 08:29

Nicht alle haben so viel Geld, dass sie sich die Selbstversicherung leisten können.

pagat ultimo
00
15.10.2011, 12:07

wie diskussion richtig anführt, wird der beitrag für die selbstversicherung auf antrag herabgesetzt - nur muss man eben den antrag stellen.

eze eze
 
00
15.10.2011, 18:26

Es reicht nicht, einen Antrag zu stellen - es wird auch verlangt, dass man nachweisen kann, den Betrag die nächsten Monate über verlässlich monatlich aufzubringen - kann man das nicht nachweisen oder glaubhaft machen, Pech.

Auge des Osiris
03
15.10.2011, 10:29

Die Selbstversicherung z.B. bei einer GKK und die Herabstufung auf den Mindestbeitrag (ein zusätzlicher Antrag, welcher bei Vorliegen der Unterlagen ohne Probleme bewilligt wird) ist die günstigste Variante in Österreich krankenversichert zu sein. Der Beitrag liegt je nach KK zwischen 50 und 110 Euro. Es ist gut, dass es das gibt - aber Hand aufs Herz: Wenn ich auf meinen Lohnzettel schaue und sehe was mir abgezogen wird, dann kann ich da nurmehr weinen. Ach ja: Und für Bezieher von Notstandshilfe oder Mindestsicherung ist die Versicherung natürlich inkludiert. Man muss nur hingehen und die Auflagen erfüllen (das AMS kann sich von Leistung freistellen, wenn Fristen versäumt werden etc.)

eze eze
 
12
15.10.2011, 11:40

Das AMS kann und tut es leider auch - völlig grundlos Bezüge sperren. Sogar ohne schriftliche oder mündliche Information des/r Betroffenen oder Betreuers. Das kommt in großem Stil vor. Mitunter erhält man den Eindruck, dass das fast schon System hat, weil das AMS damit rechnet, dass viele das nicht bemerken. Wenn man verbal versiert ist und dann reklamiert, hat man gute Chancen, dass die Sperre gleich wieder aufgehoben wird, ansonsten bleibt einem/r nichts übrig als den Rechtsweg einzuschreiten. Zur Sperre reicht es schon, der Bitte eines Unternehmens, nachzukommen, einige Stunden probezuarbeiten - das darf man nämlich nicht - oder dass man sich weigert, dies zu tun und das Unternehmen dann pauschal angibt, man wäre nicht arbeitswillig.

tignosa
00
19.11.2011, 11:30
naja, die schicken einem das dann übers eAms- Konto

ohne Begründung. Und bvevorzugt am Wochenende, damit man sich nicht mehr selbst versichern kann!

Minister der Ökomonie
14
15.10.2011, 16:21

Und dann passiert es, dass man zum Arzt muss wegen eines akuten Gebrechens, und dort erfährt, dass man gar nicht versichert ist. Weil das AMS RÜCKWIRKEND fünf Wochen gesperrt hat, und ab sechs Wochen der Verischerungsschutz entfällt.
Das ist eine sehr angenehme Situation. Weil man dann als Kranker in den Behördenwahnsinn einsteigen darf, zwischen AMS und GKK zu vermitteln... bis man endlich seine Behandlung hat.
Da man als Kranker diese Kraft aber nicht hat, fällt man da leicht mal aus dem System.

Viele systemgläubige Österreicher wollen es nicht wahr haben. Aber man ist sehr viel schneller aus der Versorgung gekickt, als man sich das träumen lassen kann. Und dann darf man sich als prompt Stigmatisierter zurück kämpfen.

Carlos Clementin
13
15.10.2011, 12:47
Deshalb heisst AMS auch:

ArMutS-amt oder ArmutMitSystem...

LÖSUNG: Alle (inkl. Leiter) des AMS sollten als SÖB Angestellte für max. 6 Monate zu Hilfsarbeitelohn gefördert arbeiten. Dann in die Arbeitslosigkeit zurückschicke - NUR SO wird es der PräFrankaPotente Haufen kapieren ...

van.der.stiege
01
15.10.2011, 11:35
seh ich genauso.

man muss sich halt gleich am ersten tag nach seiner rueckkehr aus dem ausland beim ams als 'arbeitssuchend' melden.

wenn man nicht in ö gearbeitet hat bekommt man halt nur notstand (oder mindestsicherung oder wie das nun heisst) aber kranken und pensionsversichert ist man doch sofort ab dem tag der meldung, oder ???

Minister der Ökomonie
03
15.10.2011, 16:26

Haben Sie schon einmal versucht, als Stigmatisierter (und das sind Sie in Österreich sofern Sie arbeitslos, berentet, krank oder Migrant sind) bei den Behörden weiterzukommen?

Das ist keine Angelegenheit von zwei Stunden, das geht in die Wochen und Monate. Zeiten, in denen viel passieren kann, sich Umstände ändern können, die dann wieder behördliche Komplikationen nach sich ziehen.

Ich weiss, das will "man" nicht wahr haben. "Man" denkt, es wäre eh alles kein Problem, dann halt mal kurz dahin, und dahin. Aber so leicht ist es nicht. Um das zu erfahren, muss man aber mal in eine Situation kommen. Was Sie dann erleben, wollten Sie nicht erfahren, hätten Sie tatsächlich für unmöglich gehalten. Das System hat viele Löcher.

Halbmond
37
14.10.2011, 21:01
Ich habe das in der ORF sendung gesehen...

einfach unglaublich das so etwas in Österreich geben könnte ohne versicherung und ohne Ärtzliche versorgung über die runden zukommen.

Wo man glaubt wir leben in einem giraffenland....

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