Die gemeinnützige Organisation Amber Med in Wien bietet unversicherten Patienten kostenfreie und anonyme Behandlung
Wien - Ein 34-jähriger Georgier mit schwarzer Lederjacke sitzt zusammengesunken auf einem Stuhl. "Sind Sie das erste Mal hier?" , fragt die freundlich lächelnde Ordinationsgehilfin auf Russisch. Er nickt. "Ich brauche einen Psychiater", bittet er. Doch diese Woche ist kein Termin mehr frei. "Ich werde Sie anrufen, sobald es geht", verspricht die Helferin.
Das volle Wartezimmer von Amber Med in der Oberlaaer Straße im 23. Wiener Bezirk unterscheidet sich kaum von anderen Ordinationen. Nur drei Zettel an der Wand zum Aufnahmezimmer, die Dolmetsch- und Ordinationszeiten auf Mandarin, Russisch, und Türkisch ankündigen, verraten, dass es sich hier um keine gewöhnliche Arztpraxis handelt. Das Besondere an der von der Diakonie Flüchtlingsdienst und dem Roten Kreuz betreuten Einrichtung ist, dass hier Menschen ohne Krankenversicherung unentgeltlich behandelt werden.
Der Großteil der jährlich rund 800 Patienten von Amber Med sind Asylwerber und Migranten, meist russischer oder chinesischer Herkunft. Immer öfter kommen aber auch Österreicher und andere EU-Bürger.
Wahrer oder falscher Name
Ein ehrenamtliches Team aus Allgemeinmedizinern, Gynäkologen und Neurologen hält regelmäßig Ordinationen im Haus. Patienten erhalten bei Bedarf auch Medikamente, soziale Beratungen und Psychotherapien. Darüber hinaus vermittelt die Einrichtung auch externe Behandlungen in allen Fachbereichen.
Das Angebot ist anonym, einzige Bedingung: Patienten müssen sich immer mit demselben Namen anmelden, um eine Patientenakte führen zu können. Ob der angegebene auch der wahre Name sei, spiele dabei keine Rolle, so die Amber-Med-Leiterin Carina Spak. Einschränkungen hinsichtlich der Behandlungsmöglichkeiten bestehen trotz Ressourcenknappheit keine - die Einrichtung wird großteils von ehrenamtlicher Tätigkeit und Spenden getragen. "Wir tun alles, damit die Leute bekommen, was sie brauchen", sagt der diensthabende Arzt Konrad Steinbach im Standard-Gespräch.
Dass der Bedarf nach kostenloser Behandlung groß ist, zeigt nicht nur das volle Wartezimmer. Im Vorjahr waren österreichweit rund 100.000 Personen nicht krankenversichert. Zu den Betroffenen gehören Asylwerber, die aus Angst vor Abschiebung die staatliche Grundversorgung ablehnen oder diesen Anspruch nach Abschluss ihres Verfahrens verloren haben, Schwarzarbeiter, und Verwandte von hier lebenden Migranten. Inländer seien meistens von "Versicherungslöchern" betroffen, so Spak. Wie zum Beispiel Unternehmer, die in Konkurs gegangen sind, Studenten, die ihre Studiengebühren nicht bezahlt haben, oder Auslandsösterreicher, die nach vielen Jahren wieder zurückgekehrt sind.
Doppelte Behandlung
Da der Großteil der Patienten nicht Deutsch spricht, wird die Arbeit der Ärzte durch Dolmetscher unterstützt. Neben sprachlichen Barrieren gilt es für das Amber-Med-Team auch kulturell bedingte Schwierigkeiten abzubauen. Für viele ihrer Patienten sei es neu, Termine einzuhalten oder abzusagen, erzählt Spak. Chinesen ließen sich außerdem gerne doppelt behandeln, einmal nach der traditionellen chinesischen Medizin und dann "zur Sicherheit" auch nach der westlichen. Patienten aus dem ehemaligen Ostblock hingegen bestünden oft darauf, "für jede kleine Geschichte" Antibiotika zu erhalten.
Generell bestehe aber ein großes Vertrauen seitens der Klienten, die oft freiwillig ihre wahren Daten preisgeben. Wie es ihren Patienten nach deren Genesung geht, erfährt Spak nur selten. "Viele sind danach damit beschäftigt, Fuß zu fassen, und wollen diese Zeit hinter sich lassen." (Vera Mair, DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.10.2011)