Obama kann die Experten nicht überzeugen

Analyse14. Oktober 2011, 20:55
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Die USA nennen ihre Beweise, dass Teheran ein Attentat auf die saudische Botschaft plante, "erdrückend" - aber auch im Land selbst wachsen die Zweifel

Experten wollen, dass alles auf den Tisch gelegt wird.

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Washington/Teheran/Wien - Es ist zwei Tage nach der Aufdeckung des angeblichen iranischen Attentatsplans gegen die saudi-arabische Botschaft in Washington schwer, einen unabhängigen Iran-Experten zu finden, der von der Geschichte überzeugt ist - nicht nur außerhalb, sondern besonders in den USA. "Fishy, fishy, fishy" , zitiert die Nachrichtenagentur IPS Bruce Riedel, einen früheren CIA-Angehörigen und Nahostspezialisten im Dienst des Weißen Hauses. "Nichts passt zusammen" , sagt Kenneth Katzman, der Iran-Fachmann des Congressional Research Service in Washington und Autor eines Buches über die iranischen Revolutionsgarden.

Das häufigste Argument gegen die Existenz eines von oben gelenkten iranischen Komplotts ist der ganz offensichtliche Mangel an Nutzen: Einen kalten Krieg mit Saudi-Arabien auf das Territorium der USA zu tragen und damit Washington die Chance zu geben, nicht nur die wirtschaftliche Isolierung des Iran, sondern auch die politische weiter voranzutreiben - ganz abgesehen von einer militärischen Option -, ist tatsächlich absurd. Ebenso für den Iran unerwünscht ist die Verbesserung der belasteten Beziehungen zwischen den USA und Saudi-Arabien.

Den Einwand gegen das "cui bono?" -Argument, nämlich dass Regime wie das iranische eben nicht stets logisch agieren, könnte man als "Orientalismus" verdächtigen - aber er bezieht sich nicht nur auf nahöstliche, sondern prinzipiell auf undemokratische Regime mit oft sehr komplexen Entscheidungsstrukturen.

Dennoch, absurd bleibt die Tat, und noch absurder ist, dass sie so unprofessionell angelegt war. Einen Dilettanten wie Mansour Arbabsiar mit so einem Plan - übrigens wäre es der erste politische iranische Mord in den USA seit 1979 - zu beauftragen ist seltsam genug. Mansour ist auch Kurde, also kein logischer Regimeverbündeter. Aber dass dieser dafür im Auftrag von oben mexikanische Drogenkriminelle engagiert, ist schlicht "uniranisch" . Mit solchen Taten, so Walter Posch vom Institut für Wissenschaft und Politik in Berlin, werden Personen betraut, die und deren Familien man genau kennt und die es nicht aus finanziellen, sondern ideologischen Gründen machen würden. Auch dass es von allen Mafias der Welt ausgerechnet eine Drogenmafia sein soll, mit der der Iran kooperierte, passt nicht wirklich.

Auf der anderen Seite stehen die USA - aber nicht die der Cheneys, die schon einmal "Beweise" fabrizieren ließen, wenn sie benötigt wurden, sondern die von Präsident Barack Obama. Dass die USA auf eine totale Isolierung des Iran und eine totale Kontrolle seiner Finanzströme aus sind, ist klar - und auch dass mit der Freilassung der zwei US-"Wanderer" aus der iranischen Haft eine eingebaute Bremse gelöst wurde. Der einfachste Weg, sich die Verbündeten gefügig zu machen, die den Iran noch nicht völlig ins Aus stellen wollten, wäre die Aufdeckung so eines Terrorkomplotts.

Manche Analysten sehen auch einen mexikanischen Kontext, nämlich die US-Sehnsucht nach einer Rechtfertigung für eine direkte Intervention dort. Aber das alles, indem man reichlich plump einen Anlass konstruiert oder vorschiebt? Auch wieder schwer zu glauben. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2011)

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    Die Mauer der ehemaligen US-Botschaft in Teheran: Wer richtet die Pistole auf wen? Wollte der Iran seinen Krieg mit Saudi-Arabien auf US-Territorium tragen, oder suchen die USA einen Anlass, um die Schlinge um den Iran noch fester zuzuziehen?

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