Marcel Hirscher gibt in Sölden nach einer Verletzung sein Comeback - Er spricht über Motocross, Skisport, Race und Coolness
Standard: Wenn man bei Ihrem Vornamen das M und das L weglässt und das R mit dem A vertauscht, kommt Race heraus. Das ist Ihrer Homepage zu entnehmen. Ist das der Agentur eingefallen oder Ihnen selbst?
Hirscher: Mir selbst. Race war immer schon das große Stichwort, witzig, dass wir das jetzt so umgesetzt haben. Race ist für mich die große Leidenschaft, die ich mit dem Skifahren verbinden kann.
Standard: Was steht bei Race im Vordergrund, das Tempo oder der Wettbewerb?
Hirscher: Der Wettbewerb.
Standard: Race gibt's ja bei Ihnen nicht nur im Skisport, sondern auch im Motocross.
Hirscher: Leider fahre ich keine Motocross-Rennen. Ich bin zu schlecht. Ich finde, dass man ein gewisses Niveau haben sollte, um sicher Rennen fahren zu können. Ich möchte zwar nicht das Können gewisser Leute schmälern, aber wenn man ein guter Hobbyfahrer ist, dann weiß man im Wettkampf oft nicht, ob sich das jetzt ausgeht, ob ich vor diesem oder jenen in die Kurve reinkomme oder nicht, weil die Erfahrung fehlt. Und dadurch passieren oft blöde Unfälle. Das kann ich nicht riskieren.
Standard: Was können Sie aus dem Motocross mitnehmen auf die Skipiste? Betrachten Sie es als Teil des Trainings?
Hirscher: Es ist mittlerweile ein großer Teil des Trainings. Ich sehe viele Parallelen. Du musst in Extremsituationen das Richtige machen. Bei 190 Puls und unter irrsinniger Belastung. Wenn man 30 Meter weit springt, was ich beim Skifahren aber nicht mache, muss man in der Sekunde richtig reagieren. Eine falsche Entscheidung spürt man sofort. Es muss ja nicht gleich ein Sturz sein, aber es tut trotzdem weh.
Standard: Gibt es noch Parallelen?
Hirscher: Auf dem Motorrad lerne ich, Spuren zu lesen, das Tempo mitzunehmen, nicht überflüssig zu investieren. Zu viel agieren bringt in beiden Fällen nichts. Beim Motocross geht's Mann gegen Mann, das hab ich beim Skifahren nicht direkt. Aber du hast es in dir, du spürst permanent den Mann hinter dir, der dich jagt, weil er deine Zeit jagt.
Standard: Sie gelten als cooler Typ in einer doch traditionellen Sportart. Weshalb?
Hirscher: Ich probiere nicht unbedingt, cool rüberzukommen. Vielleicht glauben die Leute deshalb, dass ich mich anders verhalte als andere. Die Lockerheit, mit der ich meinen Alltag gestalte, vielleicht auch meinen Rennalltag anlege, macht vielleicht den Unterschied zu meinen Kollegen oder anderen Sportlern aus.
Standard: In Österreich herrscht traditionell eine große Sehnsucht nach Skihelden. Beschäftigen Sie sich mit den Wünschen der Fans?
Hirscher: Ich will den Fans etwas zurückgeben, sie via Facebook teilhaben lassen. Jeder hat die Möglichkeit, mir persönlich ein E-Mail zu schicken. Ich antworte.
Standard: Trauen Sie sich zu, in die Fußstapfen von Hermann Maier zu treten?
Hirscher: Das wäre vermessen. Ich habe in der Vergangenheit Sachen gelesen wie der neue Hermann oder die 100 Ähnlichkeiten. Es ist ein großer Blödsinn, nach so kurzer Zeit zu behaupten, dass ich das schaffen kann. Ich glaub auch nicht, dass ich das Zeug dazu hab.
Standard: Trauen Sie sich zu, ein Allrounder wie Ben-jamin Raich zu werden?
Hirscher: Das traue ich mir schon zu. Es ist nur die Frage, ob ich das auch will, ob das in Zukunft Sinn macht. Der Weg geht zurück zur Spezialisierung. Mit drei Disziplinen ist man gut aufgestellt. Und es ist besser, zwei gute Disziplinen zu haben als drei mittelprächtige.
Standard: Sie waren dreimal Junioren-Weltmeister. Schmerzen vor diesem Hintergrund der vierte und fünfte Platz bei Olympia 2010 und der vierte bei der WM 2009 besonders?
Hirscher: Daran denke ich gar nicht gern. Ich bin ja nicht als Favorit nach Vancouver und Val d'Isere gekommen. Umso überraschender waren meine guten Leistungen. Bei Olympia habe ich einen schweren Fehler gehabt, trotzdem war ich nur sieben Hundertstel hinten. Doch hättiwaritati geht einfach nicht. Aber so ist es natürlich viel ärgerlicher, als hätte ich die Rennen total verhaut.
Standard: Ihr erster Trainer war Ihr Vater. Hat seine Tätigkeit an Bedeutung verloren, seit Sie im Nationalteam sind?
Hirscher: Seine Tätigkeit hat sich verlagert vom Skifahrerischen auf andere Bereiche. Er ist das außenstehende, beobachtende Auge. Er schaut, ob die Sachen wirklich in die richtige Richtung gehen.
Standard: Sie haben die WM 2011 wegen eines Kahnbeinbruchs versäumt. Konnten Sie aus dieser Pause etwas Positives mitnehmen?
Hirscher: Definitiv. Die Frage ist nur, ob man sich das im Nachhinein einredet, weil man ja probiert, aus jeder schlechten Situation auch etwas Positives rauszuholen. Ich habe jedenfalls dadurch einen anderen Bezug zu Verletzungen bekommen. Früher habe ich mit Verletzungen von Kollegen leichter umgehen können, aber nicht im positiven Sinn, sondern eher leichtfertig. Nun weiß ich, was dahintersteckt, und jeder, der sich auch nur den Finger bricht, tut mir leid.
Standard: Sind Sie vorsichtiger geworden?
Hirscher: Ich versuche nicht, beim Training zurückzuziehen. Nach der Verletzung macht man das automatisch, doch das Vertrauen in mich und das Material war bald wieder da. Ich war relativ schnell wieder beim alten Risiko.
Standard: Bei jedem Schwung droht das Ende des Spiels. Haben Sie einen Plan B?
Hirscher: Natürlich. Ich habe mich für die Ski-Hotelfachschule entschieden, weil ich der Überzeugung war, sollte das mit dem Skifahren nicht funktionieren, dass eine ausgebildete Arbeitskraft im Tourismus immer gefragt sein wird. Ich kann mir aber auch eine Rolle als Personal Coach oder in der Medienbetreuung vorstellen. (DER STANDARD Printausgabe, 15./16.10.2011)
marcel hirscher (22) kommt aus Annaberg-Lungötz, Salzburg. Mutter
Niederländerin, Vater Österreicher. Der Absolvent der
Ski-Hotelfachschule Bad Hofgastein und dreifache Junioren-Weltmeister
gewann drei Weltcuprennen (zwei Riesenslaloms, einen Slalom) und
schaffte es insgesamt 13 Mal aufs Podest.