Die schwedische Opernsängerin Malena Ernman, ab Sonntag in Händels "Serse" in der Titelrolle, im Gespräch
Wien - Wenn es gut läuft auf der Opernbühne, bleiben sie unhörbar - jene
Mühen, die zu bewältigen sind, wenn sich eine Sängerin in lichte Höhen
barocker Gefühlsrhetorik emporschwingt. Und selbstverständlich haben
auch jene mitunter heiklen Probenwochen, die dem Ganzen vorausgehen
können, keine Bühnenrolle zu spielen. Sie existieren allerdings ohne
Zweifel, diese Mühen, und über die darf man schon einmal reden:
"In den letzten Probentagen ist man gewissermaßen mental krank, man wird
ein bisschen zu einer bösen Person, schläft wenig und merkt, dass man
eher selbstsüchtig wird. Ich wache mitunter in der Nacht auf und
überlege dann Details zu der Rolle." Das alles höre allerdings auch "mit
der Premiere nicht auf, es geht eigentlich bis zur letzten Vorstellung
weiter", meint die Schwedin Malena Ernman, die ab Sonntag im Theater an
der Wien in Händels Serse in der Titelrolle zu erleben sein wird.
Einsame Wesen
"Besonders die letzte Woche vor der Premiere muss intensiv, chaotisch
sein, wobei Opernsänger auch noch als einsam zu bezeichnen sind. Man
trifft sich zwar, aber man konzentriert sich letztlich auf sich selbst -
als müsste man, wie bei einem Hundertmeterlauf, einfach gewinnen. Beim
Schauspiel scheint das Ensemblegefühl stärker verankert zu sein.
Jedenfalls habe ich das so wahrnehmen können, nachdem ich mit einem
Schauspieler verheiratet bin." Die Männerrolle, mit welcher sie sich nun
präsentiert, hat es natürlich insgesamt in sich: "Da sind extreme Höhen
und Tiefen, und ich habe noch Erschwerendes hinzugefügt. Am Ende der
Oper ist auch noch eine der schwersten Arien der Welt zu singen. Man
muss also nicht nur die ganze Zeit seine Energie halten, man muss sie
sich auch einteilen."
Und in der Pause "zwei Bananen essen. Ich glaube, ich verliere während
der Aufführung einen Kilo", ergänzt sie, damit das jetzt nicht ganz ins
Tragische kippt. "Es macht alles natürlich unglaublichen Spaß, und es
ist besser, als ins Fitnesscenter zu gehen. Was ich ja oft tue, auch am
Tag vor der Vorstellung, um Aggressionen rauszuschwitzen. Man wird
schließlich gut bezahlt."
Hierzulande kennt man Ernman durch ihre delikaten Auftritte bei den
Wiener Festwochen, da gab es unter anderem diese wunderbare Dido und
Aeneas-Produktion. In Schweden ist ihre Popularitätsreichweite
allerdings viel imposanter. Dabei war sicher die Tatsache, dass sie vor
zwei Jahren Schweden beim Song Contest in Moskau vertrat, einigermaßen
hilfreich.
"Der Song Contest brachte mir in Schweden ein neues Publikum für meine
klassische Arbeit; meine CDs erreichen sogar Platinstatus. Als ich die
Ausscheidung gewann, hatte ich natürlich schon eine Klassikkarriere, es
war somit einfach ein spaßiges Experiment mit seltsamen Erfahrungen."
Dazu gehört, drei Wochen mit einem Song "herumlaufen, der drei Minuten
lang ist. Das war schon skurril. Hier in Wien verbringe ich ja fünf
Probenwochen mit drei Stunden Musik. Es gab in Moskau auch sehr viele
selt-same Fragen von Journalisten. So wollte man wissen, wo das Mikro
angebracht ist, wenn ich Oper singe."
Die drei Minuten vor dem TV-Publikum hatten es natürlich auch in sich:
"Man muss immer in die Kamera schauen, unentwegt auch lachen. Und mit
dem Mikro zu singen ist natürlich eine eigene Kunstform. Ich habe auch
viel Jazz gesungen, da bekommt man schon Respekt vor manchen Sängern."
In Moskau dann zumindest ins Finale gekommen zu sein war allerdings bei
allem Spaß durchaus wichtig. "Vorzeitig auszuscheiden wäre doch eine
ziemliche Schande gewesen." (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.10.2011)