"Man wird ein bisschen selbstsüchtig"

14. Oktober 2011, 17:36
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Die schwedische Opernsängerin Malena Ernman, ab Sonntag in Händels "Serse" in der Titelrolle, im Gespräch

 

Wien - Wenn es gut läuft auf der Opernbühne, bleiben sie unhörbar - jene Mühen, die zu bewältigen sind, wenn sich eine Sängerin in lichte Höhen barocker Gefühlsrhetorik emporschwingt. Und selbstverständlich haben auch jene mitunter heiklen Probenwochen, die dem Ganzen vorausgehen können, keine Bühnenrolle zu spielen. Sie existieren allerdings ohne Zweifel, diese Mühen, und über die darf man schon einmal reden:

"In den letzten Probentagen ist man gewissermaßen mental krank, man wird ein bisschen zu einer bösen Person, schläft wenig und merkt, dass man eher selbstsüchtig wird. Ich wache mitunter in der Nacht auf und überlege dann Details zu der Rolle." Das alles höre allerdings auch "mit der Premiere nicht auf, es geht eigentlich bis zur letzten Vorstellung weiter", meint die Schwedin Malena Ernman, die ab Sonntag im Theater an der Wien in Händels Serse in der Titelrolle zu erleben sein wird.

Einsame Wesen

"Besonders die letzte Woche vor der Premiere muss intensiv, chaotisch sein, wobei Opernsänger auch noch als einsam zu bezeichnen sind. Man trifft sich zwar, aber man konzentriert sich letztlich auf sich selbst - als müsste man, wie bei einem Hundertmeterlauf, einfach gewinnen. Beim Schauspiel scheint das Ensemblegefühl stärker verankert zu sein. Jedenfalls habe ich das so wahrnehmen können, nachdem ich mit einem Schauspieler verheiratet bin." Die Männerrolle, mit welcher sie sich nun präsentiert, hat es natürlich insgesamt in sich: "Da sind extreme Höhen und Tiefen, und ich habe noch Erschwerendes hinzugefügt. Am Ende der Oper ist auch noch eine der schwersten Arien der Welt zu singen. Man muss also nicht nur die ganze Zeit seine Energie halten, man muss sie sich auch einteilen."

Und in der Pause "zwei Bananen essen. Ich glaube, ich verliere während der Aufführung einen Kilo", ergänzt sie, damit das jetzt nicht ganz ins Tragische kippt. "Es macht alles natürlich unglaublichen Spaß, und es ist besser, als ins Fitnesscenter zu gehen. Was ich ja oft tue, auch am Tag vor der Vorstellung, um Aggressionen rauszuschwitzen. Man wird schließlich gut bezahlt."

Hierzulande kennt man Ernman durch ihre delikaten Auftritte bei den Wiener Festwochen, da gab es unter anderem diese wunderbare Dido und Aeneas-Produktion. In Schweden ist ihre Popularitätsreichweite allerdings viel imposanter. Dabei war sicher die Tatsache, dass sie vor zwei Jahren Schweden beim Song Contest in Moskau vertrat, einigermaßen hilfreich.

"Der Song Contest brachte mir in Schweden ein neues Publikum für meine klassische Arbeit; meine CDs erreichen sogar Platinstatus. Als ich die Ausscheidung gewann, hatte ich natürlich schon eine Klassikkarriere, es war somit einfach ein spaßiges Experiment mit seltsamen Erfahrungen." Dazu gehört, drei Wochen mit einem Song "herumlaufen, der drei Minuten lang ist. Das war schon skurril. Hier in Wien verbringe ich ja fünf Probenwochen mit drei Stunden Musik. Es gab in Moskau auch sehr viele selt-same Fragen von Journalisten. So wollte man wissen, wo das Mikro angebracht ist, wenn ich Oper singe."

Die drei Minuten vor dem TV-Publikum hatten es natürlich auch in sich: "Man muss immer in die Kamera schauen, unentwegt auch lachen. Und mit dem Mikro zu singen ist natürlich eine eigene Kunstform. Ich habe auch viel Jazz gesungen, da bekommt man schon Respekt vor manchen Sängern."

In Moskau dann zumindest ins Finale gekommen zu sein war allerdings bei allem Spaß durchaus wichtig. "Vorzeitig auszuscheiden wäre doch eine ziemliche Schande gewesen."  (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.10.2011)

  • Gastspiel mit Barock: Malena Ernman.
    foto: cederling

    Gastspiel mit Barock: Malena Ernman.

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