Verknüpfung von Programmierfertigkeit und Datenbankauswertung bringt zusätzliche Stories
Spätestens seit dem Phänomen WikiLeaks ist auch der Datenjournalismus verstärkt in die öffentliche Wahrnehmung gerückt. Die Möglichkeiten dieser Form der Berichterstattung sind aber über die massenhafte Aufdeck-Arbeit hinaus noch weit vielseitiger, wie sich am Freitag beim Weltzeitungskongress in Wien zeigte. Von einer Krankenhaus-Beratungsplattform der US-Rechercheorganisation ProPublica bis zum Crowdsourcing-Projekt der "Los Angeles Times", die mit Hilfe der Bevölkerung eine genaue Abgrenzung der bis dorthin unklar definierten "Neighbourhoods" der Metropole schaffte, reicht das Repertoire.
"Programmierjournalist"
Scott Klein von ProPublica trägt keine herkömmliche Berufsbezeichnung, wie etwa "Redakteur" oder "Reporter" sondern den Titel "Programmierjournalist", wie er bei seinem Vortrag erläuterte. Die Bezeichnung ist treffend, denn Kleins Projekte weichen von klassischer Nachrichtenerzählung radikal ab: Statt am Telefon zu hängen und Zitate oder vertrauliche Hinweise zu sammeln, vertraut sein Team auf die Sammlung, Auswertung und publikumsfreundliche Präsentation von Daten.
So nahm sich ProPublica etwa den Nöten von Patienten einer speziellen Nierenkrankheit an, die in den USA staatliche Behandlungen zur Verfügung gestellt bekommen. Dieses Angebot des öffentlichen Gesundheitssystems hatte nämlich einen Haken: Genaue Angaben über Qualität und Expertise der behandelnden Kliniken gab es nicht - wer Patient war, konnte sich kein rechtes Bild von der behandelnden Anstalt machen. ProPublica löste dieses Problem mit der Aggregierung von öffentlich zugänglichen Daten. Nicht nur, dass die Kliniken nun auf einer Landkarte abrufbar und so leichter zu orten sind, wurden sie auch mit Daten versehen, die für Patienten mit der Nierenkrankheit höchst relevant sind. Etwa die Todesrate nach Operationen, gekoppelt mit statistischen Daten darüber, welche Todeswahrscheinlichkeit angesichts der Patientenstruktur vorherrscht - ein klarer Gradmesser dafür, ob das Krankenhaus viele unnötige Zwischenfälle aufweist oder nicht.
"Neighbourhood"-Projekt
An ein breiteres Publikum wendet sich das "Neighbourhood"-Projekt auf der Website der "Los Angeles Times". Ausgangspunkt war die Problematik, dass die einzelnen Gegenden in der Metropole zwar allgemein gebräuchliche Namen tragen, die genauen Grenzen der "Nachbarschaften" aber nie genau festgelegt wurden. Also rief die Zeitung die Bürger dazu auf, daran mitzuarbeiten, genaue Definitionen zu schaffen. Das Projekt war ein Erfolg: Es gab nicht nur tausende Rückmeldungen, aufgrund derer sich genaue Karten erstellen ließen, sondern diese wurden wegen ihrer Genauigkeit sogar von der Stadt und von der Immobilienbranche genutzt. Und: Für die "L.A. Times" fielen dutzende neue Stories ab, weil die genau definierten Gebiete punkto Kriminalitätsrate, Bevölkerungszusammensetzung oder beliebiger anderer Parameter miteinander verglichen werden konnten.
In Frankreich nutzte man Crowdsourcing dazu, die durchschnittlichen Wasserpreise zu bestimmen, wie Nicolas Kayser-Bril von der Plattform OWNI erläuterte: Nachdem von offizieller Seite Auskünfte über die Höhe der Abgaben verweigert wurden, wurde die Bevölkerung aufgerufen, ihre Wasserrechnung einzuscannen und einzuschicken. Rund 6.000 Rechnungen später hatte man ein genaues Bild darüber, wer wie viel für Wasser zahlt. (APA)