Einen Turm opfern

14. Oktober 2011, 17:15
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Wichtige Entscheidungen in Unternehmen beginnen nicht mit dem starren Blick auf den Profit - Manchmal braucht es Opfer - Von Wilfried Stadler

Wer wie ich in den Siebzigerjahren an der Wirtschaftsuniversität studierte, orientierte sich gerne an dem Manager-Image einer damals berühmten Karikatur. Sie war auf die topausgebildeten, als hochmotiviert geltenden Mitarbeiter der stolzen IBM gemünzt und zeigte einen oben Angekommenen im Business-Anzug vor einem wohlaufgeräumten Schreibtisch sitzend, den starren Blick auf ein vor ihm platziertes Konferenzschild mit einer knappen Handlungsanweisung gerichtet: "THINK".

Das ließ sich nun entweder ironisch als Bloßstellung gedankenstarrer Firmensoldaten interpretieren oder aber tatsächlich als Aufforderung zu eigenständigem Handeln. In einer Zeit, in der das Denken noch geholfen hat, bevorzugten wir beide Interpretation.

Und es stimmt ja: Managen funktioniert einerseits durchaus handwerklich, im besten Fall wie das engagierte Erfüllen von gut konzipierten Geschäftsplänen für möglichst ertragsbringende Produkt-Markt-Kombinationen. Seine wirklich wertschöpfende Dimension aber bekommt es durch eigenständige, eigenverantwortliche, unternehmerische Handlungsweisen.

Peter Drucker, bis heute der weltweit wohl einflussreichste Management-Denker, definierte die Führungspersönlichkeiten in erfolgreichen Organisationen gemeinsam prägende Grundüberzeugung treffend so: "A belief in responsibility, in authority grounded in competence and in compassion".

Zu einem allzu kurzatmigen, an Quartalswerten orientierten Handeln meinte er einmal: "Wichtige Unternehmensentscheidungen beginnen nicht mit dem starren Blick auf den Profit. Dieser ist zwar eine Vorgabe, die zu erfüllen ist. Aber wie im Schachspiel ist es manchmal notwendig, einen Turm zu opfern, um das Spiel zu gewinnen, also kurzfristigen Profit zu vernachlässigen, um neue Märkte zu erschließen, neue Produkte zu entwickeln." Das Management ist eben der Professionalität genauso verpflichtet wie dem Mut, jederzeit Überkommenes infrage zu stellen. Erst damit trägt es nicht nur zur unternehmerischen, sondern auch zur gesamtgesellschaftlichen Wertschöpfung bei. "Die Herausforderung, die sich uns nun stellt, und dies besonders in den modernen Demokratien des freien Marktes, ist es, den Pluralismus der autonomen, wissensbasierten Organisationen so zu gestalten, dass er einen Beitrag sowohl zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit als auch zu politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen leistet."

Vor dem Hintergrund der Finanzkrise hätte ihn wohl besonders interessiert, wie Manager aus Turbulenzen neue Chancen machen ("turn turbulence into opportunities"). Ich freue mich auf die Antworten darauf beim Global Peter Drucker Forum im November. (Wilfried Stadler/DER STANDARD; Printausgabe, 15./16.10.2011)

Zur Person:

Wilfried Stadler war bis 2009 Vorstandsvorsitzender der Investkredit Bank AG. Er ist selbstständig als Aufsichtsrat und als Honorarprofessor an der WU Wien tätig. Jüngste Publikation: Der Markt hat nicht immer recht, Linde Verlag 2011.

Das 3. Global Peter Drucker Management Forum findet vom 3. bis zum 4. 11. in Wien statt und widmet sich dem Thema der Verantwortung und der Legitimität.

  • Wilfried Stadler.
    foto: standard/cremer

    Wilfried Stadler.

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