Stöger will künstliche Befruchtung für Single-Frauen und Homosexuelle

14. Oktober 2011, 18:20
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Nicht alles, was medizinisch machbar ist, hält Gesundheitsminister Alois Stöger für gut- Dass künstliche Befruchtung für bestimmte Gruppen verboten ist, soll sich jedoch ändern

Standard: Warum wird die künstliche Befruchtung nur bis zum 40. Lebensjahr der Frau gefördert?

Stöger: Weil mit dem steigenden Alter die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft rapid abnimmt. Wir haben nur begrenzte Mittel. Es ist eine Kosten-Nutzen-Rechnung.

Standard: Macht es nicht gesellschaftspolitisch Sinn, die künstliche Befruchtung länger zu fördern?

Stöger: Viele Frauen machen das nach dem 40. Lebensjahr, aber eben ohne Förderung. Es ist eine Interessenabwägung: Auch das Elternalter hat eine Grenze, die man irgendwann sehen sollte. Wir kommen da in einen ethischen Bereich.

Standard: Nimmt man mit der Grenze nicht Frauen mit weniger Geld die Chancen auf spätes Mutterglück?

Stöger: Das ist mit jeder Grenze so. Die Frage ist, wie viel Geld haben wir zur Verfügung, und wo nehmen wir es sonst weg.

Standard: Peter Husslein vom AKH ist der Meinung, dass die künstliche Befruchtung auch für 55-Jährige diskutiert werden sollte. Geht das Thema in die Richtung?

Stöger: Das Fortpflanzungsgesetz, das zum Großteil dem Justizministerium obliegt, lässt das zu. Es geht aber um die Rechte der Kinder und ethische Grenzen, die zu diskutieren sind. Es ist nicht alles gut, was theoretisch machbar ist.

Standard: Gleichgeschlechtliche Paare sind von der künstlichen Befruchtung ausgeschlossen. Ist da eine Änderung in Sicht?

Stöger: Ich persönlich habe dazu einen offenen Zugang und glaube, dass hier keine Grenzen gesetzt werden sollten. Ich sehe keinen Grund, diese Gruppen auszuschließen. Eigentlich ist man mit der gesamten Rechtslage in Österreich nicht auf dem Status, der einem modernen europäischen Staat entspricht.

Standard: Das könnte beim Koalitionspartner ÖVP durchaus auf Widerstand stoßen, oder?

Stöger: Aus meiner Sicht ist das in unserer Gesellschaft zu diskutieren. Es gibt auch in der ÖVP viele, die das so sehen. Wir führen immer wieder gute Gespräche in diese Richtung. Ich kann nicht sagen, wann und ob es einen Durchbruch geben wird.

Standard: Wie steht es um Änderungen für alleinstehende Frauen, die gesetzlich ausgeschlossen sind?

Stöger: Auch dafür sehe ich keinen Grund. Ich bin dagegen, alleinstehende Frauen auszuschließen. Wir müssen die Realität unserer Gesellschaft in den Gesetzen abbilden.

Standard: Wo sehen Sie die Gründe für die mit elf Prozent sehr hohe Frühgeburtenrate?

Stöger: Ein Faktor sind Mehrlingsgeburten, die auch durch künstliche Befruchtung entstehen. Das zweite Element sind Wunschkaiserschnitte und das dritte veränderte Lebensbedingungen. Mehrlingsgeburten wie im Fall der Fünflinge zu Jahresbeginn sind aus meiner Sicht medizinische Fehler. Es ist ethisch nicht vertretbar, mit einer Hormontherapie bei einer 26-Jährigen zu solchen Ergebnissen zu kommen.

Standard: Ist es ethisch vertretbar, den Eltern die Anzahl der Embyronen vorzuschreiben, die eingesetzt werden dürfen?

Stöger: Wir tragen Verantwortung für die Kinder, die daraus entstehen. Wenn die ihr Leben lang geschädigt sind, muss man eingreifen. Ich hätte diese Grenzen gerne im Fortpflanzungsgesetz geregelt.

Standard: Auch bei Kaiserschnitten liegt Österreich mit 28 Prozent weit über dem EU-Durchschnitt.

Stöger: Die Weltgesundheitsorganisation geht von höchstens 15 Prozent aller Geburten aus, die per Kaiserschnitt erfolgen sollen. Die Verhältnisse laufen auseinander. Ich bin ganz kritisch, wenn Spitäler mit Kaiserschnitten werben.

Standard: Warum ist die Rate so hoch? Fordern die Frauen das ein, oder forcieren es die Spitäler?

Stöger: Ich meine, dass man das Leben in ein Zeitschema pressen möchte und am Wochenende keine Geburten haben will. Daher plant man sie. Das kann der Arzt oder das Krankenhaus sein.

Standard: Hat das auch damit zu tun, dass Spitäler für einen Kaiserschnitt mehr Geld bekommen?

Stöger: Das könnte eine Rolle spielen - ebenso wie die Tatsache, dass Frauen, die per Kaiserschnitt entbinden, länger Wochengeld bekommen.

Standard: Auch ein Kaiserschnitt ist nicht gerade ein Spaziergang. Glauben Sie wirklich, dass sich das so viele Frauen wünschen?

Stöger: Es ist eine Frage der Aufklärung. Wir wollen zum Diskurs anregen - finanzielle oder terminliche Überlegungen sollten keine Rolle spielen.

Standard: Hielten Sie es für sinnvoll, Kaiserschnitte für ein Krankenhaus anders zu vergüten?

Stöger: Ich könnte mir vorstellen, die Vergütung pro Krankenhaus bei 15 Prozent zu deckeln, falls es wirklich am Geld liegt. Ein Expertengremium soll mir erklären, warum es in Österreich Krankenhäuser gibt, die 35 und mehr Prozent Kaiserschnitte haben. Möglicherweise stimmt auch das Verhältnis von Frauen und Männern in der Geburtshilfe nicht.

Standard: Sie meinen, Männer tendieren eher zu Kaiserschnitten?

Stöger: Ja, ich würde sagen, der männliche Zugang zu Medizin ist ein anderer. Lässt man Leben einfach zu, oder will man es in einer Zeittabelle unterbringen? Da geht es um Kontrolle des Lebens. (Andrea Heigl und Julia Herrnböck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.10.2011)

ALOIS STÖGER (51) ist seit 2008 Gesundheitsminister und führte zuvor die Oberösterreichischen Krankenkassen. Der Sozialdemokrat machte eine Lehre bei der Voestalpine und schloss mit dem Titel Diplômé das Studium der Sozialen Praxis ab.

  • Stöger: "Ein Expertengremium soll mir erklären, warum manche Krankenhäuser 35 und mehr Prozent Kaiserschnitte haben."
    foto: standard/newald

    Stöger: "Ein Expertengremium soll mir erklären, warum manche Krankenhäuser 35 und mehr Prozent Kaiserschnitte haben."

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