Das Singvogelprekariat

14. Oktober 2011, 17:11
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Palmetshofer-Erstaufführung: Katja Jung in "Körpergewicht. 17%"

 

Wien - Es darf kein Hindernis geben, wenn es gilt, die famose Schauspielerin Katja Jung in einer ihrer verblüffenden Rollengestaltungen zu bewundern. Im "Nachbarhaus" des Wiener Schauspielhauses hat man Jung in einen frontal einsehbaren Kasten gesperrt: Da sitzt sie im unwohnlichen Sperrholzspind (Bühne: Michael Zerz), bläst ein wenig Trübsal und ähnelt doch auch einem Singvogel, den ein herzloser Mensch in eine Kommode gesteckt hat.

Jung führt in Ewald Palmetshofers Monolog Körpergewicht. 17% das Leben gleich zweier Verliererexistenzen vor. Eine Pensionistin fühlt sich von der Zudringlichkeit der Welt zusehends in die Ecke gedrängt: Sie spinnt ein Netz aus lauter Vorkehrungen, bloß um keine unliebsamen Überraschungen erleben zu müssen. Sie zählt ihre Schritte, sagt sie, und wählt unter allen Verkehrsmitteln nur die am wenigsten frequentierten aus.

Die zweite Stimme leiht Jung einem 32-jährigen, gefeuerten Salesmanager, der seinen Resturlaub in Indien verbringt und angesichts der Wuselei auf dem Subkontinent das Staunen neu erlernt. Zwei "Erwerbsbiografien", ein- und dieselbe Problemlage: Wohin mit dem brachliegenden Humankapital, wenn doch das Leben keine nutzbringenden Gelegenheiten zur Selbstentfaltung mehr verheißt?

Jung gibt in Felicitas Bruckers versponnener Regie zunächst die stramme Sitzriesin. Sie weidet sich händereibend an ihren Triumphen, wenn sie etwa vorgibt, im Zugabteil mit einer Packung Waffeln "die Stille tot gemacht zu haben". Die beiden Figuren, zu einer einzigen Monologstimme zusammengegossen, bilden eine prekäre Notwehrgemeinschaft: einen Januskopf der Nicht-mehr-Erwerbsgesellschaft.

Nun liegen auf Palmetshofers rhythmisch hübsch schnurrendem Text - uraufgeführt 2009 in Mannheim - ein paar Tonnen Sekundärliteratur: von Ulrich Beck aus abwärts immer nur das Beste. Immerzu glaubt man, dass hier in Wahrheit gar keine Figuren reden, sondern Theorie-Sprechpuppen mit beschränkter Haftung.

Umso herrlicher, wie Jung die Palette ihrer Möglichkeiten anrührt. Durch die Entlüftungsklappen ihrer Puppenstube liebäugelt eine seelisch Eingeschüchterte mit der Welt. Chapeau!  (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.10.2011)

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